Fußball-Geschichte: Der Schiedsrichter war ein SS-Mann - DER SPIEGEL
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Fußball-Geschichte Der Schiedsrichter war ein SS-Mann

Wenn die deutsche Nationalelf am Samstag in der Ukraine antritt, werden in Kiew Erinnerungen wach. 1942 siegte ein Fußballteam der Stadt gegen die so genannte deutsche Flak-Elf. Die Ukrainer setzten dabei ihr Leben aufs Spiel.
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Die Gestapo-Männer, die im August 1942 in der Kiewer Brotfabrik No. 3 auftauchten, kamen in Zivil und hatten eine Liste mit elf Namen dabei. Diebstahl und Sabotage - Delikte, die unter dem deutschen Besatzerregime mit dem Tode bestraft werden konnten - warfen die Gestapo-Männer den ukrainischen Arbeitern vor. Doch die Deutschen wussten ebenso gut wie ihre Gefangenen, dass dies nicht der wahre Grund für die Verhaftung war. Die elf Männer waren in den Folterkellern der Gestapo gelandet, weil sie exzellent Fußball spielen konnten.

Der Großteil der Elf hatte vor dem Einmarsch der Wehrmacht in der Ukraine für Dynamo Kiew gekickt, die übrigen für den Lokalrivalen Lokomotive. Und obwohl die Ukrainer nicht ausreichend zu essen bekamen und hart schuften mussten, hatten sie der "Flak-Elf", einer kraftstrotzenden Auswahl der deutschen Luftwaffe, zwei demütigende Niederlagen beigebracht.

Dieses Kapitel deutsch-ukrainischer Geschichte schildert der schottische Journalisten Andy Dougan, 45, in einem fesselnden Buch, das zum Teil auch eine Historie des bekanntesten und erfolgreichsten Fußballclubs der Ukraine ist: Dynamo Kiew. Ein Verein, der Weltklassespieler wie Oleg Blochin, Sergej Rebrow oder Andrej Schewtschenko hervorgebracht hat und 1975 und 1986 den Europapokal der Pokalsieger gewinnen konnte.

Da war es schnell vorbei mit Fußball

Dynamo war der Club von Polizei, Geheimpolizei NKWD und des Innenministeriums, der in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts zu den führenden Vereinen der Sowjetunion aufstieg. Doch als Adolf Hitler am 22. Juni 1941 die "Operation Barbarossa" startete und mehr als drei Millionen deutsche Soldaten die Sowjetunion angriffen, war es schnell vorbei mit Fußball.

Am 19. September marschierten Truppen der Heeresgruppe Süd in der Hauptstadt der Sowjetrepublik Ukraine ein. Innerhalb von zwei Tagen brachten Sonderkommandos fast 34.000 Juden in Kiew um. Die Gestapo suchte mit Unterstützung von Kollaborateuren nach den Kommunisten in der Stadt. Da viele der Dynamo-Spieler zumindest der Form halber Polizisten waren oder gar vom NKWD geführt wurden, waren sie in besonderer Gefahr.

In dieser Situation war es ein Glücksfall für die Fußballer, dass es in Kiew den in Böhmen geborenen und aufgewachsenen Josef Kordik gab. Kordik sprach fließend Deutsch, und deswegen schlugen ihn die Besatzer der privilegierten Bevölkerungsgruppe der "Volksdeutschen" zu und ernannten ihm zum Direktor der Brotfabrik No. 3. Eines Tages entdeckte der leidenschaftliche Dynamo-Fan auf der Straße einen hinkenden, abgemagerten Mann in einem zerfetzten Armee-Mantel. Es war der berühmte Dynamo-Torwart Nikolai Trusewitsch.

Der FC Start spielt gegen die "Flak-Elf"

Kordik gab dem Keeper einen Job in seiner Fabrik, und Trusewitsch brachte bald immer mehr ehemalige Kollegen von Dynamo als auch vom Lokalrivalen Lokomotive mit. Die Fußballer arbeiteten und wohnten in der Brotfabrik, nach dem Ende ihrer 12-Stunden-Schichten kickten sie auf dem Hof.

Im Sommer 1942, neun Monate nach der Einnahme von Kiew, lockerten die deutschen Besatzer ihr drakonisches Regime ein wenig. Da sie Sport als harmlose Zerstreuung erachteten, genehmigten sie die Austragung eines Fußball-Turniers während des Sommers. Kordik sorgte dafür, dass seine Schützlinge als FC Start mitspielen konnten.

