Fernschuss Die Supermacht der anderen
Weltstar Ronaldinho: Genial und galant
Foto: APDie Menschen in ihren grün-gelben Hemden schlugen auf ihre Trommeln und kauten an ihren Steaks, als mir der Junge auf die Schulter tippte. Er hielt einen Teller mit Kartoffeln in der Hand und bot mir ein paar davon an. Es war sein erster freier Abend seit Wochen und die Kartoffeln waren sein Festessen, denn dort oben auf einem kleinen Fernseher spielte seine Mannschaft: Brazil.
Der Junge hieß Manmo und kam aus Bangladesch. Vor drei Jahren war er dort abgehauen nach Rom, jetzt arbeitete er jede Nacht an einer Tankstelle, wo er half, die komplizierten Zapfautomaten zu bedienen. Wenn es gut lief, bekam er dafür ein wenig Trinkgeld. Zu viel zum Sterben, zu wenig, um sich dafür ein Steak kaufen zu können. Manmo deutete auf den Fernseher, wo Ronaldinho als Letzter in Berlin das Spielfeld betrat. Dann sagte der Junge aus Bangladesch: "Ich bin kein armer Mann."
Brasilien ist außer Amerika die einzige Supermacht. So wie die USA Politik und Wirtschaft dominieren, beherrscht Brasilien den Ball, und dem Land gelingt neben seiner artistischen Spielweise ein fast unglaubliches Kunststück: Es wird für seine Dominanz geliebt. Für Jungs wie Manmo, die keine Heimat haben, ist Brasilien das gelobte Land, in dem man gut leben kann, ohne vor der Einwanderungsbehörde Schlange stehen zu müssen. Aber auch Menschen, die über das Glück verfügen, zu wissen, wo sie hingehören, haben normalerweise zwei Lieblingsmannschaften: ihr Land und Brasilien.
Brasilien steht für das schöne Spiel, für Leichtigkeit, Eleganz, Risiko und Abenteuer, und, wenn das Team nur so spielt wie der Rest der Welt, dann macht sich globale Enttäuschung breit: Günter Netzer, der ewige Realpolitiker des Fußballs, straft die Jungs dann mit Verachtung. Und hier in Italien, dem Land des Catenaccio (defensiver, ergebnisorientierter Fußball; die Red.), schreiben die Zeitungen "Brasil brutto" hässliches Brasilien nach einem Sieg wie gestern Abend (1:0 gegen Kroatien, Torschütze Kaká kurz vor der Pause).
Wahrscheinlich gab es in der Geschichte des Fernsehens wenig Menschen, von denen soviel erwartet wurde, wie zur Zeit von Ronaldinho. Was für viele Muhammed Ali in den Siebzigern war, Papst Johannes Paul II. in den Achtzigern und Neunzigern, das ist jetzt Ronaldinho für alle. Der Aufschrei der 72.000 im Berliner Olympiastadion, als er zu seinem ersten Dribbling ansetzte, war ein Sound, den ich noch nie in einem Fußballstadion gehört habe weniger das satte, glückliche Grollen des Torjubels, mehr jene schrille, ekstatische Erwartung mit der Elvis Mitte der fünfziger Jahre in kleinen Schuppen in Texas begrüßt wurde, als er den Leuten eine Ahnung davon schenkte, dass es auch ein Leben unterhalb der Gürtellinie gab.
Ronaldinhos Auftrag ist einfach. Er soll das Unmögliche Wirklichkeit werden lassen, den Ball ins Tor gleiten lassen, obwohl neun Kroaten vor ihm stehen. Wahrscheinlich ist es einfacher, auf dem Wasser zu gehen. Noch ist es dem kollektiven Druck nicht gelungen, ihm das Lächeln aus dem Gesicht zu wischen.
Es war nach dem 2:1-Sieg des FC Barcelona im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League gegen Chelsea im Februar dieses Jahres in London. Die Stars von Abramowitsch waren längst durch eine Hintertür geflohen, es war spät, dunkel und kalt und vom Himmel fiel Nieselregen. Ronaldinho stand mit nassen Haaren und einem blauen Stirnband im Matsch und lächelte, und als sei es nicht genug, dass er jetzt die Fragen von Journalisten und Fans beantwortete, begannen ihm einige ihre Handys zu reichen, er solle mit dem Moderator zu Hause in Spanien sprechen oder mit der Mama. Es wurde fast Mitternacht.