Fall Schweinsteiger Hoeneß knöpft sich "tz" vor
Uli Hoeneß hat wieder diesen roten Kopf. Man kennt das aus dem Fernsehen. Zum Beispiel nach Niederlagen wie der in Mailand. Heute aber ärgert sich Hoeneß nicht über blinde Schiedsrichter oder faule Kicker. Der Bayern-Manager steht in der Vereinszentrale an der Säbener Straße und schimpft über eine handfeste "Sauerei". Der FC Bayern sei ja viel gewohnt, "aber das ist ein neuer Höhepunkt".
Das Münchner Boulevardblatt "tz" hatte in seiner gestrigen Abendausgabe berichtet, dass der Bayern-Profi und Nationalspieler Bastian Schweinsteiger sowie zwei Zweitligaprofis vom TSV 1860 München von einem Wettpaten schwer belastet worden seien. Es gehe um hohe Wetteinsätze, die auf möglicherweise manipulierte Fußballspiele gesetzt worden seien. Die Justiz ermittele bereits.
Obwohl die Münchner Staatsanwaltschaft daraufhin erklärte, es gebe keine konkreten Beschuldigungen, blieb die "tz" auch in ihrer Morgenausgabe weitgehend bei der Darstellung vom Vorabend. Zwar war in der Hauptausgabe der Zeitung nicht mehr die Rede davon, dass Schweinsteiger und die Kicker des TSV 1860 selbst beschuldigt würden. Ihre Namen seien aber gefallen und die Spieler würden von der Polizei im Zusammenhang mit dem Wettskandal verhört.
Die Zeitung berief sich dabei auf "sichere Quellen", ein "sogenannter Wettpate" habe Schweinsteiger und Co. gegenüber der Staatsanwaltschaft "offenbar belastet". Dann wird's nebulös: "Es ist - um es noch einmal deutlich zu sagen - nichts bewiesen."
"Grob wahrheitswidrig"
Um 13:32 Uhr muss Hoeneß ganz leise sprechen, so zornig ist er. Manchmal kaum zu verstehen. Hoeneß sitzt nicht, er steht, stützt sich bei leicht gebeugtem Rücken mit weit auseinander liegenden Handflächen auf die Tischplatte. Und geht gleich in die Offensive: "Wir gehen mit allen rechtlichen Mitteln gegen diese Berichterstattung vor", sagte er. Gemeinsam hätten die Rechtsanwälte des FC Bayern und des Spielers Schweinsteiger der "tz" eine Unterlassungserklärung zukommen lassen.
Außerdem müsse die Zeitung ihre "grob wahrheitswidrigen Behauptungen" widerrufen. Zudem fordere Schweinsteiger eine Gegendarstellung und habe bereits Strafanzeige gegen die verantwortlichen Journalisten gestellt.
Letzteres ist deshalb ein bisschen pikant, weil einer der Verfasser Max Breitner heißt. Und der ist der Sohn des 74er Weltmeisters und ewigen Bayern-Kritikers Paul Breitner, einst ein besonders guter Kumpel von Uli Hoeneß. Der andere ist Gerald Selch, Sportchef und stellvertretender Chefredakteur der "tz". Selch, früher bei "Bild" gilt in der Branche als Mann mit einem Hang zur deftigen Schlagzeile.
Hoeneß wird dann doch noch ein bisschen lauter: Er verhängt Hausverbot gegen tz-Journalisten. Und pathetischer: Der FC Bayern behalte sich eine mögliche Schadenersatzklage vor und hoffe, dass in einem solchen Fall eine "richtige Summe zusammenkommt, die man wohltätigen Zwecken zur Verfügung stellen kann". Was die "tz" gemacht habe, "das ist Wahnsinn". Noch übler aber sei die Berichterstattung des Fernsehsenders n-tv. Der habe die Nachricht verbreitet, so Hoeneß, und den Nachweis erbracht, "wie Pressefreiheit nicht auszulegen sei". Pressefreiheit bedeute Verantwortung: "Wir leben in einer Gesellschaft, in der diese Dinge in katastrophalem Zustand sind." Von einem konkreten juristischen Vorgehen gegen den Sender sprach Hoeneß aber nicht.
