FC Schalke 04: Trainer Jens Keller kämpft um Anerkennung - DER SPIEGEL
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Schalke-Trainer Keller: "...das wird auch lange so bleiben"

Foto: Laurent Gillieron/ dpa

Schalke-Trainer Keller In eigener Sache

Er hat den FC Schalke zweimal in die Champions League geführt, trotzdem steht kein Bundesliga-Trainer so häufig in der Kritik wie Jens Keller. Wie geht er damit um? Besuch bei einem Mann, der um Anerkennung kämpft - und das so selbstbewusst tut wie wenige.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jens Keller hat die Länderspielpause für einen Austausch mit den Besten seines Fachs genutzt. Bei einer Trainertagung am Genfer See traf er Sir Alex Ferguson, Arsène Wenger, Carlo Ancelotti, Josep Guardiola, Jürgen Klopp und andere Seitenlinienprominenz. Natürlich, sagt Keller, einige der Kollegen hätten deutlich mehr erreicht als er. "Aber ich war nicht dort, weil ich ein netter Kerl bin. Ich habe meine Mannschaft zweimal in die Champions League geführt." Keller sieht die Einladung als Anerkennung seiner Arbeit. Anerkennung, die er sonst selten bekommt.

Seit 21 Monaten trainiert Keller die Profis des FC Schalke 04. Er hat mit dem Einzug in die Champions League zweimal die Zielvorgabe erfüllt. In der abgelaufenen Saison spielte die Mannschaft die beste Rückrunde der Vereinsgeschichte.

Dennoch steht er seit 21 Monaten in Frage, weil sich die Mannschaft immer wieder Einbrüche leistet, wie zum Saisonstart mit dem Pokal-Aus bei Zweitliga-Absteiger Dresden und der Niederlage in Hannover. Weitere Vorwürfe lauten sinngemäß, er habe keine Spielidee und versprühe bei seinen Auftritten in der Öffentlichkeit nur unerheblich mehr Esprit als tibetische Schweigemönche.

Keller weiß, dass Profifußball ein unsachliches Geschäft sein kann. Er will sich nicht beklagen. Beim Treffen im Vereinsbistro macht er einen gelösten Eindruck, was auch daran liegen dürfte, dass das Unentschieden zuletzt gegen den FC Bayern ein bisschen Ruhe gebracht hat vor den wichtigen Spielen in Mönchengladbach am Samstag (18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) und dem Champions-League-Start in London gegen den FC Chelsea am Mittwoch.

Ein Trotz-Mechanismus gegen die Kritik

Aber er kämpft in eigener Sache, und Kellers Selbstbewusstsein ist bemerkenswert. Beinahe im Fünf-Minuten-Takt weist er auf seine Erfolge bei Schalke hin und darauf, dass er "die Mannschaft extrem vorangebracht" habe. Wenn er über die Weltmeisterschaft spricht und über den Triumph des deutschen Teams, dann spricht er davon, dass die Spieler in den Vereinen ausgebildet wurden und deshalb alle Bundesligatrainer ihren Beitrag geleistet hätten. Also auch er selbst.

Möglicherweise ist die demonstrativ vorgetragene Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit ein Trotz-Mechanismus gegen seine Arbeitsbedingungen. "Ich werde kritischer gesehen als andere Trainer. Das ist auf Schalke so", sagt er, aber er sei nicht auf Beifall aus. "Meine Mannschaft gibt mir Wertschätzung, sie geht meinen Weg mit und ist davon überzeugt. Ich brauche keine Schulterklopfer. Die gleichen Leute hauen mir irgendwann wieder in die Schnauze."

Keller findet, dass in die Bewertung seiner Arbeit nicht nur Siege und Niederlagen einfließen sollten, sondern auch Erfolge bei der Personalentwicklung. "Mir geht es in erster Linie darum, junge Spieler auf das Niveau zu bringen, Bundesliga und Champions League spielen zu können. Da haben wir in der vergangenen Saison vieles richtig gemacht", sagt er angesichts der Tatsache, dass Akteure wie Max Meyer und Kaan Ayhan unter ihm in der Bundesliga debütiert haben. Der ehemalige Schalker U17-Trainer Keller sieht sich als Nachwuchsförderer.

Dass es bei dieser Herangehensweise immer mal zu Störungen im Betriebsablauf kommt, nimmt Keller nach eigener Aussage in Kauf. "Fehler passieren, das muss man akzeptieren", sagt er. "Der Grat ist schmal, wenn man junge Spieler einbauen und trotzdem das perfekte Spiel machen will. Das funktioniert nicht immer. Wir erlauben den jungen Spielern, Fehler zu machen." Nur sollten sie diese Fehler eben minimieren.

Der FC Schalke 04 ist ein emotionaler Betrieb, das wird einem schon auf dem Weg zum Vereinsgelände vorgeführt. Die Anreise führt über die sogenannte Schalker Meile, wo die Wände der Häuser blau-weiß gestrichen sind und eine Fankneipe neben der nächsten steht. Im Stadion wurde kürzlich der Spielertunnel umgestaltet, er sieht jetzt aus wie ein Bergwerksstollen. So stellt der Verein seine Verbundenheit mit der Region aus. Der Schalker Werbespruch lautet: "Wir leben dich."

"Ich bin keiner, der den Hampelmann macht"

Der in Stuttgart geborene Keller findet es unproblematisch, dass er nicht unbedingt ein Sinnbild der Schalker Mentalität ist. Er weist darauf hin, dass die Öffentlichkeit auch bei seinen Vorgängern immer einen Grund zum Meckern fand. Und überhaupt könne er natürlich emotional werden: "Ich vermittle meiner Mannschaft viel Spaß, viel Leidenschaft, es gibt auch mal Feuer - da ist alles dabei, die ganze Palette. Aber ich bin keiner, der dafür vor Kameras den Hampelmann macht."

Allerdings gesteht er, zu Beginn seiner Amtszeit nicht immer den besten Eindruck gemacht zu haben. "Ich habe mich sicherlich im erstem Jahr zu sehr verschlossen, auch den Medien gegenüber. Durch den Druck, den ich bekommen habe, habe ich mich zurückgezogen", sagt Keller, wenn man ihn nach seinen Fehlern fragt.

Aber Keller will den Eindruck vermeiden, der Job zerre übermäßig an ihm. Er lasse viele Dinge nicht an sich heran, negative wie positive. Dass Thomas Tuchel, auch von SPIEGEL ONLINE, immer wieder als Kandidat für den Trainerposten auf Schalke genannt wird, sei legitim. Tuchel habe bei Mainz 05 gute Arbeit gemacht. "Unterm Strich bin ich jedoch Trainer auf Schalke, und das wird auch noch lange so bleiben", sagt Keller.

Wirklich? Hatte er in der "Sportbild" nicht neulich seinen Rücktritt angedroht? Keller unterbricht, als er die Frage hört. "Ich habe hier gute Arbeit geleistet. Und nach einem Spiel kommt schon wieder Kritik. Da frage ich mich natürlich: Warum ist das so? Von Rücktritt war jedoch nie die Rede. Ich habe noch nie irgendwo hingeschmissen."

Der Profifußball ist ein sehr aufgeregter Betrieb, und vielleicht zweifelt der Schalker Trainer manchmal an der Branche, in der er arbeitet. An einem zweifelt Jens Keller aber nicht: an Jens Keller.