Fußball: DFB-Elf wieder in WM-Form - DER SPIEGEL
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Fußball DFB-Elf wieder in WM-Form

Mit einem klaren Sieg gegen Belgien hat die deutsche Nationalmannschaft auch den zweiten Test für die Europameisterschaft bestanden. Die Art und Weise, wie die Völler-Schützlinge zum Erfolg kamen, erinnert an den Gewinn der Vizeweltmeisterschaft 2002. Bis zur Reise nach Portugal muss sich die DFB-Elf jedoch noch steigern.
Von Till Schwertfeger
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war ein eher unbeabsichtigtes, aber nichtsdestotrotz großes Kompliment, das Jens Lehmann seinen Mannschaftskameraden kurz vor Mitternacht in den Katakomben des rund drei Stunden zuvor offiziell eingeweihten Kölner WM-Stadions machte. Der Reservekeeper der deutschen Nationalelf musste auf der Pressekonferenz weit mehr auf der Hut sein als im gerade mit 3:0 (1:0) gewonnenen Länderspiel gegen die Belgier, die ihn erst nach 82 Minuten zu einer Parade zwangen. Auf der Hut vor Fragen der Journalisten, die den Konkurrenzkampf zwischen ihm und der in dieser Partie pausierenden Nummer eins, Oliver Kahn, neu entflammen wollen.

Ob er gar nicht traurig sei, kaum Gelegenheit gehabt zu haben, sich auszuzeichnen? "Es ist meistens so, dass ich nicht so viele Bälle aufs Tor bekomme. Das spricht für die Qualität der Defensivleistung", entgegnete Lehmann unterkühlt und stellt damit das deutsche Nationalteam quasi auf eine Stufe mit seinem Arbeitgeber Arsenal London, der derzeit erfolgreichsten Vereinsmannschaft Europas: in der Premier League unbesiegt, zudem im Halbfinale des FA-Cups und im Viertelfinale der Champions League.

Sonderlob für Lahm

Der Dortmunder Manndecker Christian Wörns, gegen Belgien Kahns Stellvertreter als Mannschaftskapitän, sprach über die gute Abwehrarbeit so, wie er gespielt hatte: "Was wir zu tun hatten, haben wir weggemacht." Dass die Viererkette mit Wörns und Jens Nowotny in der Innenverteidigung sowie mit Arne Friedrich (rechts) und Philipp Lahm (links) ihre Aufgaben tadellos erledigte, erleichterte auch Rudi Völler. "Die wichtigste Erkenntnis aus diesem Test ist, dass wir hinten sehr gut gestanden haben", erklärte der Teamchef, der offenbar die endgültige Besetzung für die linke Problemseite gefunden hat, wo seit der Verletzung von Christian Ziege schon etliche Notlösungen wie etwa der Berliner Michael Hartmann ihr Glück nicht fanden. "Was der kleine Philipp Lahm gespielt hat, war vom Allerfeinsten", lobte Völler den 20-jährigen Stuttgarter, der nach dem 2:1-Sieg in Kroatien auch sein zweites Länderspiel bravourös über die Bühne brachte.

Dennoch steht die deutsche Deckung hinsichtlich der EM auf wackligen Füßen. Über die Form Nowotnys, in Leverkusen nur noch zweite Wahl, konnte der Test kaum Aufschluss geben, Völler sprach vorsichtig optimistisch von einem "guten Anfang". Gute Alternativen für das Abwehrzentrum haben sich nicht aufgedrängt, das weiß er. "Es darf niemand ausfallen", sagte dieser Tage Wörns beschwörend, wohl wissend, dass Verletzungen und Spielsperren zu einem Turnier dazu gehören wie Tore zum Spiel.

Kuranyi trifft wieder

Auf die mussten die Fans der deutschen Mannschaft jedoch 45 Minuten lang warten, obwohl die DFB-Elf das, sich im Umbruch befindende Gästeteam, dessen Spieler größtenteils nur echten Kennern des Beneluxfußballs ein Begriff sind, dominierte und die belgischen Torhüter sich anscheinend an eine Regel hielten, die ihnen das Herauslaufen aus dem Tor bei Flankenbällen untersagte. Davon profitierte wenige Sekunden vor dem Halbzeitpfiff endlich Kevin Kuranyi, in der Bundesliga seit Ewigkeiten torlos, dem ein vom gut aufgelegten Torsten Frings getretener Eckball an die Hüfte und von dort ins Gehäuse der Belgier sprang.

Als "zweitwichtigste Erkenntnis" des Sieges begrüßte Völler die doch noch vorhandene Trefffähigkeit des 22-jährigen Stuttgarters, der im neunten Länderspiel sein zweites Tor erzielte. An der idealen Sturmformation muss der Teamchef allerdings weiter basteln. Das Experiment mit Kuranyi und dem emsigen, aber ebenso überhastet agierenden Paul Freier in vorderster Linie scheiterte jedenfalls. Der eingewechselte Oliver Neuville hingegen brachte neuen Schwung ins Spiel. Denkbar, dass der quirlige Leverkusener mit dem kopfballstarken Miroslav Klose wie bei der WM das Sturmduo bildet.

