FC Bayern München tankt in Freiburg Kräfte für das Champions-League-Duell mit Real Madrid - DER SPIEGEL
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Bayern-Erfolg in Freiburg Ein Sieg für die Moral. Für Madrid

Nach dem dramatischen Sieg in Freiburg fühlt sich der FC Bayern bereit für das Champions-League-Duell gegen Real. Nur sollten sie da nicht so spielen wie am Samstag in den ersten 80 Minuten.
Aus Freiburg berichtet Florian Kinast
Doppeltorschütze Tom Bischof, Außenstürmer Luis Díaz: Die Bayern haben die gute Laune auf ihrer Seite
Doppeltorschütze Tom Bischof, Außenstürmer Luis Díaz: Die Bayern haben die gute Laune auf ihrer Seite

Doppeltorschütze Tom Bischof, Außenstürmer Luis Díaz: Die Bayern haben die gute Laune auf ihrer Seite

Foto: Silas Stein / AFP

In der 81. Minute kniete Luis Díaz auf dem Spielfeld und hämmerte verzweifelt auf den Rasen. Noah Atubolu hatte seinen Distanzschuss genauso spektakulär über die Latte gelenkt wie schon kurz zuvor den Weitschuss von Michael Olise.

Das Publikum feierte den Torwart mit stehenden Ovationen, der SC Freiburg führte 2:0, die Spieler des FC Bayern wirkten verzweifelt. Es war eben eines dieser sehr wenigen Spiele, in dem auch der besten deutschen Mannschaft nichts gelingen mochte, aber auch rein gar nichts. Wenn sie den Gegner zu Toren einluden, wenn sie den Ball neben das Tor stolperten, wenn ihre noch so großartigen Spieler immer wieder an Noah Atubolu scheiterten. Die vertane Großchance von Luis Díaz passte bestens ins Bild. Spätestens nach dieser Aktion stand die Niederlage des FC Bayern fest. So schien es zumindest.

Der FC Bayern gewann das Spiel beim SC Freiburg mit 3:2.

Weil es eben der FC Bayern ist. Weil sie es konnten. Weil sie es so wollten. Und weil sie genau dieses Drama mit solchen Emotionen brauchten. Für die Moral, fürs Momentum, für Madrid. Drei Tage vor dem großen Abend im Bernabéu, drei Tage vor dem Viertelfinal-Hinspiel der Champions League bei Real.

Emotionen, die die Liga sonst kaum hergibt

Was dieser Erfolg bedeutete, vor allem aufgrund seiner Entstehungsgeschichte, das war schon nach dem Siegtreffer von Lennart Karl zu sehen. Der Torschütze feierte mit Mannschaftskollegen wie auch mit blankem Oberkörper ekstatisch vor dem Münchner Fanblock, dazu stürmte der gesamte Trainerstab aufs Spielfeld, zudem die nicht eingewechselten und die schon ausgewechselten Spieler. Den FC Bayern erschütterte eine Gefühlseruption, wie man sie in dieser Saison noch nicht erlebt hatte. Das 100. Saisontor des FC Bayern, es war das wohl wichtigste der gesamten Spielzeit. Nicht weil sie die Tabellenspitze souverän behaupteten, mit weiterhin neun Punkten Vorsprung auf den BVB aus Dortmund, der später am Abend 2:0 in Stuttgart gewinnen sollte.

Sondern weil sich die Bayern allein an der Art und Weise, wie dieser Sieg zustande kam, berauschen durften, mehr, als hätten sie an einem lauen Frühlingsnachmittag im Badischen mal ganz entspannt 4:0 gewonnen.

»Mehr positives Gefühl, um nun nach Madrid zu fahren, geht nicht«, sagte Max Eberl, der Sportvorstand. Dann benutzte er noch Begriffe wie Moral und Charakter, Joshua Kimmich erwähnte später noch die Mentalität.

Kein Comeback ohne Rückstand

Worüber Eberl freilich nur ungern und sehr kurz sprach, waren die ersten 80 Minuten der Partie. Als die Bayern in allen Teilen unsauber spielten, von Manuel Neuer in seinem ersten Ü40-Spiel bis zu Serge Gnabry ganz vorn.

Denn natürlich gehörte auch das zur Wahrheit dieses Spiels: Freiburgs Führung zu Beginn der Schlussviertelstunde war höchst verdient – bis der FC Bayern begann, wie der FC Bayern zu spielen. Indem man den Gegner einschnürt, zermürbt, ernüchtert, indem es dann auch verschmerzbar ist, dass das bewährte Offensivpersonal um Michael Olise und Luis Díaz nicht trifft. Weil man noch einen Linksverteidiger wie Tom Bischof hat, der seine ersten Tore für die Bayern erzielte. Einmal flach links, unmittelbar nach der Ecke in der 81. Minute. Einmal flach rechts, in der zweiten Minute der Nachspielzeit.

