Bayern-Matchwinner Herr Kimmich, bitte
Joschua, Josch, Joe, Jo - zählt Thomas Müller auf. Die Rufnamen, die der Mann des Abends von den Kollegen beim FC Bayern schon erhalten hat, sind so vielseitig wie sein Auftreten auf dem Platz. Joshua Kimmich selbst war von der Diskussion ein wenig genervt, als er am späten Dienstagabend vor die Mikrofone tritt. Wie wird sein Vorname nun richtig ausgesprochen? "Ach, ich habe das schon so oft gesagt", sagte er, und wiederholte es noch einmal. Ausgesprochen wird er: Josua. Mit einem weichen "s" also.
Der 21-Jährige war nach dem 5:0-Auftaktsieg in der Champions League gegen den erwartungsgemäß hoffnungslos unterlegenen Debütanten FK Rostow der gefragteste Mann. Trotz der Tore von Robert Lewandowski, Juan Bernat und Thomas Müller: Das Thema war der unaufhaltsame Aufstieg Kimmichs zum Stammspieler und Leistungsträger.
Elf Tage zuvor hatte Kimmich in Norwegen bei der WM-Qualifikation seinen ersten Treffer für die Nationalmannschaft erzielt, am vergangenen Freitag auf Schalke hatte er mit seinem späten 2:0 das Spiel entschieden. Gegen Rostow traf er nun zweimal, einmal sogar per Kopf. Nicht schlecht für seine 1,76 Meter. "Er hat in jedem Wettbewerb mehr Tore geschossen als ich, er zählt jetzt zu meinen Hauptkonkurrenten", witzelte Müller.
Umgang mit der Popularität lernen
"Ich kann's nicht erklären, vielleicht werde ich hier besser in Szene gesetzt", antwortete der Ex-Stuttgarter auf die Frage, warum er nun auch noch Tore schießt - in diesem September schon genauso viele wie in zwei Jahren in der zweiten und dritten Liga zusammen.
Der Rummel um seine Person ist ihm sichtlich unangenehm. "Selber schuld" rief ihm jemand zu, und Kimmich musste kurz lächeln. Er wirkte immer noch schüchtern, doch Torwart Manuel Neuer versicherte, dass er das in Wahrheit überhaupt nicht ist. "Er ist nicht zurückhaltend, das war er auch in der vergangenen Saison nicht." Er sei eben nur behutsam aufgebaut worden, sportlich wie medial. Und bis jetzt mache er "einen super Job".
Die Tore, die Kimmich unter dem neuen Trainer Carlo Ancelotti schießt, sind nur das auffälligste Indiz dafür, wie breit gefächert sein Aufgabenbereich ist. Er leistet Abwehrarbeit, er kann das Spiel eröffnen, er macht Betrieb über die Seite, er übernimmt Ecken und Freistöße, er schießt gerne aus der Distanz aufs Tor. Und nun geht er auch noch spontan in die Mittelstürmer-Position. So wie in der 53. Minute gegen Rostow, als er eine Hereingabe von Douglas Costa im Fallen über die Linie drückte.
Es gibt auch kritische Töne von ihm
"Das Toreschießen ist nicht alles. Es gehört noch anderes dazu, der Mannschaft zu helfen", sagte er. Kimmich trug einen roten Rucksack und hatte die Daumen in die Schnallen eingehängt. In Bayern war am Dienstag erster Schultag. Doch man darf sich nicht täuschen lassen von seinem jungenhaften Aussehen, Kimmich ist mittlerweile mehr als ein Musterschüler. Er übernimmt sogar die kritische Analyse: "Wir haben sie bespielt, aber das hat am Anfang nicht so gut geklappt. Wir haben den Ball nicht so schnell laufen lassen", sagte er.
Es hatte tatsächlich eine Weile gedauert, bis die Bayern die Fünferkette von Rostow mürbe gespielt hatten, phasenweise hatten die Ideen gefehlt. Bezeichnend war eine Szene aus der 33. Minute, als der FC Bayern Einwurf auf Höhe der Mittellinie hatte. David Alaba fand einfach niemanden, zu dem er werfen konnte - da pfiff Schiedsrichter Anthony Taylor die Aktion ab und Rostow bekam den Ball.
In solchen Phasen sind Spielertypen wie Alaba oder eben Kimmich gefragt, die flexibel auf das Spiel reagieren können. Kimmichs schnelle Tore gleich nach der Pause haben zumindest in dieser Champions-League-Partie dafür gesorgt, dass aus einem faden Pflichtsieg noch ein netter Abend für die Fans wurde. "Er ist in einer sehr guten Verfassung. Er kann eigentlich auf jeder Position spielen und ist sehr fokussiert", lobte Trainer Ancelotti.
Müller versuchte, in seiner typisch ironischen Art klarzumachen, wie reif der junge Star für sein Alter bereits ist: "Jetzt muss ich mich wieder an seine Sprunggelenke hängen und schauen, dass er bis Samstag nicht die Bodenhaftung verliert." Kimmich selbst sagte über seine Fähigkeiten auf dem Platz: "Ich denke, ich kann das alles schon ganz richtig einschätzen." Dazu passt ein weiterer Vorschlag von Müller, wie man den Allrounder mit den vielen Spitznamen auch noch nennen könnte: "Herr Kimmich". Das klinge doch auch ganz gut.