FC-Bayern-Videoanalyse Alle auf Ribéry!
Die Saison 2007/08 begann als Fußballtraum in rot und weiß. Gesiegt hatte der FC Bayern in der Vergangenheit zwar schon oft, aber nun gewannen sie mit Glanz und Gloria. Ja, das Publikum wurde sogar zum Zeugen einer Liebesgeschichte. Das neue Offensivtrio der Münchner, Luca Toni, Miroslav Klose und Franck Ribéry, spielte zusammen wie frisch ineinander verknallt. Als hätten sie ihr ganzes Leben darauf gewartet, zauberten die Drei miteinander. Kein Weg war ihnen dabei zu weit, um den jeweils anderen gut aussehen zu lassen.
Es bedurfte keiner besonders tiefgehenden Analyse, um die herausragende Rolle des Franzosen dabei zu erkennen, denn Ribéry war neben dem Bremer Diego zweifellos der spektakulärste Spieler der Bundesliga-Hinrunde.
Dennoch verblüfft es, wenn man sich Ribérys Werte genauer anschaut und feststellt, wie stark er als Gravitätszentrum seiner Mannschaft ist. Der 24-Jährige stellt die Statistik auf den Kopf.
Normalerweise ist es so, dass Verteidiger und Mittelfeldspieler die Bälle bereitstellen, aus denen die Stürmer dann Tore machen sollen. Daher ist es auch normal, dass die Stürmer viele Bälle zugespielt bekommen und nur wenige abspielen, bei Verteidigern ist dieses Verhältnis genau umgekehrt. Auch Mittelfeldspieler verteilen normalerweise mehr Bälle als sie bekommen. Zählt man jedoch die Zuspiele und Abspiele beim FC Bayern, zeigt sich: Ribéry ist der Spieler, der von seinen Kollegen mit Abstand am häufigsten angespielt wird. Dadurch hat er mit teilweise phänomenalem Vorsprung die meisten Ballkontakte, erreicht sensationelle Werte von 160 Berührungen in 90 Minuten.
Der Mann mit der Narbe ist meist der einzige im Münchner Team, der die Funken sprühen lässt - darauf muss das Team wohl auch heute (19 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) im Pokalspiel beim Wuppertaler SV hoffen.
Das zeigt auch unser erstes Beispiel. Die Animation oben stammt aus der Partie in Leverkusen am 8. Spieltag, die der FC Bayern 1:0 gewann. Die technische Voraussetzung für unsere Analyse ist die Erfassung des Spiels mit einer Fülle eigener Kameras. Diese erlaubt es, das Spielfeld im Computer in eine Animation zu verwandeln, die genau den Bewegungen der Spieler auf dem Platz entspricht.
Im Video oben - das man am besten in der Vergrößerung anschaut - sehen wir neben einem schönen Angriff, in dem Ribéry wieder die entscheidende Figur ist, auch das andere Gesicht der Münchner. Im Zauber des Saisonbeginns ging unter, dass hinter der tollen Offensive der Bayern eine weitaus weniger beeindruckende Defensive stand, in der das Problemkind oft Lucio hieß. So beeindruckend der Brasilianer mit seiner ungeheuren Physis mitunter ist, zwingen ihn seine Stellungsfehler und Konzentrationsmängel immer wieder zu dramatischen Rettungsaktionen, die ein Spieler größerer Klasse nicht nötig hätte. Auch seine Vorstöße, die ihm Trainer Ottmar Hitzfeld zu Saisonbeginn zunächst streng verboten hatte, sind weiterhin oft so unüberlegt, dass sie das Team gefährden.
Doch geknirscht hat es zum Ende der Hinrunde weniger in der mittlerweile stabilisierten Abwehr, sondern eher bei den Glamour-Boys des Sommers. Plötzlich tauchten kleine Unaufmerksamkeiten und Nachlässigkeiten auf. Auf einmal gingen Toni, Ribéry und Klose nicht jeden Weg auf dem Platz füreinander, erwarteten immer aufmerksam den nächsten Zug der anderen und waren stets anspielbereit. Die rauschhaften Erfolge blieben aus, es gab nicht täglich Rosen, und schnell war der ganz große Schwung dahin.
Auch die Rest-Bayern übten sich so sehr in Zurückhaltung, als hätte sie die große Show zu Saisonbeginn davon überzeugt, dass die Jungs vorne es schon reißen würden. Mitunter gab es sogar Tage, an denen man den Eindruck haben musste, dass Ribéry nicht der Mittelpunkt des Münchner Spiels war, sondern die Kollegen es am liebsten komplett an ihn abgegeben hätten. Wie das mitunter aussah, zeigt die zweite Animation.
Zwar haben die Bayern mit dem 1:3 beim VfB Stuttgart bislang zwar erst ein Pflichtspiel in dieser Saison verloren, was man angesichts der ständigen Aufgeregtheiten um den Club fast vergessen hat. Aber es gab zu viele frustrierende Unentschieden gegen mäßige Gegner.
Die Rückrunde wird nur dann krisenfrei, wenn die Bayern sich an den vergangenen Sommer erinnern. Klar, die Aufregungen erster Verliebtheit werden sie nicht wiederfinden. Dafür ist jetzt tiefgehende und unromantische Beziehungsarbeit gefragt.