Die meisten von ihnen hatten keine ordentlichen Fußball-Schuhe, doch dank ihrer Erfahrung und ihrer technischen Überlegenheit gewannen sie das erste Match gegen ein Kiewer Team mit 7:2 und kamen nach vier Siegen auf ein Torverhältnis von 30:4. Zum Abschluss der Saison trat der FC Start gegen eine Auswahl der deutschen Luftwaffe an, die so genannte "Flak-Elf". Die Ukrainer gewannen klar mit 5:1. Den sieggewohnten Deutschen war dies zuviel des Guten. Schon am Tag danach wurden in Kiew Handzettel verteilt und Plakate geklebt, die ein Rückspiel nur drei Tage nach dem ersten Match ankündigten.

"Ich bitte Sie, einen Moment über die Folgen nachzudenken"

Das Stadion war überfüllt. Als die Spieler des FC Start noch in ihrem Umkleideraum saßen, kam ein junger Deutscher in schwarzer Uniform herein und stellte sich in perfektem Russisch als der Schiedsrichter vor. Es war ein SS-Mann, und er verlangte, dass die Ukrainer ihre Gegner "auf unsere Art begrüßen". Auf dem Platz erhob die "Flak-Elf" den rechten Arm zum "deutschen Gruß" und brüllte "Heil Hitler!". Dann hoben die Ukrainer ihre Arme, doch statt dem Führer zu huldigen, riefen sie: "Es lebe der Sport!"

Im Spiel versuchten es die körperlich überlegenen Deutschen mit aller Gewalt. Unbehelligt vom SS-Unparteiischen foulten sie ihre Gegenspieler, deren Torwart Trusewitsch nach einem Tritt gegen den Kopf sogar bewusstlos liegen blieb. Zwar gingen die Deutschen schnell in Führung, doch zur Pause lagen die Ukrainer mit 3:1 vorne. In der Halbzeit kam ein SS-Mann in die Kabine des FC Start. "Sie können nicht gewinnen", erklärte er den Ukrainern, "ich bitte Sie, einen Moment über die Folgen nachzudenken".

Trusewitsch und seine Truppe aber waren zu sehr Fußballer, um den Sieg zu verschenken. Sie gewannen das Match schließlich 5:3, und die Ukrainer im Publikum waren außer sich. Die Deutschen dagegen saßen versteinert auf der Tribüne. Dass auch die mit ihnen verbündeten ungarischen und rumänischen Soldaten dem FC Start zujubelten, machte die Demütigung perfekt. Gut eine Woche nach dem Spiel holte die Gestapo die elf Sieger ab.

Die vom Staat gestreute Legende

Schon kurz nach der Befreiung Kiews durch die Rote Armee am 6. November 1943 strickte die sowjetische Kriegspropaganda unter dem Stichwort "das Todesmatch" eine Heldenlegende. Ihr zufolge verschleppten rachedurstige deutsche Soldaten die elf Fußballer unmittelbar nach dem Abpfiff in das Todeslager Siretz, wo sie - noch in ihren roten Trikots - erschossen und in ein Massengrab geworfen worden seien. Das wahre Schicksal des FC Start ist komplizierter als die von Staats wegen gestreute Legende.

Einen der Spieler, der ein aktiver Geheimpolizist gewesen war, folterten die Gestapo-Schergen noch in ihrem Hauptquartier zu Tode, zehn wurden in das Lager Siretz deportiert. Als im Februar 1943 Partisanen eine für die Wehrmacht wichtige Fabrik für Motorschlitten nieder brannten, ordnete der SS-Lagerkommandant grausame Vergeltung an. Die Gefangenen mussten sich in einer Reihe aufstellen und jeder Dritte wurde erschossen. Bei der Exekutionsorgie starben auch drei Fußballer, unter ihnen Torwart Trusewitsch. Zwei seiner Mannschaftskameraden gelang kurz darauf die Flucht, die restlichen fünf überlebten das Lager.

Vor dem Stadion von Dynamo Kiew erinnert seit 1971 eine Granit-Skulptur an die Mannschaft des FC Start. Bis heute legen Dynamo-Spieler, wenn sie heiraten, Blumen an dem Denkmal nieder. Nach wie vor pflegen auch die Trainer des traditionsreichen Clubs ihre Mannschaft vor wichtigen Spielen mit dem Appell anzufeuern: "Ihr verteidigt die Ehre von Kiew."

Andy Dougan: "Dynamo: Defending the Honour of Kiev". Fourth Estate, London 2001; 243 Seiten; 14,99 Pfund