"Football@home": "Yiddo, Yiddo" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

"Football@home" "Yiddo, Yiddo"

"Football@home" - die wöchentliche Fußball-Kolumne von der Insel bei SPIEGEL ONLINE. Heute: Rassismus in der Premiership und wie der englische Fußballverband sich seine heile Welt nicht kaputtmachen lässt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Emile Heskey ist schwarz. Und entweder ist der Stürmer des FC Liverpool und der englischen Nationalmannschaft sehr, sehr höflich zu seinen Landsleuten oder schlicht taub. "Zum Glück gibt es keinen Rassismus in der Premiership. Ich kann ehrlich sagen, dass ich in Ligaspielen noch nie damit konfrontiert wurde, seit ich für Liverpool spiele", ließ Heskey die Leser der "Mail on Sunday" wissen.

Gehörschwäche bei Emile Heskey


Nun, Gehörschwäche kann es nicht sein. Denn beim 2:1-Sieg der englischen Nationalmannschaft vor einer Woche in Bratislava gegen die Slowakei vernahm er die Schmähungen ganz deutlich. Jedes Mal wenn er oder Kollege Ashley Cole - ebenso Afro-Engländer - den Ball berührten, klang das hässliche "uh-uh-uh" imitierter Affenbrüllerei von den Rängen. "Dies waren die schlimmsten rassistischen Beschimpfungen meiner ganzen Karriere", sagte Heskey hinterher.

Aber das war ja auch im Ausland. Zu Hause auf der Insel hingegen sei alles Friede, Freude, Eierkuchen, will einem auch der englische Fußballverband (FA) weismachen. Schmähungen schwarzer Spieler? Bei uns doch nicht! Zynisch erklärten die Verbandsoffiziellen gar die Ausschreitungen englischer Hooligans im Stadion von Bratislava mit den rassistischen Rufen der slowakischen Zuschauer. Allen Ernstes wurde der Versuch britischer Schläger, aus dem abgeriegelten Gästeblock gewaltsam zu den Heimbesuchern durchzubrechen und diese zum Schweigen zu bringen, als Feldzug für eine gute Sache verkauft. Was vor allem deshalb an Zynismus kaum mehr zu überbieten war, weil es nach dem Anstoß des Länderspiels keine vier Minuten dauerte, bis auch einige der englischen "Fans" die Zeit für gekommen hielten, Heskey höchstselbst unüberhörbar als "Nigger" und "schwarzen Mistkerl" zu beschimpfen.

Eine heile Welt sieht anders aus


Die Scheinheiligkeit der FA-Funktionäre wird schon durch die bloße Existenz der insularen Initiative "Kick It Out" Lügen gestraft. "Herausgekickt" werden aus den britischen Stadien sollen nämlich Rassisten und Rassismus. Zwar hat sich, verglichen mit den düsteren siebziger und achtziger Jahren, vieles enorm verbessert. Aber eine heile Welt sieht anders aus.

Als Newcastle in der aktuellen Saison beim FC Chelsea antrat, verhöhnten die mitgereisten Fans der Gäste den farbigen Stürmer der Londoner, Jimmy Floyd Hasselbank, derart geschmacklos, dass sich Newcastles Clubgewaltige hinterher kleinlaut entschuldigten. Wenigstens die Antwort auf dem Platz war gerecht: Newcastle ging mit 3:0 unter.

"Er kauft nur ein Bier für sich selbst"


Aber die Anhänger von Chelsea sind um keinen Deut besser. Immer wenn Tottenham an der Stamford Bridge zu Gast ist, werden alle Grenzen des guten Geschmacks hemmungslos überschritten. "Yiddo, Yiddo!" schallt es den Spurs entgegen. Yiddo ist ein englisches Schimpfwort für Jude. Die Gesänge aus dem Chelsea-Block erinnern eher an das Horst-Wessel-Lied als an sportlich-faires Anfeuern der eigenen Mannschaft. "Er ist nur ein kleiner, armseliger Jude - er geht an die Theke, und kauft nur ein Bier für sich selbst" ist noch der harmloseste Chant von allen. Aber nicht, dass es sich bei den Chelsea-Fans um eine ärgerliche, aber seltene Minderheit handelte. Hunderte von mitgereisten West-Ham-United-Schlachtenbummlern intonierten an der White Hart Lane, dem Heimstadion von Tottenham: "Die Spurs sind auf dem Weg nach Belsen, und Hitler wird sie wieder vergasen." Konsequenzen für jeden einzelnen der Schreier: Keine. Nichts. Weghören und Schwamm drüber.

Schwarze, Juden, wer fehlt da noch in der Vorurteilssammlung? Zum Beispiel Asiaten, Zigeuner, Immigranten, Schwule. "Stadt voller Pakis, ihr seid bloß 'ne Stadt voller Pakis!", sangen Leeds- wie Everton-Anhänger gleichermaßen bei den Gastspielen ihrer Teams in Leicester - nicht vor 20 Jahren, sondern in der letzten Saison. Konsequenzen: siehe oben.

"Du drogenschmuggelnder, schwuler Zigeuner-Abschaum"


"Fuck off, du illegaler Immigranten-Scheißkerl, du drogenschmuggelnder, schwuler Zigeuner-Abschaum!", entgleiste ein Fulham-Fan vor wenigen Wochen, als sich ein langmähniger Spieler von Hajduk Split erdreistet hatte, ein Tor gegen die Londoner zu erzielen. Reaktion der anwesenden Ordner und Polizisten: null.

Wie pure Heuchelei mutet da die gutmenschliche Aktion gegen Rassismus an, die an diesem Samstag im Spiel Fulham gegen Manchester United (Endstand: 1:1) vor dem Anpfiff stattfand. Alle Zuschauer hielten brav einen roten Zettel mit der Aufschrift: "Zeigt Rassismus die rote Karte!" hoch. Alle fast ausnahmslos weißen Zuschauer, müsste man wohl vollständigkeitshalber sagen. Denn erst nach langer Suche fanden die Fernsehkameras endlich ein Gesicht mit asiatischen Zügen und zeigten es stolz in Großaufnahme.

Mehr Verhaftungen


Nun ist es nicht so, dass die Ordnungsbehörden gar nichts gegen rassistische Ausschreitungen täten. 46 Verhaftungen wegen "racial abuse" gab es in der letzten Saison, 82 im Jahr davor. Die deutliche Abnahme könnte ein Indiz für eine Besserung sein. Könnte.

Glaubt man den Schätzungen von "Kick It Out", gäbe es weit mehr als 46 Anlässe pro Jahr, rassistische Fans in Gewahrsam zu nehmen. Auch die englische Sonntagszeitung "The Observer" geht davon aus, dass es jede Woche Hunderte von Festnahmen geben müsste, wenn das Gesetz, das rassistische Beschimpfungen unter Strafandrohung verbietet, wirklich ernsthaft durchgesetzt werden würde.

Dann allerdings könnten sich die Stadion spürbar leeren: Eine wirksame Buße, die unbotmäßigen Zuschauern auferlegt werden kann, ist die Stadionsperre. In manchen Arenen würde sich Emile Heskey dann tatsächlich wie gehörlos vorkommen, so still wäre es dort auf einmal. Bis dahin aber hält er es sicherheitshalber für klüger, sich lieber taub zu stellen.

Mehr lesen über