Favorit ManU Helden des Universums
Vor dem Finale der Champions League zwischen dem FC Barcelona und Manchester United hat Sir Alex Ferguson ein Problem, für das man ihn nicht bedauern muss. Es ist die luxuriöseste Sorge, die man derzeit in der Welt des Fußballs haben kann: "Es wäre schön, das Double aus Meisterschaft und Champions League erneut zu gewinnen", sagte der Trainer des Titelverteidigers aus England. "Das Problem dabei ist nur, dass die Leute das dann jedes Jahr erwarten. Es wird zur Mindesterwartung, und wenn wir die nicht erfüllen, gelten wir als gescheitert."
Manchester-Star Rooney: Von ihm könnte Podolski Professionalität lernen
Foto: REUTERSDabei wäre schon der Sieg über die Spanier ein historischer - denn seit Einführung der Champions League gelang es keinem Team, den Titel zu verteidigen. Dreimal haben es Titelverteidiger bis ins Finale geschafft, dort aber verloren.
Doch wo der AC Mailand, Ajax Amsterdam und Juventus Turin zwischen 1995 und 1997 scheiterten, könnte Manchester United endlich erfolgreich sein. Denn es ist die wohl beste Mannschaft, die Ferguson zusammengestellt hat und an diesem Abend (20.45 Uhr, Liveticker auf SPIEGEL ONLINE) in Rom antritt.
Dieses Team hat tiefe Wurzeln, denn um so erfolgreich über eine so lange Saison zu kommen, bedarf es nicht nur einer außergewöhnlichen ersten Elf - sondern einer kaum minder exzellenten zweiten und gar dritten Reihe von Spielern. "Ich hätte heute zwei Mannschaften spielen lassen können", sagte Ferguson, nachdem sein Team am vorletzten Spieltag den englischen Meistertitel gewonnen hatte.
Das war keine der üblichen Höflichkeitsfloskeln gegenüber Reservisten, sondern eine zutreffende Feststellung. Das Endspiel gegen Barcelona wird für Manchester United das 66. Pflichtspiel in dieser Saison sein. Nur sieben davon gingen verloren, aber schon drei Titel hat Manchester bislang gewonnen: neben der Meisterschaft den Ligapokal und die Clubweltmeisterschaft. Nur im englischen Pokal scheiterte United im Halbfinale am FC Everton. Und das auch erst im Elfmeterschießen.
Es bedarf ungeheurer Ausdauer und eines nie erlahmenden Siegeswillens, um über so viele Spiele auf höchstem Niveau konzentriert zu bleiben. Insofern spiegelt Manchester United die Persönlichkeit des Trainers wider, wie das oft bei großen Fußballmannschaften der Fall ist. Der Schotte Ferguson, dessen Vater auf einer Werft in Glasgow arbeitete, hält auch in der Ära des globalisierten Fußball-Entertainments die alten Werte der Working Class hoch.
Er selbst ist knochenhart, kompromisslos und verbissen ehrgeizig, seine Mannschaft trotz aller Superstars eine zähe Einheit von Kämpfern, in der sich jeder fürs Team aufopfert.
So strahlt sie, auch mit all den Spielern aus Argentinien, Südkorea, Frankreich oder Serbien, mehr Englisches aus als die Konkurrenten Liverpool, Arsenal oder Chelsea.
Bestes Beispiel für die Haltung, mit der Manchester United auf dem Rasen antritt, ist Wayne Rooney - von ihm könnte sich Lukas Podolski abschauen, was Professionalität bedeutet. Ohne mit der Wimper zu zucken, arbeitet Instinktstürmer Rooney wenn nötig so weit hinten mit, dass man ihn für einen Außenverteidiger halten könnte.
Michael Carrick oder der Südkoreaner Ji-Sun Park stehen ebenfalls für ein enormes Arbeitspensum bei zugleich höchstem fußballerischen Niveau. Überhaupt ist die Mannschaft eine erstaunliche Mischung aus defensiver Festigkeit und Torgefahr. Sie beherrscht ein breites Repertoire von Spielsystemen, aus dem je nach Gegner das passende ausgewählt werden kann. Gelegentlich überfällt United den Gegner schon früh, oft igelt man sich tief ein und ist dank des Innenverteidigerpärchens Rio Ferdinand und Nemanja Vidic in der Zentrale kaum zu überwinden.
Verteidigen kann so gut sonst vielleicht nur Chelsea. Allerdings ist Manchester United mit Cristiano Ronaldo, Dimitar Berbatow, Carlos Tevez oder eben Rooney vorne viel gefährlicher.
Das alles fügt sich zu Auftritten von einer Selbstsicherheit, wie man sie sonst nur von Helden des Universums aus dem Comic kennt. Es ist schwer vorzustellen, wie der FC Barcelona sie erschüttern soll, denn fast zart wirken die katalanischen Ballzauberer im Vergleich zum Battlestar United aus Manchester.
Leichter fällt da schon die Vorstellung, dass Ferguson und sein Team unter zukünftigen Erwartungen kaum einknicken werden. Es besteht auch nicht die Gefahr, dass in Manchester die Kräfte erlahmen.
Nachdem United in diesem Jahr bei der Zahl der Titelgewinne mit dem FC Liverpool gleichzog, wollen sie den größten Rivalen möglichst bald überholen und alleiniger englischer Rekordmeister werden. Und mit einem Sieg an diesem Abend in Rom würden sie den Vorsprung von Liverpool, die den Europapokal der Meister oder die Champions League fünfmal gewonnen haben, auf nur noch einen verkürzen.