Fußball-EM 2008: Alpenduo in Lauerstellung - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Fußball-EM 2008 Alpenduo in Lauerstellung

Gleich 14 Verbände der Uefa haben sich um die Ausrichtung der Fußball-EM 2008 beworben. Am Donnerstag fällt die Entscheidung. Der Schweiz und Österreich, die gemeinsam antreten, werden die besten Chancen eingeräumt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nyon - Die Stadien für die EM 2004 in Portugal sind noch nicht fertiggebaut und schon wirft die EM 2008 ihre Schatten voraus. Nie zuvor war die Konkurrenz um die Ausrichtung der - gemessen an Etat, Zuschauerzahlen und TV-Resonanz – drittgrößten Sportveranstaltung nach Olympischen Spielen und Fußball-WM derart groß.

Neben dem Favoriten Österreich/Schweiz und Schottland/Irland gibt es weitere Gemeinschaftsbewerbungen von Kroatien und Bosnien-Herzegowina, Griechenland und der Türkei sowie dem skandinavischen Konsortium mit Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden. Als Einzelkandidaten wollen Russland und Ungarn die EM erstmals nach Osteuropa holen.

"Die Verbände haben ihre Bewerbungen sehr professionell präsentiert, und die Regierungen haben die Bedeutung von großen Sportereignissen für das Image eines Landes und die Wirtschaft erkannt. Das ergibt heute einen viel engeren Bewerbungskampf als noch vor 15 oder 20 Jahren", urteilt Gerhard Aigner.

"Es wird ein paar enttäuschte Parteien geben"

Der Uefa-Generaldirektor, der den Gewinner am Donnerstag um 12.45 Uhr im Genfer Hotel Intercontinental verkünden wird, weiß allerdings auch um die Schattenseiten des Kandidaten-Booms: "Die Bewerber stehen unter größerem Siegesdruck, es wird deshalb ein paar enttäuschte Parteien geben."

Im Anschluss an die Präsentation am Mittwoch erstellte die so genannte Nationalmannschafts-Kommission der Uefa nach einem Punktesystem eine Rangliste der Kandidaturen. Diese wird sie dem Exekutivkomitee vorlegen, das an die Reihenfolge jedoch nicht gebunden ist. Im ersten Wahlgang am Donnerstag legen sich die acht der 14 Exekutivmitglieder, die nicht aus einem der Bewerberländer kommen, auf zwei oder drei Kandidaten fest, die in die Endausscheidung kommen.

Michael Schumacher und Beckenbauer machen Werbung


Die Enttäuschugn im Falle eines Scheiterns dürfte in der schweiz-österreichische Fraktion besonders groß sein. Die Favoriten haben ein erstklassiges Dossier vorgelegt und mit rund 3,4 Millionen Euro mehr Geld als jeder Konkurrent in die Bewerbung gesteckt. "Ich drücke der Schweiz und Österreich die Daumen", betätigte sich der am Genfer See lebende Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher als prominenter Fürsprecher.

Das Alpen-Duo wähnt gleich ein Dutzend Trümpfe in seiner Hand: In beiden Ländern je vier moderne Stadien, wirtschaftliche und finanzielle Stabilität, kurze Wege bei hervorragender Infrastruktur, großer Rückhalt in der Bevölkerung sowie ausreichend Erfahrung bei der Organisation von Großereignissen. Auch der in Kitzbühel wohnende Franz Beckenbauer hält deshalb die Daumen hoch: "Die Kombination hat sehr gute Chancen, besser kann man es nicht machen."

Im dritten Versuch will es Österreich schaffen

Mit Käse und Sachertorte als Symbol versuchte das aussichtsreichste Team am Mittwochnachmittag bei der offiziellen Präsentation ein letztes Mal Stimmung für sich zu machen. Die 15-minütige Vorstellung der Alpen-Kandidatur endete mit dem Appell des österreichischen Verbands-Präsidenten Friedrich Stickler, "dass wir mit glühender Leidenschaft die EURO 2008 veranstalten wollen".

Für Österreich ist es bereits der dritte Anlauf. Um die Europameisterschaften 1996 und 2004 (gemeinsam mit Ungarn) hatte sich die Alpenrepublik vergeblich beworben. Die Schweiz kandidiert erstmals seit dem WM-Turnier 1954 - damals gewann Deutschland seinen erste von bislang drei Weltmeisterschaften - für ein Fußball-Großereignis.

Putin: Der Osten ist an der Reihe


Dass der vermeintlich beste Kandidat nicht immer belohnt wird, machte vor vier Jahren die Vergabe der EM 2004 in Aachen deutlich. Favorit Spanien blieb auf der Strecke. Stattdessen erhielt mit Portugal der krasseste Außenseiter den Zuschlag - mit der Begründung, man wolle der dortigen Infrastruktur auf die Sprünge helfen.

Auf derlei Sentimentalitäten der obersten Uefa-Funktionäre hoffen auch diesmal die Außenseiter. Sie setzen darauf, dass ihre politischen Argumente die technischen Mängel ihrer Bewerbungen überdecken können. Der Osten Europas sei endlich an der Reihe, befand Russlands Präsident Wladimir Putin. Mit diesem Slogan wirbt auch Ungarn. Griechenland und die Türkei indes sehen in ihrer gemeinsamen EM-Kandidatur einen wichtigen Beitrag zur Annäherung der einst verfeindeten Länder. Kroatien und Bosnien-Herzegowina führen an, eine EM in ihren Ländern würde den Aufbau nach dem Bürgerkrieg beschleunigen.

Große Hoffnungen in Skandinavien

Die besten Außenseiterchancen werden jedoch dem skandinavischen Quartett eingeräumt, das nicht nur eine Bewerbung auf hohem Niveau eingereicht hat, sondern auch nicht zuletzt durch den schwedischen Uefa-Präsidenten Lennart Johansson großen Einfluss in der Verbandsspitze besitzt. Allerdings waren die Schweden bereits vor zehn Jahren EM-Gastgeber.

Schottland und Irland bieten zwar mit 1,6 Millionen die größte Zuschauer-Kapazität aller Kandidaten (442.000 mehr als Österreich/Ungarn), haben aber nicht einmal die eigene Bevölkerung auf ihrer Seite. 68 Prozent der Schotten sprachen sich in einer Meinungsumfrage gegen die EM aus - obwohl ihr Nationaltrainer Berti Vogts die Werbetrommel rührte.