Fußball-Eliteschule: Wer nicht spielt, verliert - DER SPIEGEL
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Fußball-Eliteschule Wer nicht spielt, verliert

EM-Helden von morgen: Am Berliner Sportforum Hohenschönhausen sollen die Nationalspieler der Zukunft ausgebildet werden. Doch den Sprung zum Profi schaffen nur wenige - im Leistungszentrum der Nachwuchskicker wird von Beginn an strikt aussortiert.
Von Martina Schrey
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Maximilian ist an diesem Morgen ein wenig missmutig. Gelangweilt tritt er mit seinen schwarz-weißen Sneakers dem Ball hinterher. Am Training seiner Klasse darf er heute nicht teilnehmen, wie auch schon in den letzten fünf Wochen nicht. Er hat einen Kapselriss am Knöchel und eine Prellung, er muss sich schonen. Das drückt auf die Stimmung. Denn bei Maximilian Zimmer dreht sich selbst in der Schule fast alles um Fußball.

Der 15-Jährige ist eine der größten Hoffnungen im Schul- und Leistungssportzentrum Berlin. Die Lehranstalt am Sportforum Hohenschönhausen ist größter Olympiastützpunkt Deutschlands und gilt als Eliteschule des Sports. Eine Fußballklasse gab es hier schon zu DDR-Zeiten, seit 1995 wird sie vom DFB unterstützt, auf Initiative von Berti Vogts. 18 bis 20 Jungs sind in jedem Jahrgang - im besten Falle die Bundesliga- und Nationalspieler von morgen. Doch nur die wenigsten der zur Zeit 96 Fußball-Schüler schaffen das. Genaue Zahlen will man an der Schule nicht nennen.

Maximilian besucht die 9. Klasse – und er ist U16-Nationalspieler, Mittelfeld, im Februar wurde er beim Spiel gegen Italien 20 Minuten eingesetzt. Auch wenn er es nicht war, der das Tor geschossen hat – seine Mannschaft gewann 1:0.

Maximilian ist zierlich, mit seinen 1,72 Metern kein Rambo, seine dunklen Haare hat er unter einer schwarzen Basecap versteckt, auf den ersten Blick ein ganz normaler Junge in der Pubertät, beschäftigt mit sich und den Ungerechtigkeiten der Welt, den Anforderungen der Schule, dem Druck der Lehrer. Und dem fast schon brutalen Pensum, das er jeden Tag erfüllen muss.

Man sieht ihm nicht an, wie durchstrukturiert sein Leben ist. Max lebt in Berlin-Friedrichshain. Wenn er rechtzeitig um kurz vor acht in der Schule sein will, muss er spätestens um halb sieben aufstehen. Erst Fußballtraining, dann Bio, Mathe, Englisch, Deutsch, Physik und all die anderen Fächer, bis nachmittags, nach 16 Uhr.

Maximilians Tag ist dann aber noch längst nicht zu Ende, denn jetzt geht es quer durch Berlin nach Charlottenburg zu Hertha BSC, seinem Verein, viermal die Woche. Nach 21 Uhr ist er erst wieder zu Hause. Und am Wochenende hat er fast immer ein Spiel. Mitunter ist er aber auch die ganze Woche nicht in Berlin, sondern bei einem Fußball-Lehrgang des DFB, trainiert Technik, Ausdauer, Ballgefühl. Eine Garantie für eine Profikarriere gibt es nicht.

Strenge Auswahl durch den DFB

Jetzt geht Maximilian dreimal die Woche zum Physiotherapeuten, den verletzten Knöchel wieder auf Vordermann bringen. Oder zum Einzelunterricht in Mathe oder Physik, denn auch der Kopf braucht Pflege, wenn er nicht gerade mit dem Ball in Berührung kommt. Seine Noten könnten besser sein.

Für den 13-jährigen Christian sind Jungs wie Jugend-Nationalspieler Maximilian dennoch das große Vorbild. Christian ist zwei Jahre zum Gymnasium gegangen, bevor er im letzten Sommer auf das Schul- und Leistungszentrum wechselte. Beim Stützpunkttraining wurde der blonde, schlaksige Junge als Talent erkannt, sein Verein, der BFC Dynamo, hat ihn dort hingeschickt.

