Frust eines Star-Kickers: Ballack, der Ungekrönte - DER SPIEGEL
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Frust eines Star-Kickers Ballack, der Ungekrönte

Niederlage unter Tränen: Michael Ballack scheiterte mit dem FC Chelsea im Finale der Champions League, verpasste wieder einmal den ersehnten internationalen Titel. Jetzt soll er den Frust möglichst schnell vergessen, die deutsche Nationalmannschaft zum EM-Sieg führen.
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Der Blick grimmig entschlossen, forderte er seine Mitspieler gestenreich zur Gegenwehr auf: Auch dem letzten Zuschauer war in der 34. Minute im Champions-League-Finale zwischen Manchester United und dem FC Chelsea im Moskauer Luschniki-Stadion klar, wie groß der Stellenwert von Michael Ballack inzwischen für die "Blues" ist.

Der 31-Jährige hatte zuvor durch unerlaubten Körpereinsatz gegen Rio Ferdinand das Tor von ManU-Keeper Edwin van der Sar per Kopfball in Gefahr gebracht. In einer zu diesem Zeitpunkt verängstigt wirkenden Mannschaft vom FC Chelsea war es einzig der deutsche Nationalspieler, der bei den "Blues" entschlossen zu Werke ging. Chelsea lag 0:1 zurück, Cristiano Ronaldo hatte Manchester in Führung geköpft (26. Minute) und der englische Vize-Meister drohte, die Partie noch in der ersten Hälfte zu verlieren.

Ballacks Aktion gegen Ferdinand erfüllte ihre Funktion als Weckruf für seine Elf. Chelsea schaffte durch Lampard den Ausgleich (45.) und war, unermüdlich angetrieben von Ballack, ab der zweiten Hälfte der Führung näher als der Ligarivale: Doch Didier Drogba (78.) und Frank Lampard (94.) trafen nach toller Vorarbeit von Ballack nur den Pfosten. Die physische Dominanz von Chelsea schien keinen Zweifel daran zu lassen, wer am Ende die wichtigste Trophäe im Vereinsfußball an sich reißen würde.

Knapp zwei Stunden später: Michael Ballack sitzt, das Gesicht in den Händen, weinend auf dem Boden. Den Titel hatte sich der Gegner gesichert, der Deutsche war gescheitert. Wieder einmal. Schon 2002 stand er mit Bayer Leverkusen im Endspiel der Königsklasse. Damals musste er sich in der regulären Spielzeit Real Madrid 1:2 geschlagen geben, obwohl Leverkusen mindestens ebenbürtig war.

Diesmal hielt das Finale einen noch schmerzhafteren Verlauf für Ballack bereit. Auch nach 120 Minuten stand es unentschieden. Zum insgesamt fünften Mal in der Geschichte der Champions League musste der Sieger im Elfmeterschießen ermittelt werden. Und wieder ging Ballack voran, legte sich den Ball für den so wichtigen ersten Elfmeter zurecht - und verwandelte sicher. Dann verschoss ManU-Superstar Ronaldo. Chelsea bot sich die Chance auf den größten Erfolg der Vereinsgeschichte, Ballack jene auf den größten Triumph seiner Karriere. Nur ein einziger Treffer fehlte noch.

Doch John Terry rutschte bei seinem Schuss aus, der Ball des Kapitäns flog nur an den Pfosten. Van der Sar lag schon geschlagen in der Ecke. Ballack verfolgte diesen Moment inmitten seiner Kollegen im Mittelkreis. Und keiner reagierte so heftig wie er. Ballacks Gesicht verformte sich zu einer Fratze aus Wut und Enttäuschung, die kurz darauf fassungsloser Trauer wich: Nicolas Anelka verschoss den insgesamt 14. Elfmeter, Chelsea war geschlagen, wieder jubelten die anderen. Bei der Siegerehrung von Manchester wankte Ballack längst mit leerem Blick in Richtung Katakomben.

Für Ballack muss dieser Moment doppelt bitter gewesen sein. Zum einen hat der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft beim FC Chelsea eine Entwicklung durchlaufen, die ihm nur die wenigsten zugetraut hätten. Zu seinen Zeiten beim FC Bayern galt er als phlegmatisch, als jemand, der die entscheidenden Aktionen scheut, der kein Leader ist. Bei Chelsea ist Ballack nach Startschwierigkeiten zur wichtigsten Führungsfigur neben Frank Lampard aufgestiegen, kein Spiel verdeutlichte dies mehr als eben dieses Finale von Moskau. Trainer Avram Grant nutzte fast jede sich bietende Gelegenheit, um während der Partie das Gespräch mit Ballack zu suchen und ihm Instruktionen für die Mannschaft an die Hand zu geben.

"Michael Ballack hat ein super Spiel gezeigt und bewiesen, dass er zurecht als einer der Top-Spieler eingestuft wird", sagte DFB-Teammanager Oliver Bierhoff nach der Partie und beschreibt damit treffend den neuen Status des Mittelfeldspielers. Den wird das nur wenig trösten, läuft er doch Gefahr, seinen großen Traum von einem internationalen Titel zu verpassen. Mit bald 32 Jahren hat er nur noch wenig Zeit.

Ob Chelsea auch in der nächsten Saison so stark auftreten kann wie in dieser, ist zudem fraglich: Ballack muss darauf hoffen, dass Clubeigner Roman Abramowitsch weiterhin als potenter Geldgeber auftritt und Verstärkungen ermöglicht. Chelsea steht vor einem Umbruch, die Zukunft von Trainer Grant gilt als unsicher.

Bleibt noch die Nationalmannschaft. Nachdem Ballack das WM-Finale 2002 gegen Brasilien (0:2) wegen einer Gelben Karte im Halbfinale verpasste, scheint die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika die allerletzte Chance auf einen Weltmeistertitel für den Ballackschen Lebenslauf. Bis dahin bleibt ihm nur die Anerkennung seiner Leistung. Und natürlich die EM in Österreich und der Schweiz. Die beginnt in weniger als als drei Wochen.

In dieser Zeit gilt es, Ballack wieder aufzurichten und die schmerzhafte Niederlage von Moskau aus seinem Kopf zu kriegen. "Er wird schon zwei, drei Tage daran zu knabbern haben, die Enttäuschung ist natürlich groß. Aber jetzt gibt es ein neues Ziel für ihn", sagte Nationaltrainer Löw im Trainingslager der DFB-Elf auf Mallorca. Das dürfte Ballack genauso sehen.

Mit Material von dpa

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