Football@home Zar Roman liebt den FC Chelski
Mit der russischen Revolution hatte in England keiner gerechnet. Alle richteten sich auf eine betuliche Sommerpause ein. Kein Geld, keine Transfers, keine Aufregung - das war die allgemeine Erwartung. Dann kam der Russen-Zar. Und verwandelte die Premiership in ein Tollhaus.
Für umgerechnet 210 Millionen Euro kaufte Roman Abramowitsch - ein schwerreicher russischer Öltycoon und der Gouverneur der russischen Provinz Tschukotka - Anfang Juli den Vierten der letzten Saison, Chelsea London. Eigentlich ein Schnäppchen: ein ganzer Verein für den Preis von nur 4,6 Beckhams! Ja, so geht das zu im Mutterland des Manchester-Kapitalismus: alles ist käuflich, und wer schon Haus, Auto und Boot hat, der legt sich einen Fußballverein zu. Abramowitsch zahlte den Kaufpreis aus der Portokasse und hat angeblich noch eine Menge Klimpergeld in der Hosentasche für sein neues Hobby. Ambitionen hat der Großindustrielle nämlich auch. Chelsea soll die Vorherrschaft von Arsenal London und Manchester United im englischen Fußball brechen.
Der letzte Club, der das durch den geballten Einsatz der Geldbörse versuchte, war Leeds United. Heute steht Leeds vor der finanziellen Pleite und dem sportlichen Absturz. Meistermannschaften zusammen zu kaufen, ist eben ein schweres Geschäft. So etwas klappt selten. Kein Wunder, dass Liga-Primus Manchester United und Verfolger Arsenal äußerlich gelassen auf die Großmannssucht des Russen reagieren. Insgeheim allerdings ärgern sie sich schwarz, denn der J.R. des Ostens verdirbt die Preise.
Der "FC Chelski" im Kaufwahn
Auch der dümmste Spielervermittler hat nämlich begriffen hat, dass Abramowitsch das Geld mit beiden Händen ausgibt, und so explodieren die Preise für jeden Ballarbeiter, bei dem ein Interesse des reichen Russen vermutet wird. Für den Abwehrspieler Glenn Johnson vom Absteiger West Ham zahlte der Ölmagnat neun Millionen Euro, für Geremi von Real Madrid und Wayne Bridge von Southampton jeweils 10,5 Millionen und für den Mittelfeldmann Damien Duff von den Blackburn Rovers blätterte Abramowitsch fantastische 25 Millionen Euro hin. Nicht, dass Herr Duff kein guter Fußballer wäre, keinesfalls. Aber selbst der "Daily Telegraph", der Duff bestätigt, ein Modellathlet und vorbildlicher Profi zu sein, hält auch bei wohlwollender Bewertung gerade mal die Hälfte für angemessen.
Bis jetzt jedenfalls hat der Gouverneur von Tschukotka für seinen "FC Chelski", so der neue Spottname für den Verein aus dem Londoner Westen, summa summarum bereits 54 Millionen Euro investiert. Und er hat weitere Transferziele. Auf dem Einkaufszettel sollen stehen: Kieron Dyer (Newcastle United), Juan Sebastian Veron (ManU), Edgar Davids (Juventus), Christian Vieri (Inter Mailand), Emerson (AS Rom) und eigentlich jeder weitere klangvolle Name, der einem so einfällt. Für Spanien Nationalstürmer Raùl (Real Madrid) soll der zweitreichste Russe sogar 100 Millionen Euro geboten haben. Soviel Glamour in spe zieht schon jetzt prominentes Publikum an: Popsänger Robbie Williams hat sich für die Dauer von zehn Jahren eine 77 Quadratmeter große VIP-Loge im Stadion an der Stamford Bridge gemietet. Gesamtkosten: 14 Millionen Euro, Getränke inclusive.
Kommt Eriksson an die Stamford Bridge?
Den eigentlichen Coup bei all dem hat jedoch einer gelandet, bei dem selbst jemand wie Gerhard Mayer-Vorfelder noch Nachhilfe in den Fächern "Strippen ziehen" und "Ränke schmieden" nehmen könnte: Ken Bates, der bisherige Eigentümer des FC Chelsea. Auch nach dem Verkauf seiner Clubanteile an Abramowitsch bleibt er nämlich Geschäftsführer. Damit behält er erstens ein bestimmt nicht kleinliches Gehalt und zweitens weiter alle Fäden in der Hand. Dem Vernehmen nach soll Bates außerdem für sein Aktienpaket 90 Millionen Euro erhalten haben - dabei war der Club bis über beide Ohren verschuldet und am Rande der Liquiditätsreserven. Im Prinzip hat Ken Bates dem Dagobert Duck aus Hinterasien also nichts als ein schwer überzogenes Bankkonto angedreht. Zu einem Preis, der jenseits aller Vernunft liegt. Abramowitsch bestätigt, dass ihn nicht kaufmännisches Kalkül zur Investition bewog: "Es geht hier um Spaß, das heißt um sportlichen Erfolg und Pokale. Ich mache das, weil ich Fußball liebe."
Weniger begeistert reagiert das vorhandene Kicker-Personal auf die Shopping-Tour des Russen, denn es fürchtet um die Stammplätze. "Es macht uns Spieler nervös." klagte Frank Lampard, Mittelfeldstar bei den Blauen, über die Transferspekulationen im Stundentakt. Noch mehr Grund zur Besorgnis allerdings hat Chef-Fußballlehrer Claudio Ranieri. Die Neuverpflichtungen schaffen Erfolgsdruck und Spekulationen, Abramowitsch wolle Englands Nationalcoach Sven-Göran Eriksson verpflichten, tragen nicht zur Beruhigung bei. Kein Wunder, dass Ranieri ganz oben auf den Listen der "Wer-fliegt-als-Erster?"-Umfragen steht. Noch dementieren alle Beteiligten - der englische Fußballverband, Eriksson, Abramowitsch - heftig. Doch man hat ja vor kurzem erst beim Beckham-Transfer zu Real Madrid gesehen, was solche Dementis wert sein können: nicht das Papier, auf dem sie stehen.
Der zweite Teil der Saisonvorschau folgt am kommenden Dienstag.