Gigantischer Imageschaden für 1860
Eine halbe Stunde später in der Geschäftstelle des TSV 1860 München. Da sitzt der Ex-Bayern-Profi Stefan Reuter als Sportdirektor im Presseraum und blinzelt vorsichtig in die vielen Kameralichter. Auch Reuter spricht sehr leise, die Tontechniker müssen ihn bitten, näher ans Mikrofon zu rücken. Bei 1860 ist man verzagt. Gestern Abend die "tz"-Geschichte, heute morgen der Rücktritt des Vereinspräsidenten Karl Auer. Eine sportliche und finanzielle Krise komplettiert das desolate Bild des abstiegsbedrohten Vereins.
"Die Unruhe ist groß bei uns", sagt Reuter, "der Imageschaden für 1860 gigantisch". Doch während der große rote Nachbar FC Bayern in die Offensive geht, haben die Blauen noch gar nichts unternommen: "So lange keine Fakten auf dem Tisch liegen, werden wir unsere Spieler schützen." Man habe die beiden Spieler eine Erklärung unterzeichnen lassen, dass sie nicht auf Spiele unter Beteiligung von 1860 München gewettet hätten, sagt Reuter. Aber auf Champions-League-Spiele, "da haben sie schon gewettet, das haben sie gesagt". Der TSV 1860 werde sich beraten lassen und rechtliche Schritte prüfen. Ja, auch mit Hoeneß werde man "Kontakt aufnehmen". Aber jetzt, da "haben wir noch andere Themen zu bewältigen" - eben die Suche nach einem neuen Präsidenten.
"tz" ist sich "absolut sicher"
Im "tz"-Verlagshaus am Münchner Hauptbahnhof bunkerte sich die Sportredaktion tagsüber ein, in Grüppchen saßen die Redakteure in ihren Glasbüros beisammen und sondierten die Lage: "No way" heißt es auf Nachfragen nach den Quellen, "kein Kommentar", man solle doch selbst nachrecherchieren. Aber soviel könne man sagen, die Sache sei "absolut sicher".
Das war in der Mittagzeit. Wenige Stunden später ist alles anders: Der Hamburger Medienanwalt Michael Nesselhauf teilt der dpa mit, dass sich die Zeitung verpflichtet habe, ihre Vorwürfe gegen Schweinsteiger zurückzunehmen. Das Blatt müsse seine Behauptungen, Schweinsteiger gelte als "Beschuldigter" im sogenannten Wettskandal und sei von der Polizei vernommen worden, als unwahr widerrufen.
Auf der Website der tz veröffentlichte Chefredakteur Karl Schermann am Freitagabend eine Erklärung: "(...) Genauso offen müssen wir auch feststellen, dass sich in unsere Berichterstattung in der Abendausgabe zwei Fehler eingeschlichen hatten. Sie wurden von uns sofort korrigiert und erschienen in der Hauptausgabe nicht mehr. Für diese Fehler möchten wir uns in aller Form entschuldigen und noch einmal klar stellen: Die drei Spieler waren nicht bei der Polizei."
Doch so ganz will die "tz"-Redaktion ihre Story noch immer nicht fallen lassen: Zwar heißt es in Schermanns Erklärung weiter: "Auch werden Schweinsteiger (...) nicht als 'Beschuldigte' bei der Staatsanwaltschaft München I geführt." Doch gleich im nächsten Satz heißt es einschränkend:
"Dennoch bleibt: Ihre Namen fallen immer wieder. Abwarten, was passiert! Die Dementis der Staatsanwaltschaft sind nachvollziehbar (und waren im Übrigen auch nicht anders zu erwarten)."