Fifa-Affären Versprechen, Verschweigen, Vergessen
Fifa-Präsident Blatter: Stürzt er über die Korruptions-Vorwürfe?
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"Die Ereignisse der letzten Wochen haben bei mir den Eindruck erweckt und gefestigt, dass die Verantwortlichen der Fifa kein wirkliches Interesse daran haben, eine aktive Rolle bei der Aufklärung, Verfolgung und Vorbeugung von Verstößen gegen das Ethikreglement der Fifa zu spielen."
Günter Hirsch, ehemaliges Mitglied der Fifa-Ethikkommission am 9. Januar 2011
Korruptionsvorwürfe - das ist nichts Neues für den Weltfußballverband Fifa. Bewiesen wurde bislang nur weniges. Jetzt jedoch ist die Fifa mit dem vielleicht größten Skandal ihrer Geschichte konfrontiert. Präsident Joseph Blatter sowie die Vizepräsidenten Mohammed bin Hammam und Jack Warner beschuldigen sich gegenseitig der Korruption und alle bestreiten die Vorwürfe.
So konkrete Vorwürfe gegen Spitzenfunktionäre der Fifa gab es noch nie. Ein Blick in die Skandalchronik des Weltfußballverbandes zeigt, dass die Oberen meist unbehelligt blieben.
Was die Fifa heute in die Schlagzeilen bringt, nahm im vergangenen Herbst seinen Anfang. Am 18. November 2010 hatte die Ethikkommission sechs Funktionäre gesperrt. Reynald Temarii aus Tahiti wurde ein Jahr lang von allen Aktivitäten im Fußball ausgeschlossen, Amos Adamu aus Nigeria für drei Jahre. Beide waren Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees, des höchsten Organs des Weltfußballverbandes. Zudem wurde Ismael Bhamjee aus Botsuana für vier Jahre, Ahongalu Fusimalohi aus Tonga und Amadou Diakite aus Mali für drei Jahre sowie Slim Aloulou aus Tunesien für zwei Jahre gesperrt. Alle erhielten außerdem Geldstrafen.
Fifa-Skandal: Warner suspendiert, Blatter entlastet
Zuvor hatte die "Sunday Times" berichtet, dass Adamu und Temarii Reportern der Zeitung angeboten hatten, ihre Stimmen bei der Entscheidung über die Vergabe der WM-Turniere 2018 und 2022 zu verkaufen. Die Journalisten hatten sich als Lobbyisten für ein Konsortium amerikanischer Firmen ausgegeben, die angeblich die Weltmeisterschaft in die USA holen wollten, und das Gespräch gefilmt.
Diese Sperren waren die ersten großen Entscheidungen der Ethikkommission, die im Juni 2006 gegründet wurde und soll laut Fifa-Darstellung "Integrität und Transparenz des Fußballs weltweit schützen und fördern" soll. Die Ethikkommission, so die Fifa, solle unabhängig und das dritte Rechtsorgan der Fifa neben Kongress und Exekutivkomitee sein.
Glaubt man Günter Hirsch, sind das allerdings nur Lippenbekenntnisse. Der ehemalige Präsident des Bundesgerichtshofes trat als deutsches Mitglied der Kommission am 9. Januar dieses Jahres zurück. Hirsch monierte unter anderem die falsche Grundkonstruktion der Ethikkommission. Und tatsächlich hat die Kommission andere Eklats nicht besonders intensiv verfolgt:
- 2008 mussten sich sechs ehemalige Manager des Sportvermarkters ISMM/ISL wegen der Zahlung von 138 Millionen Schweizer Franken Schmiergeld an hohe Sportfunktionäre unter anderem von Fifa und Internationalem Olympischen Komitee (IOC) verantworten. Sie hatten im Gegenzug lukrative TV- und Marketingverträge erhalten. Im Mai 2010 erklärte die Staatsanwaltschaft im schweizerischen Zug: "Ausländische Personen von Fifa-Organen kamen bis ins Jahr 2000 in den Genuss von Provisionen, die von der ISMM/ISL-Gruppe ausgeschüttet wurden." Und weiter: "Die Zahlungsadressaten unterließen es, die Gelder an die Fifa weiterzuleiten und verwendeten die Vermögenswerte für ihre eigenen Zwecke." Die beschuldigten Fifa-Funktionäre, die namentlich nicht genannt wurden, zahlten 5,5 Millionen Euro und das Verfahren wurde noch im Juni 2010 eingestellt. Die Fifa verfolgte den Fall nicht weiter.
- Bei der Vergabe der WM 2006 an Deutschland sollen Stimmen für Geld verkauft worden sein. Besonders der Neuseeländer Charles Dempsey stand unter Verdacht, er enthielt sich als einziger bei der Abstimmung. Auch hier ist nichts bewiesen, die Anschuldigungen bestritt Dempsey in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Den Hauptausschlag für meine Entscheidung gab, dass im Kreis meiner Fifa-Kollegen gemunkelt wurde, der Dempsey nimmt Geld von Südafrika. Dem wollte ich mit der Enthaltung entgegentreten."
- Im Dezember 2006 erklärte ein New Yorker Gericht einen Sponsorenvertrag der Fifa mit dem Kreditkarten-Unternehmen Visa für ungültig. Der Deal hätte von 2007 an bis 2014 laufen sollen. Allerdings habe der Verband das Erstverhandlungsrecht des bisherigen Partners Mastercard missachtet und wiederholt Verantwortliche des Unternehmens angelogen, urteilte das Gericht. Daraufhin trennte sich die Fifa von Marketing-Direktor Jérôme Valcke. Mastercard klagte zudem darauf, die Sponsorenrechte für die WM-Turniere 2010 und 2014 zu erhalten, ließ die Klage im Juni 2007 gegen eine Fifa-Zahlung von rund 90 Millionen US-Dollar aber fallen. Nur kurze Zeit später tauchte der Franzose Valcke, ein Intimus Blatters, als neuer Generalsekretär der Fifa wieder auf.
Von der Fifa bestraft wurde 2007 hingegen Jack Warners Sohn Daryan - er musste rund eine Million US-Dollar an SOS-Kinderdörfer zahlen. Die Summe entsprach in etwa dem Gewinn, den Warner junior aus Ticketverkäufen erzielt hatte. Über sein Reise-Unternehmen Simpaul Travel waren 5400 Karten für die WM 2006 von der Fifa gekauft und zu überhöhten Preisen nach England, Japan und Mexiko weiterveräußert worden. Zudem wurden 1700 Tickets, die für den Fußballverband von Trinidad und Tobago bestimmt waren, umgeleitet und ebenfalls verkauft. Warner senior soll die Deals, so die "Daily Mail", eingefädelt haben. Da er selbst keine verantwortliche Position bei Simpaul Travel bekleidet hatte, wurde er von der Fifa nicht belangt. Warner äußerte sich nicht zu den Vorwürfen.
Gegen den 68-Jährigen gibt es noch weitere Vorwürfe: So soll er 2004 nach einem Länderspiel seines Heimatlandes in Schottland einen schottischen Funktionär angewiesen haben, das Antritts-Honorar an ihn persönlich zu überweisen. Der schottische Verband kam dieser Aufforderung allerdings nicht nach. Auch zu dieser Anschuldigung nahm Warner keine Stellung.