Fan-Demonstration: Freunde für einen Tag - DER SPIEGEL
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Demonstration: Fans unter dem Fernsehturm

Foto: Rainer Jensen/ dpa

Fan-Demonstration Freunde für einen Tag

Marsch für Fußballkultur: In Berlin haben Tausende Fans gegen Kommerzialisierung und Polizeiwillkür demonstriert. Doch in vielen Fragen sind sich die Gruppierungen nicht einig. Dabei zeigt der Blick in die Vergangenheit: Nur gemeinsam können Fans ihren Einfluss geltend machen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war durchaus beeindruckend, als am Samstagnachmittag in Berlin einer der ungewöhnlichsten Demonstrationzüge durch die Straßen zog, den die Hauptstadt in der vergangenen Zeit gesehen hat. Rund 5000 Fußballfans von gut drei Dutzend deutschen Fußballclubs waren gekommen - obwohl kein Spiel angesetzt war.

Verblüffend war diese Zahl auch, weil es deutlich mehr Demonstranten waren, als die Organisatoren erwartet hatten. Selbst aus Freiburg, Saarbrücken oder Regensburg waren Gruppen angereist. Für einen Tag ruhten alle Rivalitäten. Bei der Demonstration gab es keine Zwischenfälle.

Dafür wurden auf den Transparenten und Bannern eine Menge Forderungen miteinander vermengt, die oft nur mit Mühe unter dem Slogan "Für den Erhalt der Fankultur" zusammenzubringen waren. Die zersplitterten Spieltage mit ihrer Vielzahl von Anstoßzeiten gehen längst vielen Fußballanhängern auf die Nerven.

Der Forderung, dass Fußball bezahlbar bleiben muss, kann sich inzwischen der Mainstream ebenfalls anschließen. Auf die Preiserhöhung bei Eintrittskarten hatten etwa vor dem Revierderby im September die Fans von Borussia Dortmund öffentlichkeitswirksam hingewiesen. Sie boykottierten das Spiel bei Schalke 04 wegen der Eintrittspreise von 22 Euro für eine Stehplatzkarte.

Fans mit vielfältigen Forderungen

Andere Forderungen verursachten bei den Zuschauern der Demonstration jedoch Skepsis. So fragten sich viele Beobachter, was denn wohl der Sprechchor "Pyrotechnik ist kein Verbrechen" bedeuten soll oder was es mit der Forderung "USK auflösen" auf sich hat. Viele der in Berlin demonstrierenden Fans möchten, dass bengalische Feuer oder bunter Rauch bei der Selbstinszenierung der Kurven wieder erlaubt werden. Und bei dem USK, dem Unterstützungskommando, handelt es sich um eine Spezialeinheit der bayerischen Polizei, mit denen Fußballfans in der Vergangenheit regelmäßig aneinandergeraten sind.

Womit man schon mittendrin ist in einer komplizierten Debatte über ein latent aktuelles Thema: Fußball und Gewalt. Im Moment ist es in Mode, dass sich Fans generell als Opfer unverhältnismäßiger Polizeieinsätze sehen. Einiges davon ist verständlich, wie allein schon der grundrechtswidrige Umstand, dass bei der Erteilung von Stadionverboten die Unschuldsvermutung nicht gilt und die Beweislast umgekehrt ist.

Wie unübersichtlich die Situation aber wirklich ist, zeigte sich schon, wenn man die Teilnehmer der Demo anschaute. So mussten sich die Fans im Block des BFC Dynamo Berlin, die den Eindruck einer Vertretung des Türstehergewerbes machten, schon sehr zusammenreißen, als St.-Pauli-Punks an ihnen vorüber gingen. Rotbäckige Fans von Amateurclubs aus der Provinz wirkten neben "Wir-haben-schon-alles-gesehen-Anhängern" einiger Bundesligisten jugendlich harmlos.

Keine Einigkeit in der Gewaltfrage

So unterschiedlich die Gruppen wirkten, so uneinheitlich ist auch die Haltung zur Gewaltfrage. Einige Fan-Gruppen waren gar nicht erst gekommen, weil sie nicht mit denen zusammen marschieren wollten, die sie in der Vergangenheit überfallen oder bestohlen hatten. Oder sie waren daheim geblieben, weil sie nicht gegen eigene Überzeugungen eine Pseudo-Friedfertigkeit behaupten mochten.

In den Reden, die in Berlin gehalten wurden, gab es viel Selbstkritisches zum Umgang mit Gewalt zu hören, und gerade deshalb hinterließ die Fan-Demo in der Hauptstadt einen doppelt positiven Eindruck. Es wird nun anscheinend auch unter Fußballfans das eigene Verhalten offen kontrovers diskutiert. Man stilisiert sich nicht einfach nur als Opfer angeblicher Polizeiwillkür und erteilt sich mit dem Spruch "Fußballfans sind keine Verbrecher!" einen Freifahrschein.

Das könnte die oft jungen Fans aus der Ultraszene auch zu interessanten Bündnispartnern mit all jenen Fußballzuschauern machen, denen Bengalos zwar egal sind, die aber von zuschauerfeindlichen Anstoßzeiten, der Gestaltung der Eintrittspreise und anderen Fehlentwicklungen genauso verärgert sind.

Wie sehr sich ein Engagement lohnt, zeigt der Rückblick: Nur dem Engagement der ersten Generation von Fan-Demonstranten vor anderthalb Jahrzehnten ist es zu verdanken, dass Deutschland die einzige große Fußballnation in Europa ist, in der man Fußball noch von Stehplätzen aus schauen kann.