Football@home Gemeingefährliche Schwalben
Sommer 1994: Ein blonder, blauäugiger Deutscher heuert bei einem traditionell jüdischen Verein in London an. Und als ob das noch nicht genug wäre, hat der junge Mann auch noch einen schrecklichen Ruf bei den britischen Medien. Ein "Diver" sei Jürgen Klinsmann, einer der Elfmeter schinde - ein Schwalbenkönig also. Wenn man bei einer Live-Übertragung versehentlich an den Fernseher käme, fiele Klinsmann sofort um, wurde gelästert.
Chelsea-Star Drogba: Sterbende Schwalbe
Foto: APKicker auf der Insel seien nicht so verweichlicht, hieß es. Stimmt, die Briten hauen sich ehrlich und männlich die Knochen kaputt. Aber schon damals lief das Ganze nicht so, wie es sich die Hetzblätter vorgestellt hatten. Tottenham-Angreifer Klinsmann gewann die Herzen der Fussballfreunde im Sturm. Unvergessen ist auf der Insel sein Abschlusskommentar bei der Vorstellung. "Do you know a good diving school in London?", fragte Klinsmann, und die Briten bogen sich vor Lachen. Nach seinem ersten Tor für die Spurs rutschte er mit seinen Teamkollegen über den Rasen und hatte damit die britische Öffentlichkeit endgültig auf seiner Seite.
Frühjahr 2006: Die Schwalben-Debatte ist wieder voll in Gange. Die Zielscheibe sind wieder die ausländischen Spieler. Vor allem der Stürmer von Meister Chelsea, Didier Drogba, ist in die Schusslinie geraten, sein Kollege vom linken Flügel, Arjen Robben, ebenso. Die wütende Reaktion der Medien gegen die Herren ist für den geneigten Fussballfan verständlich. Robben wurde von Liverpools Torwart José Reina leicht geschubst und fiel um, als sei er vom Blitz getroffen worden. Reina wurde daraufhin vom Platz gestellt.
Drogba hingegen scheint verschiedenste Arten von Regelverstößen regelrecht zu zelebrieren. Vor allem absichtliches Handspiel und eben "diving" gehören zum Repertoire des Weltklasse-Stürmer aus der Elfenbeinküste, der mit seinem Team auch bei der WM in Deutschland dabei sein wird. Nach einem seiner Treffer, den er nach einem eindeutigen Handspiel erzielt hatte, entgegnete er den Kritikern, sie würden sich nur über sein Tor aufregen, weil er für Chelsea spiele.
Nach einer anderen Partie, in der Drogba ohne jede Berührung seines Gegenspielers zu Boden gegangen war und heftigst dessen Bestrafung forderte, sagte der Chelsea-Stürmer, dass er selbstverständlich "diven" würde. Die Empörung war erneut sehr groß, Drogbas nachgeschobene Erläuterung ("Ich bin kein Schummler") wurde kaum zur Kenntnis genommen.
Abgesehen von den Hasstiraden in den üblichen Hetzblättern wie "The Sun" wird die Diskussion um das Problem der Schauspielerei im Fussball durchaus differenziert geführt. So weisen einige britische Zeitungen süffisant darauf hin, dass die Boulevardblätter Michael Owen nicht gegeißelt hätten, als dieser mit einer eindeutigen Schwalbe gegen Argentinien bei der WM 2002 den entscheidenden Elfmeter herausgeholt hatte.
Faszinierend zu sehen ist, dass ein eher altmodischer Coach wie Alex Ferguson von Manchester United seine Spieler abstraft, wenn diese auf dem Platz schauspielern. Und so fallen ManU-Kicker wie Ruud van Nistelrooy oder Cristiano Ronaldo nur noch selten theatralisch zu Boden. Fergusons Forderung nach der Einführung des Videobeweises und nachträglicher Bestrafung kam sehr gut an, auch bei den Schiedsrichtern. Graham Poll, ein Referee-Veteran, wies darauf hin, wie gut manche der Spieler beim Simulieren seien.
Ein Erklärungsversuch für das vermehrte Auftreten von Schauspielereien in den Stadien ist der Hinweis auf die allgemeine Verweichlichung der Kerle. Motto: Früher war alles besser, auf die Jugend von heute sei kein Verlass mehr. Besonders überzeugend ist dieser vulgär-philosophische Ansatz ("Wie niedlich, ein selbst gebastelter Diskurs") allerdings nicht.
Vielleicht kommt die richtige Antwort von einer Spielerfrau. Danny Murphys Gattin - ihr Mann ist seit ein paar Monaten bei Tottenham Hotspur beschäftigt -, hat ihre eigene Kolumne in der "Times", als echte Footballer's Wife. Misses Murphys Theorie zeugt von einer Vorliebe für Pragmatik. Fußballer seien auch nur Menschen. Und deshalb wollen sie mitnehmen, was sie kriegen können. Na dann, guten Flug.