Stratege Hamann

Wie vor fast zwei Jahren in Japan und Südkorea zelebrierte die deutsche Elf auch gegen Belgien keinen mitreißenden Kombinationsfußball, sondern kam durch Zweikampfstärke, Spielordnung und die Verwertung von Standardsituationen zum Erfolg. Für das 2:0 und damit die Vorentscheidung sorgte Didi Hamann (55.): Als Belgiens Torwart Frédéric Herpoel nach einer Freistoßentscheidung noch seine Mauer dirigierte, schoss der Mittelfeldspieler vom FC Liverpool aus 30 Metern schnell in die leere Ecke des belgischen Tores. Der ebenso überraschte Schiedsrichter Jan W. Wegereef hätte den Ball fast noch abgefälscht. "Didi ist nicht umsonst unser Stratege auf dem Feld", freute sich Völler über den raffinierten Coup Hamanns, der dem Spielaufbau viel Sicherheit gab. Auch der zweite Schlüsselspieler im DFB-Team erzielte ein Tor: Nach einer Freistoßflanke Neuvilles köpfte der ansonsten engagiert, aber unspektakulär spielende Michael Ballack (81.) das 3:0.

Zum ersten Mal seit Oktober 2002 liefen Hamann und Ballack wieder gleichzeitig im Nationaldress auf. Noch ein paar Monate weiter blickte Völler zurück: "Das hat mich an die WM erinnert, wo sie so gut harmoniert haben." Mit Frings, Hamann und Ballack ist das deutsche Mittelfeld hervorragend besetzt, nur Bernd Schneider hinkt seiner Bestform von vor zwei Jahren weit hinterher. So mahnt der Teamchef auch nach dem ungefährdeten Erfolg gegen die in der Qualifikation an Bulgarien und Kroatien gescheiterten Belgier nicht abzuheben. "Bei der EM müssen wir einen Zahn zulegen", zog Völler ein realistisches Fazit.

Denn am 15. Juni in Porto ist nicht Belgien, sondern dessen nördlicher Nachbar Niederlande Gegner im ersten Gruppenspiel der Euro. Das Oranje-Team trotzte vergangene Nacht den zuvor 14-mal in Folge siegreichen Franzosen ein 0:0 ab. Wie unheimlich stark der Titelverteidiger ist, wissen die Deutschen spätestens seit dem 0:3 in Gelsenkirchen am 15. November 2003.

Deutschland - Belgien 3:0 (1:0)
1:0 Kuranyi (45.)
2:0 Hamann (55.)
3:0 Ballack (81.)
Deutschland: Lehmann/Arsenal London (34 Jahre/17 Länderspiele) - Friedrich/Hertha BSC Berlin (24/16), Nowotny/Bayer Leverkusen (30/40), Wörns/Borussia Dortmund (31/54), Lahm/VfB Stuttgart (20/2) - Frings/Borussia Dortmund (27/25) ab 62. Ernst/Werder Bremen (24/4), Hamann/FC Liverpool (30/51) - Ballack/Bayern München (28/38) ab 84. Rahn/Hamburger SV (24/5), Schneider/Bayer Leverkusen (30/33) ab 62. Neuville/Bayer Leverkusen (30/47) - Kuranyi/VfB Stuttgart (22/9) ab 78. Bobic/Hertha BSC Berlin (32/32), Freier/VfL Bochum (24/15) ab 71. Jeremies/Bayern München (30/51)
Belgien: Herpoel/AA Gent (29/7) ab 60. Lemmens/Espanyol Barcelona (27/1) - Deflandre/Olympique Lyon (30/50) ab 71. de Cock/FC Brügge (20/9), Dhedeene/Austria Wien (32/9), Kompany/RSC Anderlecht (17/2), van Damme/Ajax Amsterdam (20/6) ab 65. Deschacht/RSC Anderlecht (23/4) - Mbo Mpenza/Excelsior Mouscron (27/38) ab 60. Dufer/SC Charleroi (22/1), Clement/FC Brügge (30/24), Baseggio/RSC Anderlecht (25/23) ab 60. Bisconti/Standard Lüttich (30/2), Blondel/FC Brügge (19/2) ab 46. Daems/Genclerbirligi (25/1) - Pieroni/Excelsior Mouscron (23/2), Buffel/Feyenoord Rotterdam (23/12)
Schiedsrichter: Wegereef (Niederlande)
Zuschauer: 46.000 (ausverkauft)
Gelbe Karte: - / Deflandre