FC-Bayern-Bilanz: Stars mit System - DER SPIEGEL
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FC-Bayern-Bilanz Stars mit System

Vorne hui, hinten pfui: So spielen die Bayern nach der ersten Hinrunde unter Klinsmann. Doch um wirklich an Europas Spitze zu gelangen, muss der Club mehr können - und über kurz oder lang noch ein paar Spitzenspieler einkaufen.
Von Jörg Schallenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vorne links ist die Welt in Ordnung und die Zukunft schon Gegenwart. Blickt man auf die Glanzseite des FC Bayern im Dezember 2008, kann man eine Ahnung davon bekommen, wie man in München gern spielen möchte. Wenn Philipp Lahm, Zé Roberto und insbesondere Franck Ribéry ins Tempokreiseln geraten, bekommt jede Abwehr in Europa Probleme.

Beim 3:2-Sieg in Lyon am Mittwochabend funktionierten die rasant vorgetragenen Kombinationen sogar ohne den Brasilianer (der die Bayern ohnehin vielleicht im Sommer verlassen wird). Für ihn sprangen Bastian Schweinsteiger, Tim Borowski und selbst Luca Toni als Passgeber ein, wenn Ribéry nicht ohnehin alles im Alleingang erledigte.

Und weil Miroslav Klose zurzeit einen Lauf hat, steht er immer da, wo er stehen muss - und verwandelt selbst schwierige Vorlagen problemlos. Angesichts solch feiner Angriffskunst kann auch eine Mannschaft wie Olympique Lyon, die zur erweiterten europäischen Spitze zählt, manchmal nur hilflos zuschauen und liegt plötzlich 0:3 im eigenen Stadion zurück.

So viel zu vorne links. Vorne in der Mitte sieht es auch gut aus. Wenn Klose mal nicht trifft, dann Toni oder umgekehrt.

Das Problem des FC Bayern ist der Rest der Mannschaft. Auch nach einem halben Jahr in München hat Jürgen Klinsmann als Trainer noch keine Defensive schaffen können, die höheren Ansprüchen genügt. Offensivkünstler wie Ribéry und Schweinsteiger denken zu wenig mit, wenn es rückwärts geht. Das defensive Mittelfeld ist weiter eine Problemzone. Daraus resultiert ein Riesenloch zwischen Mittelfeld und Abwehr, wie man es in Lyon viel zu oft bestaunen musste. Die Außenverteidiger lassen sich manches Mal zu einfach überlaufen. Und dann fallen auch immer noch verblüffende Konzentrations- und Abstimmungsmängel in der Innenverteidigung auf.

Immerhin: Torwart Michael Rensing steigert sich als Kahn-Nachfolger kontinuierlich und rettete den wichtigen Sieg bei Olympique.

Doch gibt es wirklich so viel zu meckern? Zieht man eine Bilanz der Hinrunde, die beim FC Bayern natürlich vor allem eine Bilanz von Klinsmann ist, dann ist die Statistik zunächst einmal gewohnt beeindruckend. Das Team ist seit 15 Pflichtspielen ungeschlagen, hat die drei wegweisenden Partien in Leverkusen, gegen Hoffenheim und in Lyon gewonnen, liegt in der Bundesliga auf Platz zwei, hat seine Champions-League-Gruppe klar dominiert und überwintert auch im DFB-Pokal.

Klar ist: Die Bayern sind da, wo sie meistens waren - ein bisschen schlechter in der Liga, ein bisschen besser international, aber alles im Plan. Die Frage ist bloß, wo sie jetzt noch hinwollen.

Ach ja, und mit welchen Mitteln.

Denn Klinsmann war mit ein paar klaren Zielen angetreten. Das traditionell kontrollierte und eher abwartende Spiel der Bayern sollte einem offensiver ausgerichteten Tempofußball weichen, bei dem der Ball mit wenigen Berührungen in die Spitze getragen wird. Außerdem sollte die Mannschaft mindestens zwei Spielsysteme verinnerlichen, um variabel aufzutreten. Dreierkette oder Viererkette, ein oder zwei Sechser, drei Spitzen oder zwei - alles sollte möglich sein.

Herausgekommen ist nach dem schwachen Start in der Bundesliga dann aber doch das wohlbekannte 4-4-2-System, das schon Ottmar Hitzfeld praktizierte - und in dem nach wie vor zu viel von Ribéry abhängt. Dabei waren den Verantwortlichen die Grenzen dieser Taktik längst bewusst.

"Wir waren ja alle hier zufrieden, wenn wir im Viertelfinale der Champions League standen und Meister wurden", hat Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge vor ein paar Wochen die bisherige Genügsamkeit beim Rekordmeister gegeißelt.

Damit sollte Schluss sein - eigentlich.

Doch als das Spielverhalten der Mannschaft im Frühherbst leicht anarchische Züge zeigte, griffen Rummenigge und Manager Uli Hoeneß ein. Seitdem geht es wieder etwas verhaltener als geplant zu beim FC Bayern - obwohl Chefberater Paul Breitner jüngst im "Stern" zu Recht darauf verwies, dass Klinsmann "ein oder zwei Jahre", brauchen werde, "um eine Mischung aus unserem konservativen Fußball und dem schnellen Spiel nach vorn zu entwickeln".

Das sieht auch Hoeneß ein, nur dass es in der Interpretation des Managers keinesfalls bedeutet, ein Jahr auf das Sammeln von Titeln zu verzichten.

In diesem Zwiespalt zwischen Innovation und Besitzstandswahrung wird Klinsmann seinen Weg finden müssen. Erste Veränderungen sind längst sichtbar. Zwar spielt die Mannschaft das Hitzfeld-System, agiert offensiv aber deutlich planvoller, dynamischer und torgefährlicher. Dafür ist die Defensive längst nicht mehr so gut unter Kontrolle wie gewohnt.

Außerdem plant Klinsmann, was gern übersehen wird, keinen so ausgeprägten Systemfußball, wie ihn zurzeit etwa Hoffenheim und Leverkusen demonstrieren oder in England der FC Arsenal. Beim FC Bayern bevorzugt man eher das Modell Manchester United, bei dem es zwar auch eine klare Ordnung gibt, das Spiel aber dennoch auf nicht austauschbare Größen wie Cristiano Ronaldo oder Wayne Rooney zugeschnitten ist. Auch beim FC Barcelona ist Lionel Messi nicht ersetzbar.

Wenn man will, kann man dieses Modell "Stars mit System" nennen. Ob und vor allem auf welchem Niveau es beim FC Bayern funktionieren wird, hängt auch davon ab, wie mutig die Personalplanung für die Schlüsselpositionen aussieht.

Während die Verpflichtung eines Anatoli Timoschtschuk aus St. Petersburg für das defensive Mittelfeld den Zukauf europäischer Spitzenklasse bedeuten würde, bekäme man mit Ivica Olic vom Hamburger SV letztlich nur einen überdurchschnittlichen Ergänzungsspieler. Das Beispiel Ribéry zeigt aber, wie wichtig individuelle Klasse auf Spitzenniveau ist.

Wer am Mittwoch den 20-jährigen Karim Benzema in Aktion erlebt hat, weiß, für welche Spieler sich die Bayern interessieren sollten, wenn sie auf Dauer mehr erreichen wollen als das Viertelfinale der Champions League.

Klinsmann würde er auch bestens ins System passen.

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