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Die Sekunden nach dem Ausgleich zum 2:2 waren sehr bezeichnend für diesen Nachmittag. Viele Teams hätten sich zufriedengegeben mit dem einen Punkt, nach einem Zwei-Tore-Rückstand noch unentschieden zu spielen, damit hätte sich auch für die Bayern leben lassen. Doch Michael Olise nahm den Ball aus dem Freiburger Tor, sprintete damit zurück zur Mittellinie und legte ihn auf den Anstoßpunkt. Als Zeichen an die Mannschaft: Das war’s noch nicht. Da geht noch mehr. Und wie es ging, Karls 3:2 in der neunten Minute der Nachspielzeit, nach Hereingabe des wieder genesenen Alphonso Davies, der nach seiner Muskelzerrung kurz vor Spielende eingewechselt wurde und prompt die Vorlage zum Siegtor gab.

Bayerns Außenverteidiger Josip Stanisic meinte später dazu, das Comeback von Davies mitsamt entscheidender Torvorlage, das sei »ein Hero-Moment« dieses Spiels gewesen. Stanisic sprach auch noch vom »110-prozentigen Selbstvertrauen«, mit dem man nun nach Madrid reisen werde, und der 18-jährige Siegtorschütze Lennart Karl schließlich meinte in seiner Glückseligkeit: »Wir fühlen uns im Moment unschlagbar.«

Kimmich und die Wege zum Sieg

Darauf angesprochen erklärte der 31-jährige Joshua Kimmich, er sei zwar keine 18 mehr: »Aber cool, dass er sich so fühlt, genauso brauche ich ihn.« Kimmich wirkte in all dem Emotionsüberschwang am frühen Samstagabend überhaupt noch am gefasstesten. Zur Einordnung dieses bedeutsamen Sieges sagte er den bemerkenswerten Satz: »Es ist gut zu wissen, dass wir komplett sind, dass wir durch viele verschiedene Wege Spiele gewinnen können.«

Bayern-Anführer Joshua Kimmich (r.) über Lennart Karl: »Genauso brauche ich ihn«

Bayern-Anführer Joshua Kimmich (r.) über Lennart Karl: »Genauso brauche ich ihn«

Foto: Silas Stein / AFP

Was er damit meinte: Ein Weg seien die klaren Kantersiege, ein 8:1 gegen Wolfsburg, ein 5:1 gegen Hoffenheim. Ein anderer die hart erkämpften und ermauerten wie beim 2:1 im November bei Paris Saint-Germain, als sie nach dem Platzverweis gegen Luis Díaz mehr als eine Hälfte nur zu zehnt spielten. Und ein weiterer Weg sei eben so ein Spiel wie in Freiburg. Bis zur 81. Minute 0:2 zurückzuliegen und dann drei Tore zu schießen. Kimmich nannte dies mit fast schon nüchterner Zurückhaltung »einen sehr emotionalen Weg«.

Während auch Kimmich wie viele seiner Kollegen noch das Momentum erwähnte, das man nun auf der eigenen Seite spüre, hatte sich im Bauch der Freiburger Arena längst schon Real Madrids zeitgleiche Niederlage bei RCD Mallorca herumgesprochen. Wo Éder Militão kurz vor Schluss noch zum Ausgleich traf für Bayerns Gegner am Dienstag. Wo am Ende aber Mallorca in der Nachspielzeit den Siegtreffer zum 2:1 erzielte.

Vom Momentum auf ihrer Seite werden sie bei Real am Samstag nicht gesprochen haben.

Die Chancen könnten kaum besser stehen

Sollte man sich hüten, die Bayern gleich zum Favoriten zu erklären, schließlich ist Real Madrid noch immer Real Madrid: Als krasser Außenseiter gehen sie sicher nicht in die beiden Duelle. Nur sollten die Bayern am Dienstag und auch im Rückspiel am 15. April zu Hause nicht so spielen wie in Freiburg die ersten 80 Minuten.

Die Sehnsucht nach einem erstmaligen Erfolg über den ewigen Rivalen seit dem Halbfinal-Triumph 2012 ist jedenfalls grenzenlos. Zuletzt scheiterten die Bayern in der Champions League viermal an Real. 2014, 2018, 2024 jeweils im Halbfinale. 2017 im Viertelfinale. Womöglich waren die Voraussetzungen noch nie so gut wie jetzt. Mit dieser Mannschaft, mit dieser Moral, mit diesem Momentum.

Weshalb man sich allerdings auch fragen muss: Wenn sie es gegen Real diesmal nicht schaffen, wann eigentlich dann.