Fankolumne: "Hier wird kein Fußball gespielt" - DER SPIEGEL
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Fankolumne "Hier wird kein Fußball gespielt"

Endlich EM-Stimmung, jubelt SPIEGEL-ONLINE-Fankolumnist Florian Peter bei seiner Ankunft in Wien. Proppevolle Fanzonen, intelligente Unterhaltungsprogramme - denkste. Stattdessen: Frustrierte Budenbetreiber, wenig fußballbegeisterte Damen und eine Einladung zu einem Nackt-Kick.
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Die Zivilisation hat uns wieder! Das war mein erster Gedanke, als wir vorgestern in Wien angekommen waren. Auf dem Land in Pörtschach fühlt sich ein Stadtkind wie ich es bin eben nur halbwohl. Und siehe da: Prompt ist auch so ein bisschen was wie EM-Stimmung spürbar, besonders natürlich auf der Fanmeile rund um das Rathaus. Allerdings wirkt die gesamte Veranstaltung wie eine kleinere Version der WM 2006 in Deutschland - auch in Österreichs Hauptstadt.

Denn obwohl hier in der Fanzone zwischen Heldenplatz und Rathaus ein Hauch von EM-Fieber aufkommt, ist selbst dieser Bereich selten so voll, wie ich das auf der Fanmeile in Berlin damals erlebt habe. Sogar beim Last-Minute-Sieg der Türken am Sonntagabend konnte man sich noch locker frei bewegen. Könnte natürlich auch daran liegen, dass schätzungsweise rund ein Viertel der Standbetreiber mittlerweile ihre Stände schließen, weil es zu wenig Umsatz gibt.

Irgendwie haben die sich in Sachen EM wohl auch mehr erwartet. Man stelle sich das mal vor: Die eigene Nationalmannschaft trifft im alles entscheidenden Vorrundenspiel auf Deutschland, und in vielen Geschäften sind die Fanartikel schon reduziert. Österreichischer Fanschal gefällig? Kein Problem, gibt es hier für lausige sieben Euro, statt vormals 14.

Immerhin bemüht man sich in Wien wenigstens, dem gemeinen Fußballfan mit einem entsprechenden Angebot zu locken. Auch wenn das manchmal ein bedenkliches Licht auf den Fan wirft. Gestern ist uns ein Flyer für ein Nackt-Fußballspiel in die Hand gedrückt worden, inklusive "Stargast" Jürgen Drews. Zwölf halbnackte Frauen – vornehmlich aus dem horizontalen Filmgewerbe – sollten da das Match Österreich gegen Deutschland auskicken. Anschließend: abduschen und Party. Duschen mit Drews? Nö, kein Bedarf, dachten wir.

Stattdessen sind wir mit einem Mini-Fußball durch die Wiener Innenstadt gezogen. Zugegeben: Wir sind nicht gerade die größten Kicker. Und trotzdem haben uns die meisten Cafébesitzer und Ladeninhaber argwöhnisch beobachtet, aber doch gewähren lassen. Bis auf eine Dame. "Hier wird kein Fußball gespielt", ermahnte sie uns.

Kein Wunder, dass Österreich bei der EM bisher nichts gerissen hat.

Und das sollte auch heute Abend so bleiben – ein zweites Córdoba oder ein "Wunder von Wien" darf es nicht geben.