Drei Thesen zur Saison des FC Barcelona Einfach nur noch ein Klub
Lionel Messi
Foto: David Ramos/ Getty ImagesDer FC Barcelona hat zwar einen japanischen Trikotsponsor, das Interesse am Fußball in Japan hielt sich bisher aber in Grenzen. Bis zum vergangenen Wochenende, als Andrés Iniesta in seinem dritten Spiel für Vissel Kobe nach einem Pass von Lukas Podolski ein sensationelles Tor erzielte. Iniesta nahm den Ball mit dem Rücken zum Tor in einer fließenden Bewegung mit, umspielte den Torwart und traf aus kurzer Distanz. Barcelonas Fans werden mit Wehmut zugeschaut haben - Iniestas Weggang riss eine sportliche, vor allem aber eine menschliche Lücke.
Barças Goldene Generation, in der eigenen Nachwuchsakademie La Masia ausgebildet, schrumpft. Klar, Lionel Messi ist noch da, mittlerweile ist der Argentinier sogar zum Kapitän aufgestiegen. Gerard Piqué und Sergio Busquets spielen auch weiter für Barcelona, aber Iniesta und der 2015 nach Katar gewechselte Xavi standen für die von Trainer Pep Guardiola perfektionierten Passorgien, die so viele Gegner zur Verzweiflung brachten. Nun wurde mit Arturo Vidal der Prototyp des körperbetonten Aggressors verpflichtet und nicht nur die Fans in Barcelona fragen sich: Wie soll das passen?
Vor dem Saisonstart gegen Deportivo Alaves am Samstag (22:15 Uhr) beleuchten wir in drei Thesen die Ausgangslage des Titelverteidigers der spanischen Liga:
Arturo Vidal setzt sich auch bei Barça durch
Wer Vidal als unmittelbaren Iniesta-Nachfolger versteht, hat die Transferpolitik von Barcelona nicht verstanden. Denn neben Iniesta hat der spanische Meister auch Paulinho verloren, der Brasilianer spielt künftig wieder in China für Guangzhou Evergrande. In der vergangenen Saison hatte der lauf- und kampfstarke Mittelfeldspieler in 49 Pflichtspielen für Barça neun Tore erzielt. Unter Trainer Ernesto Valverde hat sich Barcelonas System weg vom klassischen 4-3-3 hin zu einem flexibleren 4-4-2 entwickelt, in dem Paulinho häufig in die Spitze vorstieß und das Mittelfeld so torgefährlicher werden ließ. Diese Rolle soll Vidal übernehmen, der Chilene ist auch für seinen Vorwärtsdrang bekannt.
Arturo Vidal
Foto: Mosa'ab Elshamy/ APViel wichtiger aber: Trotz seines Images als limitierter Rüpel, der stets für Platzverweise infrage kommt und sich abseits des Platzes nicht disziplinieren kann, hat sich Vidal in Leverkusen, Turin und München durchgesetzt. Vidal wird sicherlich nicht jedes Spiel bestreiten, aber unter Valverde emanzipiert sich Barcelona vom reinen Guardiola-Fußball und so wird ein gesunder Vidal in der Liga seine Einsätze bekommen.
Es wird die Saison des Ousmane Dembélé
Analog zu Vidal muss auch Ousmane Dembélé in Deutschland mit einer eher negativen Reputation leben. Die Umstände seines Wechsels von Borussia Dortmund nach Barcelona machen ihn immer noch interessant für deutsche Medien, in regelmäßigen Abständen liest man Berichte, Barcelona wolle den 115-Millionen-Transfer wieder loswerden. Belastbar sind solche Gerüchte allerdings nicht.
Ousmane Dembélé
Foto: Mosa'ab Elshamy/ dpaDembélé tat sich in seinem ersten Jahr tatsächlich schwer, wegen einer Muskelverletzung verpasste er fast die gesamte Hinrunde und hatte danach Probleme, in die gewachsene Mannschaft zu kommen. Bei den Fans in Barcelona ist Dembéle dagegen sehr beliebt, nur wenige Spieler werden im Camp Nou mit einem eigenen Lied geehrt. Mittlerweile findet der 21-Jährige eine bessere Mischung aus riskantem Dribbling und mannschaftsdienlicher Spielweise, nach dem WM-Titel macht der Franzose einen fitten und gereiften Eindruck. Zusammen mit Messi und Philippe Coutinho, der Iniesta am ehesten ersetzen wird, wird Dembélé Barcelonas Offensive tragen.
La Masia verliert weiter an Bedeutung
"Més que un club" lautet das Motto des FC Barcelona, der mehr als ein normaler Verein sein möchte. Dazu gehört auch, möglichst viele Spieler aus der Nachwuchsakademie ins Profiteam zu integrieren. Unter dem ehemaligen Trainer Tito Vilanova liefen 2012 zeitweise bis zu acht in La Masia ausgebildete Spieler gemeinsam auf. Dieser Trend ist rückläufig, seit Sergi Roberto 2013 hat es kein Nachwuchsspieler mehr geschafft, sich dauerhaft bei den Profis durchzusetzen.
Dazu passt Barcelonas aggressive Strategie auf dem Transfermarkt. Nicht nur bei Dembélé sondern auch bei Coutinho und dem vor dieser Saison aus Bordeaux geholten Malcom wurde Barça von den beteiligten Klubs für das kompromisslose Vorgehen kritisiert. Dabei würden sich viele Anhänger wünschen, wieder mehr Eigengewächse im Kader zu haben. Aktuelle Kandidaten wären Carles Alena, Juan Miranda, Ricard Puig oder Abel Ruiz, realistische Chancen auf viele Einsätze hat keiner von ihnen.
Fehlt nur noch, wie Real Madrid den Champions-League-Titel über die nationale Meisterschaft zu stellen. "In der vergangenen Saison haben wir die Meisterschaft und den Pokal gewonnen, aber das Aus in der Champions League ist uns im Hals stecken geblieben", sagte Messi zu den Zielen in dieser Saison.
Vielleicht ist der FC Barcelona doch einfach nur noch ein Klub.