Bayern-Gegner Besiktas Krach, Kampf, Kommerz
In Besiktas, dem fußballverrücktesten Viertel der fußballverrückten Stadt Istanbul, versammeln sich an einem Abend im März Fans des gleichnamigen Klubs in einer Kneipe. Sie haben gerade den Erfolg ihrer Mannschaft in einem Ligaspiel beklatscht, nun sitzen sie für Bier und Raki zusammen. Sie sprechen über die Meisterschaft, über die Stadtrivalen Fenerbahce und Galatasaray.
Irgendwann kommt die Sprache auf die Partie am Mittwoch in der Champions League gegen den FC Bayern München (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: ZDF). "Ach ja, ich hoffe, wir gehen nicht wieder unter", sagt einer. "Ein Unentschieden wäre gut", sagt ein anderer.
Bis vor drei Wochen war das Champions-League-Achtelfinale für Besiktas Istanbul noch das Match des Jahres. Doch dann ging das Hinspiel in München 0:5 verloren. Die wenigsten Istanbuler glauben jetzt noch daran, dass ihr Verein weiterkommt. Die Gäste in der Besiktas-Fankneipe geben trotzdem ein Versprechen ab: Gemütlich wird es für den FC Bayern in Istanbul nicht werden.
141 Dezibel im Vodafone Stadion
Es ist weniger die Mannschaft von Besiktas, ein Team aus routinierten, international erfahrenen Spielern, aber ohne Stars, die jedes Match in dem Stadion am Bosporus zu einem Abenteuer macht - sondern das Publikum. Die Anhänger von Besiktas sind die lautesten der Welt, 141 Dezibel wurden bei einem Ligaspiel vor wenigen Jahren gemessen, ein Rekord. Die Auswechslung von Timo Werner, Stürmer von RB Leipzig, im Champions-League-Vorrundenspiel im vergangenen Herbst in Istanbul, soll auch mit der enormen Lautstärke zu tun gehabt haben.
Das 0:5 in München hat die Euphorie der Besiktas-Fans allenfalls ein wenig gedämpft. Der Satz, wonach Fußball mehr ist als nur ein Spiel, gilt in der Türkei wie in kaum einem anderen Land. Die Identifikation der Menschen mit ihrer Mannschaft ist enorm. Und das, obwohl der Fußball in der Türkei notorisch korrupt ist.
Die Ultras sind bekannt für ihr politisches Engagement
Die drei großen Istanbuler Vereine vertreten jeweils verschiedene soziale Schichten: Fenerbahce gilt als der Klub der Neureichen und der Nationalisten und wird unter anderem von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan unterstützt, während sich hinter Galatasaray die Istanbuler Bourgeoisie versammelt. Besiktas war lange Zeit das Team der Arbeiter und Linksintellektuellen.
Carsi, die Ultra-Fangruppe von Besiktas, ist berühmt für ihr politisches Engagement. Ihre Mitglieder haben gegen den Irakkrieg demonstriert und gegen den Bau eines Atomkraftwerks. Sie sammelten Geld für Erdbebenopfer und spenden regelmäßig Blut. Als ein schwarzer Besiktas-Spieler von gegnerischen Fans beleidigt wurde, entrollten sie im Stadion ein Banner: "Wir sind alle schwarz".
Ihren größten Auftritt hatten die Besiktas-Ultras während der regierungskritischen Proteste im Istanbuler Gezi-Park im Frühsommer 2013. Als die Demonstrationen begannen, genügte ein Wort von Carsi auf Twitter, um die Massen zu mobilisieren: "Geliyoruz" - wir kommen. Mehrere Zehntausend Besiktas-Anhänger zogen daraufhin in Richtung Gezi-Park. Ihre Gesänge: "Pfeffergas olé!" und "Los, schieß das Gas / Los, schieß das Gas / Wirf den Knüppel weg / Zieh den Helm aus / Zeig, dass du dich traust", gehörten zu den wenigen Parolen, auf die sich alle Demonstranten einigen konnten.
Carsi-Mitglieder bei Protesten am Taksim-Platz 2013
Foto: Kerim Okten/ picture alliance / dpaFür Carsi war die Gezi-Revolte Höhepunkt und Wendepunkt zugleich: Ihr Einsatz hat der Gruppe weltweit Sympathien und Ansehen eingebracht. Präsident Erdogan jedoch begann, gegen Carsi vorzugehen: Mehrere Dutzend Mitglieder wurden wegen vermeintlicher Terrorhilfe vorübergehend festgenommen. In den vergangenen Jahren wurde Carsi zunehmend marginalisiert.
Tür ist offen für alle, die Besiktas lieben
Fikret Orman, Bauingenieur und seit 2012 Präsident von Besiktas, sucht die Nähe zur Regierung. Er hat Carsi-Mitglieder für ihre Rolle bei den Gezi-Protesten öffentlich kritisiert. "Unsere Tür ist für all jene offen, die Besiktas lieben", sagte er. "Aber ich kann nicht dulden, dass im Namen von Besiktas Politik gemacht wird."
Orman hat die Kommerzialisierung des Klubs vorangetrieben. Besiktas reist nun zu Gastspielen nach China. Das Stadion wurde umgebaut und heißt "Vodafone Park". Sportlich hat sich die Initiative ausgezahlt: Orman hat Stars wie Mario Gomez oder Pepe nach Istanbul geholt. Besiktas wurde in den vergangenen beiden Spielzeiten Meister.
Die Identität des Klubs aber droht zunehmend verlorenzugehen. Besiktas wurde oft mit dem FC St. Pauli verglichen. Inzwischen erinnert der Verein eher an seinen Gegner vom Mittwoch - den FC Bayern München.