Football@home: Generation Sieg - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Football@home Generation Sieg

Eigentlich haben sie nichts gemeinsam. Der eine ist jung, der andere alt. Der eine steht im Tor, der andere wirbelt im Sturm. Und doch gibt es etwas, was der Oldie und der Youngster teilen - sie sind in der englischen Premiership die Gewinner des Jahres.
Von Adrian Schimpf
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Ende hat David Seaman es allen gezeigt. All seinen Kritikern von Funk und Fernsehen, und auch dem Autoren dieser Kolumne, eben allen, die ihn nach der WM 2002, nach jenem Ronaldinho-Freistoßtor schon abgeschrieben hatten. Er hat es allen gezeigt, die im Oktober 2002, nach dem Treffer von Evertons Jungstar Wayne Rooney im Premiership-Spiel endgültig das Ende seiner Karriere beschworen hatten, und die, wenn er am Wochenende mal fehlerlos geblieben war, trotzdem keine Ruhe gaben und mit lustvoller Missgunst an seine historischen Patzer erinnerten, etwa an jenes Tor von Nayim aus weit über 40 Metern im Europapokalfinale 1995, das Arsenal gegen Real Saragossa mit 1:2 verlor.

David Seaman, der Torbewacher der englischen Nationalmannschaft und von Arsenal London, machte den Eindruck, mit 39 Jahren am Ende seiner Karriere zu sein. Am Ende der diesjährigen Saison schien auch sein Vereincoach Arsene Wenger zu dem gleichen Schluss gekommen zu sein: Seaman kann es nicht mehr. Das Pokalfinale gegen Southampton dürfe er noch als Kapitän bestreiten, aber dann sei die Uhr endgültig abgelaufen für den Torwartveteranen.

"Hatte er die Hände überhaupt dran?"

Bis zur 83. Minute des Finales am vergangenen Sonntag blieb es auch dabei. David "Safe Hands" Seaman hatte bis dahin seinem Namen nicht sonderlich viel Ehre gemacht und keineswegs grandios gespielt. Vor allem seine kurzen, flachen Abschläge deuteten Unsicherheit und Nervosität an. Ein ganz normaler Tag also für Seaman und seine Kritiker. Dann brach Brett Ormerod durch die Arsenal-Verteidigung und feuerte aus spitzem Winkel ein unhaltbares Ding ab. Und noch immer rätseln die Experten von der BBC, die die Szene tausendfach per Zeitlupe betrachteten, wie der alte Kerl im Tor der "Gunners" den Ball aus dem Tor gekratzt hat.

"Hatte er die Hände überhaupt dran?", fragte Gary Lineker seine anwesenden Studioexperten, welche sich auch erst nach mehrfachem Betrachten der Szene halbwegs sicher waren: Ja, er hatte. Lineker, einst englischer Starstürmer und heute anerkannter Fußballjournalist, wollte nicht etwa seinem Ex-Kollegen von der spielenden Zunft die verdiente Anerkennung für einen Unhaltbaren versagen. Es war ganz einfach wirklich kaum zu erkennen, wie Seaman blitzartig die Hände hochgerissen und Ormerods Geschoss um die entscheidenden Zentimeter zur Ecke abgefälscht hatte.

Diese Heldentat brachte auch Wenger wieder zum Nachdenken. Können sei ja keine Frage des Alters, erinnerte sich der Franzose. "Er ist der beste Torwart in ganz England!", pries der Coach seinen Mann auf der Linie, "ich bin sehr stolz auf ihn. Trotzdem muss ich akzeptieren, dass er bald 40 wird. Es ist schwer zu sagen, ob er dann noch 60 Spiele pro Saison abreißen kann. Aber ich weiß noch nicht, was ich tun werde." Ganz am Schluss der Saison darf sich Seaman damit als Sieger fühlen. Nicht nur als Pokalsieger - denn Arsenal gewann mit 1:0 - sondern auch als Sieger über all die Nörgler und Besserwisser. Eigentlich ein toller Zeitpunkt, um aufzuhören.

Ein anderer Gewinner der abgelaufenen Saison 2002/2003 fängt gerade erst an. Die Rede ist von jenem Jungspund, der Seaman jenes Ei zum 2:1 ins Nest legte, das am 19. Oktober des letzten Jahres Arsenals Serie von 30 ungeschlagenen Ligaspielen hintereinander beendete. Die Rede ist von Wayne Rooney. Von einem nur Insidern bekannten 16-jährigen Talent ist er binnen eines Jahres zum nationalen Star avanciert. Spitzname "Roonaldo". Andere Youngster sind an den großen Erwartungen der Öffentlichkeit schon zerbrochen oder wegen des hohen Lobes durchgedreht. Aber bei der Offensivkraft aus Everton hat man immer das Gefühl, es bestehe nicht die Gefahr, dass er die Bodenhaftung verliert.

Am 12. Februar 2003 gab er - 17 Jahre und 111 Tage alt - sein Debüt in der Nationalmannschaft. Es war gegen Australien, Rooney kam nach dem Wechsel. Bereits zur Pause hatte Sven Göran Erikssons erste Formation mit 0:2 hinten gelegen. Wie vorher angekündigt, wechselte der englische Auswahltrainer nach 45 Minuten exakt elf Spieler aus und ließ seine zweite Garnitur ran. Die holte dann mit Rooney in der zweiten Hälfte ein 1:1. Zusammengezählt eben ein 1:3, aber aus Rooneys Sicht trotzdem kein vergurkter Start einer internationalen Karriere.

Beim EM-Qualifikationsspiel im April gegen die Türkei, das England am Ende mit 2:0 gewinnen sollte, stand Rooney bereits in der Startformation neben einem anderen, inzwischen schon etwas älter gewordenen Wunderkind: Michael Owen. Rooney spielte so unbekümmert auf, als sei er auf dem Trainingsplatz und wäre fast mit einem Tor belohnt worden. Das wöchentliche Fußballmagazin "match" urteilte: "Der beste junge Spieler aller Zeiten? Wir sagen ja!"

Als ob der liebe Gott ein fürsorglicher Oberstudienrat wäre, sorgte er dafür, dass Rooney am Ende der Saison auch gleich lernte, wie bitter Niederlagen schmecken können. Lange Zeit hatte sich sein FC Everton auf einem Uefa-Cup-Platz aufgehalten, sogar die Champions League war in Sicht. Aber dann gingen ihm und seinen Mitstreitern auf den letzten Metern die Puste aus. Nur Platz sieben - eine Position besser hätte die direkte Qualifikation fürs internationale Geschäft bedeutet.

Woran also werden sich die Fans erinnern in ein paar Jahren, wenn sie an diese englische Fußballsaison zurückdenken? Vielleicht daran, dass es die letzte Saison war, in der zwei große Stars des englischen Fußballs gegeneinander spielten und sich am Ende beide als Gewinner fühlen durften: David Seaman, bald 40, und Wayne Rooney, immer noch 17.

Mehr lesen über