Französischer Edelfan Hahn in der Hose
Es begann am 16. Juni 1982 bei der Weltmeisterschaft in Spanien. Clément Tomaszewski aus Antibes sah die Partie Frankreich gegen England. Seine Landsleute verloren das Spiel 1:3, doch Tomaszewskis Leidenschaft für sein Nationalteam war entfacht. Mit seinem Freund Balthazar reiste er dem Team hinterher und erlebte alle Spiele des Turniers, bis auf die legendäre Halbfinal-Niederlage gegen Deutschland im Elfmeterschießen.
Heute ist der Krankenpfleger 60 Jahre alt und unter dem Namen "Clément d'Antibes" in ganz Frankreich als erster Fan der Équipe Tricolore bekannt. Schuld daran sind nicht nur die mittlerweile 123 Länderspiele, die er auf dem Buckel hat, sondern ein ganz spezielles Haustier: der gallische Hahn Balthazar.
Seit der WM 1998 im eigenen Land bringt Tomaszewski seine Ausgabe des französischen Wappentiers mit zu den Länderspielen. Seitdem hat es der Vogel auf 64 Partien gebracht. Benannt ist er nach jenem Freund, mit dem Clément d'Antibes sein Debüt erlebte und der kurz danach starb. In ganz Frankreich gilt der Hahn mittlerweile als Maskottchen der Nationalelf und zugleich als deren Orakel.
Kräht der Hahn am Morgen des Spieltags, wird Frankreich die anstehende Begegnung gewinnen. Schafft es sein Besitzer hingegen nicht, Balthazar einen Laut zu entlocken, sind die Aussichten trübe. Gut also, dass Clément dAntibes eine zuverlässige Technik entwickelt hat, wie er das Tier durch gezielte Kehlkopfmassage zum Singen bringen kann.
Nach 1982 hat Tomaszewski kein großes Turnier mehr verpasst. Zumindest dann nicht, wenn nicht auch Frankreich die Teilnahme am Turnier verfehlte, was freilich des Öfteren vorkam. Der Hahn, inzwischen stolze neun Jahre alt, hat ihn seit 1998 begleitet, lediglich die Weltmeisterschaft 2002 hat er verpasst. Wegen der damals grassierenden Vogelgrippe in Südostasien hätte Balthazar zwar nach Japan und Südkorea einreisen, nicht aber nach Frankreich zurückkehren dürfen.
So blieb er zu Hause, doch Tomaszewski glaubte, sich behelfen zu können: Kurzerhand besorgte er auf einem Tiermarkt in Seoul einen Double, den er Balthamon taufte. Leider stellte sich das Tier für die ihm zugedachten Dienste als unbrauchbar heraus: Ihm waren die Stimmbänder durchtrennt worden. Das war zwar gut für die Nachtruhe, aber verhängnisvoll für die Équipe Tricolore. Das ohnehin schon gefälschte Siegorakel konnte so kaum funktionieren, so dass der amtierende Weltmeister ohne einen einzigen Torerfolg bereits nach der Vorrunde abreisen musste.
Vier Jahre später, bei der WM 2006 in Deutschland, gab es erneut Probleme. Zwar funktionierte diesmal die Einreise reibungslos, und Balthazar konnte munter vor sich hinkrähen, doch schon im zweiten Vorrundenspiel in Leipzig wollten ihn die Ordner partout nicht ins Stadion lassen. Der Hahn verpasste die Partie, und Frankreich erreichte nur ein 1:1 gegen Südkorea.
Im nächsten Spiel lief es zunächst besser, Herr und Hahn erhielten Zutritt zum Kölner Stadion. Gerüchteweise erlebte der Vogel die Einlasskontrollen in der Hose seines Halters, worüber man nicht allzu lange nachdenken möchte. Die Franzosen gewannen 2:0 gegen Togo, doch dummerweise war Tomaszewski während des Spiels im Fernsehen zu sehen, just in dem Moment, in dem er das Tier jubelnd in die Höhe riss, was für einen Aufschrei von Tierschützern sorgte und die Fifa dazu bewegte, den Hahn mit einem bundesweiten Stadionverbot zu belegen.
Nun folgte ein Aufschrei in Frankreich, das sich um sein Maskottchen betrogen sah. Die Zeitung "Paris Soir" titelte: "Befreit Balthazar!", und die deutschen Organisatoren waren froh, dass die Fifa die unpopuläre Entscheidung zu verantworten hatte. Aber es kam noch schlimmer: Nach dem Achtelfinale gegen Spanien, das Frankreich 3:1 gewann, gelang es einem enttäuschten gegnerischen Fan, Hand an den Vogel zu legen und ihm ein paar Federn aus dem Bürzel zu reißen. Dennoch krähte Balthazar bis zum Finale (Niederlage gegen Italien im Elfmeterschießen) tapfer weiter.
Ob er und Clément d'Antibes die Spiele in der Schweiz und vielleicht auch in Österreich gemeinsam erleben können, ist noch ungeklärt. In Schulungen für Fanbetreuer wird auf die beiden jedenfalls ausdrücklich hingewiesen. Nicht nur Tomaszewski sei zuvorkommend zu behandeln, sondern auch dem Hahn mit größtem Respekt zu begegnen.
Wenn es so kommt, da ist sich der Edelfan sicher, kann seine Mannschaft die Todesgruppe C (mit Italien, Rumänien und den Niederlande) überstehen und es weit bringen. Für das Finale wünscht er sich ein Treffen mit Deutschland. Und eine Revanche für 1982.