FC Bayern München: Ja, was denn nun? - DER SPIEGEL
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Bayerns Remis in Augsburg Ja, was denn nun?

Schon wieder lassen die Bayern gegen einen krassen Außenseiter Punkte liegen. Der Auftritt nach dem Spiel war aber noch weniger souverän als jener auf dem Rasen.
Von Christoph Leischwitz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kurz vor Schluss der Pressekonferenz fühlte sich Niko Kovac an der Ehre gepackt. "Martin, Entschuldigung", sagte der Trainer des FC Bayern München zu seinem Kollegen Martin Schmidt, "das muss ich jetzt mal klären". Eigentlich war gerade dem Coach des FC Augsburg eine Frage gestellt worden. Nämlich jene, ob mit dem 2:2 des schwäbischen Außenseiters gegen den Favoriten aus München das mutigere Team belohnt worden war. Stattdessen antwortete Kovac: "Haben Sie nicht gesehen, dass wir die ganze Zeit versucht haben, das dritte Tor zu schießen? Also."

Mit diesem Dazwischenfahren erreichte ein Nachmittag der bayerischen Widersprüchlichkeiten seinen Höhepunkt. Denn keine zwei Minuten zuvor hatte sich Kovac selbst darüber geärgert, dass sich seine Mannschaft nicht einfach hinten reingestellt hatte. "Wenn es zum Ende hin 2:1 steht, dann muss man eben auch als Bayern München sich hinstellen, gut verteidigen, da brauchen wir nicht noch ein drittes Tor, sondern kein zweites vom Gegner."

Ja, was denn nun?

Es ist nicht das erste Mal, dass die Bayern unter Kovac bei einer vermeintlichen Pflichtaufgabe in der Bundesliga Punkte liegenlassen. Doch diesmal schien der Trainer emotional noch stärker angeschlagen als sonst. Zum einen, weil die Bayern in der Tabelle nur noch eine Mannschaft unter vielen sind.

Vor allem aber wegen Niklas Süle, der zu Beginn der zweiten Halbzeit das Stadion auf Krücken verlassen hatte. Das, sagte Kovac, sei "die schlimmste Nachricht" des Tages. Womöglich ging dem 48-Jährigen gerade auch schon durch den Kopf, wie sich die gesamte Hierarchie im Defensivverbund verändert, falls der Innenverteidiger Nummer eins auf unbestimmte Zeit ausfallen sollte - ausgerechnet, wenn mehrere englische Wochen anstehen. Süle stand in der aktuellen Saison in jedem einzelnen Spiel in der Startelf.

"Ein gutes Spiel abgeliefert"

Natürlich hatte tatsächlich nicht viel gefehlt zu einem klaren Sieg. Die viel beschworene individuelle Qualität im Angriff hätte mit einer besseren Chancenauswertung beinahe wieder alle aktuellen Probleme kaschiert, namentlich Robert Lewandowski und der insgesamt überragende Torschütze Serge Gnabry (49. Minute), der die Augsburger Abwehr mit seiner gedanklichen und körperlichen Schnelligkeit sichtlich überforderte.

Noch-Präsident Uli Hoeneß sagte vorsichtshalber gar nichts. Die anderen Verantwortlichen sahen auch nach diesem 2:2 die Probleme nicht. Oder sie wollten sie nicht sehen. Sportdirektor Hasan Salihamidzic bestand darauf, mit "78 Prozent Ballbesitz und 15 Großchancen" ein gutes Spiel abgeliefert zu haben. Trainer Kovac ärgerte sich nur über eine einzige Sache "maßlos": Dass man in den entscheidenden Situationen nicht so verteidige, wie er sich das vorstelle. Und das sei genau zweimal passiert, bei den Gegentoren.

Das war schlicht falsch. Erstens hätte der eingewechselte Alfred Finnbogason schon in der 89. Minute das 2:2 erzielt, nicht erst in der Nachspielzeit, wenn er nicht überhastet den Ball verfehlt hätte.

Zweitens hatten die Bayern mit Ballverlusten in der gegnerischen Hälfte mehrere Augsburger Konter selbst eingeleitet, wobei drei Spieler für taktische Fouls Gelb sahen. Der Torschütze zum 1:0 nach 27 Sekunden, Marco Richter, kam auf diesem Weg zu zwei weiteren Gelegenheiten.

Nach einem hohen Ball von Rani Khedira brachte Richter sein Team nur wenige Augenblicke nach Anpfiff in Führung

Nach einem hohen Ball von Rani Khedira brachte Richter sein Team nur wenige Augenblicke nach Anpfiff in Führung

Foto: Michael Dalder/REUTERS

Und nicht nur, weil die Bayern bereits vor acht Monaten in Augsburg nach nur 13 Sekunden ein Eigentor gefangen hatten, stellte sich die Frage, ob sich die Mannschaft im Vergleich zur ersten Kovac-Saison überhaupt verbessert hat. Da grenzte es fast schon an Realitätsverweigerung, als der Trainer sagte: "Ich finde, dass wir punktemäßig nicht so dastehen wie letztes Jahr, aber vom Fußball, da sind wir schon besser." Dabei verwies er auf das 7:2 in der Champions League beim Vorjahresfinalisten Tottenham.

"Nicht bayern-like"

Dünnhäutig reagierte der Trainer auch auf die Nachfrage zu Thomas Müller. Die Fans im Gästeblock hatten seine Einwechslung gefeiert, jedoch erst in der 80. Minute. "Ich finde, dass die Mannschaft, die auf dem Platz war, das außerordentlich gut gemacht hat", sagte Kovac, und verwies ungefragt darauf, dass Müller eine Großchance liegengelassen hätte. Die Diskussionen um den Weltmeister als Dauer-Einwechselspieler werden mit solchen Sätzen nicht abreißen.

In der Kabine, berichtete Torwart Manuel Neuer, seien nach dem Spiel alle mit hängenden Köpfen dagesessen. Seine Kritik fiel noch am deutlichsten aus. Wenn man sich ansehe, wann die Gegentore gefallen waren - in der ersten und quasi der letzten Spielminute - dann könne man daraus etwas ablesen. "Ich will nicht sagen, dass es überheblich ist. Aber vielleicht ein bisschen zu lässig, zu selbstbewusst", sagte er. Wenn man am Ende einfach nur hinterherlaufe "und sich die Punkte klauen lässt, dann ist das nicht bayern-like."

Trainer und Sportdirektor aber fanden es wichtiger, gut gespielt zu haben.