Fußball-Buch Abschied vom Bökelberg
Die Gladbacher Fans haben die Zeichen der Zeit schon erkannt. So zahlreich wie lange nicht strömten sie in der Vorrunde der Fußball-Bundesliga zu den Heimspielen ihrer Mannschaft. Durchschnittlich 32.256 Besucher kamen auf den Bökelberg - wer will es sich schon entgehen lassen, noch eine der letzten Partien in der Kultstätte live vor Ort zu verfolgen?
Markus Aretz, Pressesprecher des fünffachen Deutschen Meisters, hat sich daran gemacht, die fast 85-jährige Geschichte des Bökelbergs zu schreiben. Dazu nutzte er alte Archive und Chroniken, befragte Zeitzeugen und rief Fans des Clubs vom Niederrhein auf, ihre schönsten Erlebnisse im 34.500 Zuschauer fassenden Stadion zu beschreiben. Einige dieser Erfahrungsberichte sind in dem DIN-A4-Buch erschienen.
So ist von "Rutschpartien auf Lehmhängen" zu lesen, da das Stadion in den Nachkriegsjahren nicht eben großen Komfort bot. Oder vom "ersten Date". Leider regnete es, der guten Stimmung tat dies allerdings keinen Abbruch, die von der Borussia gestiftete Beziehung endete vor dem Traualtar. Der Bökelberg war (und ist) allerdings nicht nur ein Ort für Herz und Schmerz, Fußball wurde dort auch gespielt - und wie. Etliche Klassiker fanden im Stadion statt, darunter einige, bei denen die Borussia nicht viel zu lachen hatte.
Morscher Pfosten, abgebrochenes Spiel
So musste das Bundesligaspiel gegen Werder Bremen am 3. April 1971 nach 88 Minuten beim Stand von 1:1 abgebrochen werden. Nicht auf den Platz gestürmte Zuschauer verursachten das vorzeitige Ende, sondern ein morscher Pfosten (damals war das Gestänge noch aus Holz und nicht aus irgendeiner Hightechlegierung). Der Pfosten knickte ab und die Borussia ein - das Spiel wurde mit 2:0 für die Gäste gewertet.
Nicht minder legendär natürlich die Europapokalpartie am 20. Oktober des gleichen Jahres gegen Inter Mailand. Mit 7:1 deklassierte die Borussia die Gäste. Doch der Triumph war ein schaler. Nach einem Büchsenwurf eines Gladbacher Fans - zu diesem Zeitpunkt, 28 Minuten waren gespielt, stand es 2:1 für die Gastgeber - hatten die Italiener nur noch mit angezogener Handbreme gespielt. Sie wussten, dass die Partie wohl annulliert werden würde. So kam es auch, Gladbach schied am Ende aus.
Hassobjekt Roberto Boninsenga
Noch heute fluchen die Borussen-Fans, wenn sie den Namen Roberto Boninsenga hören. Der Inter-Star habe geschauspielert und nur einen Skandal provozieren wollen, als er sich mit einer Trage vom Platz transportieren ließ. Später stellte sich heraus, dass der Italiener tatsächlich ein wenig übertrieben hatte. Die Kopfverletzung konnte nicht so schwer gewesen sein, wie von Inter behauptet, denn die Cola-Dosa war leer. Die "Welt" urteilte damals, "dass sieben Treffer mit dem Ball nicht so viel zählen wie einer mit der Büchse".
Borussen-Fans (aber nicht nur die, sondern alle, die sich für Fußball-Historie interessieren), werden in diesem Buch mit vielen Schwarz-Weiß-Aufnahmen fündig werden. Schon jetzt verewigt wurden die Hardcore-Anhänger des am 1. August 1900 gegründeten Clubs. Die Namen aller Dauerkartenbesitzer in der letzten Bökelberg-Saison sind auf der Innenseite des Einbandes abgedruckt. Das sind Tausende, aber wer eine Lupe zur Hilfe nimmt, wird vielleicht den einen oder anderen Bekannten entdecken.
Markus Aretz, Mythos Bökelberg - Geschichte eines Fußballstadions, 232 Seiten, 270 Fotos, ISBN 3-89533-429-4, Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2003, 24,80 Euro