Fernschuss Big Brother mit Ball
Als ich gestern Mittag die Straße hinunter ging, war es sehr still, und es lag nicht nur daran, dass ich es mit einem Sonntag zu tun hatte und die Sonne bretterte wie in Andalusien. Der World Cup war zu Ende für jenes Land, das von sich behauptet, den Fußball erfunden zu haben. Und obwohl es jetzt schon über 40 Jahre Erfahrung im Ausscheiden hat, kam die Neuigkeit auch dieses Mal wieder wie ein Schock, an den man sich nie gewöhnen kann. Es gab keine brennenden portugiesischen Autos auf der Insel. Nur Engländer, die nachts noch schnell aus dem Haus huschten, um den Müll rauszubringen und die Fahne abzuhängen.
Wahrscheinlich existieren, mit Ausnahme von Frankreich, eine Menge Länder, die von sich glauben, den Ball leidenschaftlicher und vollkommener zu lieben als der Rest der Welt, aber England verteidigt zumindest in dieser Disziplin immer noch einen der besseren Plätze. Stolz behaupten viele hier, die längste Beziehung ihres Lebens pflegten sie nicht mit ihrer Frau, sondern ihrem Verein, und fraglos gilt der Beruf des Nationaltrainers nach dem des Premierministers als der zweitwichtigste im Land, wobei selbst diese Gewissheit nur bis zum dritten Pint steht. Dann wird dem Bewohner von Number 10 Downing Street der oberste Tabellenplatz aberkannt, verdrängt von jenem Wesen, das von einer Bank am Rasen die Stimmung im Land steuert.
Das Problem nach 40 Jahren Schmerzen scheint nur, dass genau diese Liebe eine Kultur der Heldenverehrung hat entstehen lassen, die sich in letzter Zeit vollkommen bizarr entwickelt hat. Football ist hier zu einer Art Big Brother mit Ball geworden, einer Soap Opera mit Ausstrahlungen im Dreitages-Rhythmus und auch sonst allem, was dazu gehört: wechselnden Frisuren, Affären per SMS, Tränen, wenn die Dinge schieflaufen, Gucci-Taschen für die Spielerfrauen, die es hier bereits mit "WAGS" (Wifes and Girlfriends) zu einem speziellen Begriff gebracht haben und deren Haarfarben und Getränkerechnungen jedes Kind kennt.
Kurz: Fußball in England ist ein gigantisches Entertainmentgeschäft, und nichts brachte diese Tatsache besser auf den Punkt, als jenes Foto von der Nacht, als sich das Team mit den drei Löwen auf der Brust von der Weltbühne verabschiedete. Da saß neben Victoria Beckham auf der Tribüne ein Mann mit rundem Gesicht und Bürstenhaarschnitt. Er schaute, als ob ein Unbekannter die Unverschämtheit besessen hätte, einfach das Drehbuch zu ändern. Der Name des Bürstenhaarschnitt-Typs: Simon Fuller, Erfinder und Lizenzgeber aller "Superstar"-Formate weltweit.
Es ist eine Seifenoper, in der die Hauptdarsteller anscheinend glauben, der Weltpokal stehe ihnen ebenso selbstverständlich zur Verfügung wie jene Bentleys und all die anderen Spielzeuge, die sie sich auf ihre Anwesen ordern. Das englische Team "verdiene" ins Finale zu kommen, sagte Trainer Sven-Göran Eriksson selbst noch nach ein paar supertrostlosen Darbietungen in Deutschland.
Und Frank Lampard, jener Spieler, der nach Ronaldinho als zweitbester Fifa-Kicker des Jahres 2005 ins Turnier ging, dort Torchancen sackweise versiebte und auch seinen Elfer gegen Portugal verschoss, behauptete nach diesem Debakel, England hätte "verdient" gehabt, dieses Spiel zu gewinnen. Verdient - man fragt sich, was aus dieser großen englischen Tugend geworden ist. Wahrscheinlich wird sich Winston Churchill, der sich auch in guten Zeiten scheute, seinen Landsleuten mehr zu versprechen als Blut, Schweiß und Tränen, nach dem Auftritt von Lampard erst einmal einen doppelten Scotch in den Himmel geordert haben.
Ich hoffe, Churchills Bar dort oben ist gut bestückt, denn wenn ihm zufällig eine der britischen Zeitungen vor die Augen kommt, wird er nicht glauben, was er liest. Wayne Rooney, der dem portugiesischen Verteidiger Carvalho in den Unterleib trat, dafür die Rote Karte bekam und damit auch das englische Ausscheiden beförderte, wird kaum kritisiert.
Der arme Junge, der zu seinem Kapitän ebenso "Fuck off" sagt wie zu seinem Trainer, ist eben mal wieder durchgedreht. Ist es nicht dieser Kampfgeist, der ihn auch Gegner und Verletzungen besiegen lässt? Als David Beckham vor acht Jahren mit einem dummen Tritt gegen den Argentinier Simione die englische Heimreise einleitete, kürten ihn die Billigblätter derart hemmungslos zum Sündenbock, dass Menschen am Straßenrand Puppen ihres Idols verbrannten.
Weil Rooney unantastbar ist, aber ein Schuldiger den Lesern zum Fraß vorgeworfen werden muss, wurde jetzt Christiano Ronaldo auserkoren. Der Portugiese, der mit Rooney die Kabine beim Club Manchester United teilt, hatte angeblich nach dem Ausrasten des Wüterichs die Rote Karte für ihn gefordert und nach dem Platzverweis der portugiesischen Bank triumphierend zugezwinkert. "The Sun" präsentiert jetzt eine Dartscheibe mit Ronaldos Gesicht drauf.
Titel: "Gib ihm eins ins Auge". Nice one, mates.
Ronaldo muss sich nicht wirklich Sorgen machen. Real Madrid ist bereit, viel Geld, gerüchteweise 30 Millionen Euro, für ihn zu bezahlen, und England bleibt zurück mit jener Truppe, die sie hier einmal verheißungsvoll und beschwörend zugleich "die Goldene Generation" tauften.
Schade nur, dass bei diesen Jungs golden allein die Kreditkarten waren und die Haartönungen ihrer Frauen, nicht aber die Farbe des Pokals, den sie holen wollten.