FC St. Pauli: Nick Davidson im Interview - DER SPIEGEL
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Englischer Autor Davidson "Bei St. Pauli wird nicht alles zu Geld gemacht"

Nick Davidson war lange Fan des FC Watford, dann entdeckte er den FC St. Pauli für sich. Der englische Buchautor über einen umstrittenen Werbepartner, die Bundesliga im Vergleich zur Premier League und Gesänge in deutschen Stadien.
St.-Pauli-Fans: "Ein Klischee - aber auch viel mehr als das"
St.-Pauli-Fans: "Ein Klischee - aber auch viel mehr als das"

St.-Pauli-Fans: "Ein Klischee - aber auch viel mehr als das"

Foto: Jonas Güttler/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Seinen Verein kann man sich nicht aussuchen. Der Verein sucht dich aus" - diese These vertritt der britische Schriftsteller Nick Hornby in seinem Roman "Fever Pitch" aus den neunziger Jahren, dem Standardwerk über Leben und Leiden als Fußballfan. Doch die These ist falsch, zumindest im Fall von Nick Davidson, ebenfalls Brite. Seit seiner Jugend war er Fan des FC Watford, hat Auf- und Abstiege erlebt - ehe er keine Lust mehr auf den Verein hatte.

Er hat dann einen Club gesucht, der besser zu ihm passt, wie er sagt, und ist beim FC St. Pauli gelandet. 2007 war Davidson zum ersten Mal bei einem Spiel am Millerntor, St. Pauli warf Bayer Leverkusen 1:0 aus dem Pokal. Seitdem kommt er drei-, viermal im Jahr. Jetzt hat Davidson das erste englischsprachige Buch über den Hamburger Stadtteilverein geschrieben, dem das Attribut "Kultclub" genauso anhängt wie dem FC Bayern München die Beschreibung "Rekordmeister".

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich vom FC Watford abgewendet?

Nick Davidson: Wir sind zur Saison 1999/2000 in die Premier League aufgestiegen, mussten aber sofort wieder runter. So ist das in England: Wenn du kein Geld hast, keinen reichen Sponsor, dann kannst du nicht mithalten. Und wenn du eh keine Chance hast, was soll dann das Ganze? Die Saison hat mich desillusioniert. Außerdem wollte ich nach 20 Jahren mit dem gleichen Verein was Neues erleben - da kam ich auf St. Pauli.

SPIEGEL ONLINE: Sie hätten sich doch einen neuen Club in England suchen können.

Davidson: Nein, im gleichen Land den Lieblingsverein zu wechseln, geht nicht. Außerdem wollte ich einen Club, bei dem es um mehr geht als um Fußball. Und das ist so beim FC St. Pauli. Der Verein und die Fanszene teilen Werte wie den Kampf gegen Rassismus, Homophobie und Sexismus und gegen Kommerzialisierung.

SPIEGEL ONLINE: Ist nicht vieles davon ein Klischee? Vor ein paar Jahren gab es Striptänzerinnen in einer Loge des Millerntorstadions, der aktuelle Hauptsponsor gehört zum Coca-Cola-Konzern.

Davidson: Das stimmt. Es ist ein schmaler Grat zwischen sportlicher und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und der Wahrung der Ideale. Im Merchandising-Verkauf kann sich St. Pauli mit dem FC Bayern messen, auch in London oder New York laufen Leute mit dem Totenkopf-Pulli rum, ohne zu wissen, was der FC St. Pauli ist. Der Verein ist massiv kommerzialisiert. Aber die Fans haben immer noch Einfluss. Die Striptänzerinnen wurden wieder aus der Loge verbannt. Und nicht alles wird zu Geld gemacht bei St. Pauli. Der Verein hätte mit dem Verkauf des Stadionnamens viel verdienen können. Dass man sich dagegen entschieden hat, stimmt mich zuversichtlich. Natürlich ist der Verein ein Klischee - aber auch viel mehr als das.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie?

Davidson: Ein Beispiel: Im Oktober war ich beim Spiel gegen Sandhausen. 0:0, es war grausam. Aber hinterher sind Tausende Fans direkt auf die Straße gegangen und haben für das Bleiberecht der Lampedusa-Flüchtlinge demonstriert. Das war die beste Erfahrung, die ich mit dem FC St. Pauli gemacht habe. Ja, der Verein verkauft viele Kapuzenpullis, aber es gibt immer noch Menschen, die sich für ihre Ideale einsetzen. Deshalb gehe ich zu St. Pauli.

SPIEGEL ONLINE: Damit sind Sie nicht der Einzige. Immer mehr Fans aus England interessieren sich für den deutschen Fußball.

Davidson: Ich kenne viele Leute aus dem ganzen Land - London, Yorkshire, Brighton - , die regelmäßig nach Deutschland fliegen, um sich die Spiele von St. Pauli anzuschauen oder auch von Borussia Dortmund. Die Bundesliga ist im Vergleich zur Premier League ein kraftvolles Produkt.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Davidson: Die günstigen Tickets, Stehplätze - das ist attraktiv für Leute in meinem Alter, die zu einer Zeit zum Fußball kamen, als es auch in England noch Stehplätze gab. Wenn bei uns über die hohen Eintrittspreise diskutiert wird, richtet sich der Blick immer nach Deutschland. Da bezahlst du für einen Stehplatz beim FC Bayern oder in Dortmund einen lächerlichen Preis im Vergleich zu den Tickets bei Arsenal oder Chelsea. Ich mag auch, dass die Fans in Deutschland die ganze Zeit singen, auch wenn auf dem Rasen gerade nichts passiert.

Nick Davidson stellt sein Buch "Pirates, Punks & Politics" an diesem Samstag um 18 Uhr im Fanladen des FC St. Pauli vor. Sämtliche Einnahmen aus dem Buchverkauf gehen an das Museumsprojekt des Vereins.