Sechs solcher Stützpunkte gibt es in ganz Berlin, hier begutachten Trainer des DFB die hoffnungsvollen Talente von morgen, lauern Scouts der großen Vereine auf talentierten Nachwuchs. Christian gehört dazu und er ist stolz darauf, das sieht man ihm an.

Auch Dr. Axel Pauly ist stolz auf seine Jungs. Der Fachlehrer für Sport und Erdkunde ist in der 9. Klasse von Maximilian auch Klassenlehrer. In seinem Büro hängen Bilder von ehemaligen Fußballschülern. Marc Stein ist dabei, der in der nächsten Saison bei Hertha spielt. Und Christian Tiffert, einst in Stuttgart, jetzt beim MSV Duisburg. Das macht Hoffnung.

Siebtklässler Christian will nichts lieber als spielen, aber auch er ist heute verletzt, Rippenprellung. Er schaut vom Spielfeldrand seinen Mitschülern zu, die sich wie jeden Morgen in zwei Gruppen geteilt haben: Die B-Schüler werden von Sportlehrer Pauly trainiert. DFB-Trainer Roland Räderscheidt kümmert sich um den hoffnungsvollen A-Kader, die Elite unter den Leistungsträgern.

Von Anfang an wird in der Fußballklasse scharf bewertet und aussortiert. "Man muss schließlich der Forderung des DFB Rechnung tragen, dass auch wirklich die Hochtalente gefördert werden", sagt Pauly. Ein Wechsel ist in der Regel zum Halbjahr möglich. Meist von A nach B - selten umgekehrt.

Christian ist im B-Kader. Doch das stört den aufgeweckten Jungen nicht. Sagt er. Und schaut in die Ferne. Vielleicht klappt es eines Tages ja auch noch mit dem Wechsel. "Dafür gehöre ich im Unterricht zu den Besten in der Klasse."

Ein guter Schulabschluss trotz hoher sportlicher Belastung soll hier möglich sein. Wer Schwächen hat, bekommt Einzelunterricht. Allerdings nur, wenn er mindestens im Berliner C-Kader spielt, der Landesauswahl. "Durch das Training sind die Schüler leistungsbereiter - und sie erkennen Regeln an", sagt Direktor Gerd Neumes. Eine dieser Regeln ist seit zwei Jahren, dass die Schüler die Schule verlassen müssen, wenn sie sportlich nicht mehr genügend Leistung bringen.

Der 14-jährige Victor hat es gar nicht erst so weit kommen lassen - er ist in der 8. Klasse von selber gegangen. Auch er war von Anfang an ein B-Spieler. "Und daran wurde nie etwas geändert, bei keinem, egal, wie sehr man sich angestrengt hat!" Victor ist klein, er misst gerade mal 1,54 Meter, bei seinem Heimatverein FC Internationale gilt er als guter Techniker, der den Überblick bewahrt.

Auch die Schule attestierte ihm im individuellen Förderplan Leistungsbereitschaft und Talent - gefördert aber fühlte sich Victor nicht: "Die A-Spieler hatten ein viel cooleres Training, vielseitige und modernere Übungen. Wir haben immer nur Warmlauftraining und Dehnübungen gemacht."

Nicht jeder hält dem Druck stand

Zu Turnieren sei immer nur der A-Kader gefahren. Nach jedem Training wurde Victor saurer, auch auf den Unterricht hatte er keine Lust mehr, seine Noten wurden schlechter. "Wir haben erst gar nicht gewusst, was los war", sagt seine Mutter, Corinna H.

Mittlerweile geht Victor auf ein ganz normales Berliner Gymnasium - doch auch hier muss er ganz schön strampeln. "Im Leistungszentrum wurde halt immer nur das Nötigste unterrichtet", glaubt Frau H., "auf dem Gymnasium geht man viel mehr in die Tiefe, das hat Victor bisher nicht gelernt."

Direktor Neumes, dessen Schul- und Leistungssportzentrum beim ersten Berliner Zentralabitur letztes Jahr unter den Gesamtschulen einen dritten Platz erreichte, kann die Kritik nicht nachvollziehen. "Uns ist eine umfassende Bildung sehr wichtig, wir arbeiten keinesfalls nachlässig", betont Neumes.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung fehlte der letzte Absatz. Wir bitten dieses Versäumnis zu entschuldigen.