Französischer Abend: Sieg für Klinsmann - DER SPIEGEL
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Französischer Abend Sieg für Klinsmann

Neues Spielsystem, neue Spielkultur, neuer Optimismus. Die DFB-Elf hat in Frankreich zwar nur remis gespielt, aber das doch ziemlich gut. Die starken 90 Minuten der Kicker sind eine Bestätigung für die Linie von Bundestrainer Klinsmann.
Von Steffen Gerth
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

So unterschiedlich können Wahrnehmungen sein. Je länger die Partie dauerte, umso mehr pfiffen die Zuschauer darauf - sofern sie es mit der französischen Nationalmannschaft hielten. Nein, für die meisten Menschen im Stade de France hatte der Fußball ihrer "Equipe Tricolore" nichts mehr mit der Leichtigkeit aus dem Jahr 1998 zu tun, als das Team sich rauschhaft zur Weltmeisterschaft spielte.

0:0 gegen Deutschland hieß es nach neunzig Minuten, und irgendwie ist jeder Franzose froh, dass jetzt die Winterpause anbricht. "Es war an der Zeit, dass dieses Jahr zu Ende geht", seufzte die Zeitung "Le Parisien" angesichts dieser zwölf öden Monate, die hinter der Nationalmannschaft liegen. Nun steht der Winter vor der Tür, Zeit zur Besinnung, danach kommt auch der verletzte Mittelfeldregisseur Zinedine Zidane wieder zurück - vielleicht wird ja alles besser bei den Franzosen.

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Test in Frankreich: Dorthin gehen, wo es weh tut

Foto: AP

Und die Deutschen? Die wirkten am späten Samstagabend, als ob sie von geheimnisvollen Fesseln befreit worden wären. "Wir haben zwar noch ein bisschen Abstand nach oben, aber die Jungs haben sich großes Lob verdient", schwärmte Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Natürlich blieb auch in Paris die Erkenntnis, dass die sogenannten "Großen" des Weltfußballs für die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) immer noch unschlagbar sind, "aber wir sind wieder ein guter Repräsentant des Landes", befand Klinsmann.

Vielleicht war es auch der Rahmen, der irgendwie für die Deutschen gestaltet war. Zum Beispiel ein Rasen, der sich in einem derart miserablen Zustand befand, dass Franz Beckenbauer fragte, "ob die Franzosen darauf auch Pferderennen veranstalten". Der OK-Chef der WM 2006 mag es halt etwas gediegener.

Möglicherweise lag es ja genau an diesem Acker, dass das kraftvolle Spiel der Deutschen der französischen Filigranarbeit überlegen war. Denn so energisch hat man Klinsmanns Elf lange nicht mehr über internationale Fußballfelder laufen sehen. Kaum auszumalen, was passiert wäre, hätte der feine Volleyschuss von Lukas Podolski in der 14. Minute nicht um Millimeter das Tor verfehlt, sondern für die deutsche Führung gesorgt. Bastian Schweinsteiger (50. Minute, 54.) oder der energische Michael Ballack per Kopf (70.) hatten ebenfalls vorzügliche Möglichkeiten.

Die Kunst des feinen Pass-Spiels

Vielleicht wäre alles auf einmal auch zuviel gewesen für ein Team, das eine schwere Zeit hinter sich hat. 0:2 in der Slowakei, 1:2 in der Türkei, dann ein quälendes 1:0 über China - es hagelte mächtig Kritik. Aber plötzlich verblüffte in Paris die vorher so gescholtene Abwehr mit Robert Huth und Per Mertesacker, die gegen die französischen Überstürmer Thierry Henry und David Trezeguet meist bestens disponiert war, das Mittelfeld mit Ballack (trotz lädiertem Oberschenkel), Sebastian Deisler (bis zu seiner verletzungsbedingten Auswechslung) und Bastian Schweinsteiger entdeckten die Kunst des feinen Pass-Spiels wieder, und im Sturm sorgte Podolski für Bewegung, was man von seinem Nebenmann Miroslav Klose leider nicht behaupten kann.

Gerade die Abwehr bekam von Klinsmann ein Sonderlob. "Die haben das hervorragend gemacht. Solche Spiele sind für die Jungs Gold wert. Sie sind in den vergangenen 16 Monaten Schritt für Schritt gewachsen. Jetzt ist ein weiterer hinzugekommen." Klinsmann hat gegen Frankreich eine Neuordnung im Spielsystem vorgenommen, weg von der Raute, hin zum 4-4-2 mit Ballack und Torsten Frings als zentrale Defensivmänner. Das klappte hervorragend, Torwart Jens Lehmann nannte die Umsetzung gar "fast perfekt".

Diese Konzentration auf die Defensive (die möglicherweise der Abwehr diesen guten Abend erst gestattete) wollte Assistenztrainer Joachim Löw aber nicht als Paradigmenwechsel im deutschen Spiel verstanden wissen. "Das war nicht die Abkehr von unserem Plan, nach vorne zu spielen." Allerdings sei es im kommenden Jahr das vordringliche Ziel, Offensive und Defensive in Einklang zu bringen.

Die DFB-Elf hat nach dem Motto gehandelt, dass der letzte Eindruck der beste sei, und sich entsprechend in die viermonatige Länderspiel-Pause verabschiedet. Erstaunlich war dabei, wie unaufgeregt Klinsmann mit diesem Abend umging. Er hätte gute Gründe gehabt, den Dauernörglern, Besserwissern und Bundestrainer-Belehrern ein paar Retourkutschen zu verpassen.

Nichts da. Wie ein Sprechautomat verkündete der blonde Schwabe abermals, "dass wir überzeugt sind, dass wir bei der WM etwas reißen werden und mit den Großen mithalten können. Wir gehen optimistisch ins WM-Jahr." Und dann bemühte er noch ein schönes Bild. "Wir haben den Kilimandscharo vor uns. Aber wir haben im August 2004 schon angefangen, hinauf zu klettern." Und, um im Bild zu bleiben, erst auf dem Gipfel will Klinsmann über seine Zukunft entscheiden. Denn eine Vertragsverlängerung komme für ihn erst nach der WM in Frage, betont er.

Hamann? Wörns?

Beim Remis der Deutschen ist der Sieger Bundestrainer Klinsmann. Mit einem Schlag ist die Wohnsitzdebatte perdu, niemand mault über die Torwartrotation, die Abwehr wird gar gelobt. Und wer bitteschön, sind Dietmar Hamann und Christian Wörns? Im Stillen wird Klinsmann nach diesem Abend im Stade de France ein feines Lächeln aufgezogen haben in der Gewissheit, gar nicht so falsch gelegen zu haben mit der Dauerprognose, dass diese junge Mannschaft eben Zeit brauche und noch nicht ständig Spitzenleistungen abrufen könne, vor allem nach dem intensiven Confederations-Cup.

Klinsmann hat 2005 15 Länderspiele verantwortet, 7 Siege erzielt, 5 Remis und dreimal verloren. Es hätte alles schlimmer kommen können, und nach diesem französischen Abend hat DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder seine Mannschaft sogar schon wieder "auf Augenhöhe mit einem Großen" gesehen. Wie schnell manchmal alles gehen kann.