Fußball-Ikone Beckenbauer: Der Welteroberer - DER SPIEGEL
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Fußball-Ikone Beckenbauer Der Welteroberer

Franz Beckenbauer liegt die Welt zu Füßen, zumindest die Fußballwelt. Egal ob er Bundestrainer Klinsmann faltet - oder für die WM wirbt - sein Wort hat Gewicht. Wie aus dem einfachen Kicker der Kaiser wurde, beschreibt Thomas Hüetlin in einem neuen Buch.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war ein Abend im April 1977, kurz nach sechs. Franz Beckenbauer saß im Zimmer 185 des Nobelhotels "Vier Jahreszeiten, München", und er war nicht allein. Es ging um Geld, und weil es ziemlich viel Geld war, wurde wenig geredet. Stattdessen starrten sich die Männer an. Die Männer, das waren Clive Toye, Präsident des New Yorker Fußballclubs Cosmos, samt Rechtsanwalt und Justitiar, Robert Schwan und Franz Beckenbauer. Sie bildeten eine Mannschaft. Ihnen gegenüber saß Wilhelm Neudecker, Präsident des FC Bayern München. Er war allein, aber er war im Vorteil. Ihm gehörte der Mann, den sie "Kaiser" nannten. Wenn ihn die anderen kaufen wollten, dann mussten sie bezahlen. "Zwei Millionen", sagte Neudecker. "Eine Million", erwiderte Toye.

Der Graben zwischen einer Million und zwei Millionen ist ziemlich tief, genau eine Million tief. Und weil Franz Beckenbauer keine Lust hatte, darin zu versinken, wurde er nervös. "Eine Million." Obwohl Neudecker kein Englisch sprach, brauchte der dolmetschende Anwalt das nicht zu übersetzen. Neudecker hatte die Vertretertour raus. Wie gut Beckenbauer sei und viel zu schade für Amerika. Er sprach über seinen größten Star, als wolle er ein Fertighaus verkaufen. Schwan und sein Schützling beriefen sich auf die Verdienste Beckenbauers, 19 Jahre beim Verein, niemals einen Pfennig Ablöse gekostet, der Kaiser - die Weltmarke.


Neudecker kam mit dem Wirtschaftsbeirat und der betriebsökonomischen Überlegung, wenn das größte Kapital des Clubs sich schon verflüchtigen wolle, müsse man möglichst viel davon behalten, in bar. 2,5 Millionen hätte der Beirat gefordert. Er, Neudecker, sei nicht so. Die halbe Million weniger nehme er auf seine Kappe. Die Cosmos-Leute telefonierten mit New York. "1,4 Millionen." - "Zwei Millionen, sonst läuft nichts", sagte Neudecker. Er stand auf und verließ den Raum. 24 Stunden später rief Schwan noch einmal bei Neudecker an. Er wollte neu verhandeln, in derselben Runde, morgen Vormittag, am Samstag. "Wir können uns das Gespräch sparen. Zwei Millionen sind mein letztes Wort", beharrte der Präsident des FC Bayern.

Am Samstag, wieder Telefon, wieder Schwan, wieder Neudecker grantig. Die beiden kannten sich seit bald 20 Jahren, und seit ungefähr 15 hatten sie fast jeden Tag miteinander telefoniert. Das erste Mal immer morgens früh um sieben, Schwan ließ klingeln, zwei Kopfkissen im Kreuz, das Frühstückstablett auf dem Schoß. Mit dieser Hassliebe war es nun vorbei. Schwan war drauf und dran, den wichtigsten Sohn, den der Club je hervorgebracht hatte, zu entführen. Aber Neudecker war Kaufmann. Er ging noch mal 250.000 DM runter. Er forderte jetzt 1,75 Millionen. Nur die Amerikaner bewegten sich keinen Pfennig. Sie blieben bei 1,4 Millionen. Beckenbauer war verzweifelt. Später sagte er: "Mir blieb eigentlich nur noch die Wahl, mit dem Fußball aufzuhören oder die bleibende Differenz zwischen den 1,4 Millionen und den 1,75 Millionen von Präsident Neudecker selbst zu zahlen. Ich entschied mich, den Bayern die 350.000 zu geben."

Wie ein Pastor auf einer Beerdigung

Am 21. Mai, bei Beckenbauers Abschiedsspiel gegen Mönchengladbach, zeigt sich der Bayern-Präsident von seiner großzügigen Seite. Er überreicht seinem scheidenden Star eine goldene Vereinsehrennadel, besetzt mit Brillanten. 77.735 Zuschauer klatschen matt, fast protokollarisch, als würde eine Autobahn eingeweiht. Eine echte Liebe ist es nie gewesen, aber jetzt ist auch die Bewunderung erkaltet, Hohn und Neid gewichen. Beckenbauer macht seinen Job, ein letztes Mal, und in der 89. Minute macht er noch ein wenig mehr. Er schlenzt den Ball bei einem Rückstand von 1:2 gegen den bereits feststehenden Meister Gladbach noch einmal in den Strafraum des Gegners - abgefälscht,Tor, 2:2.

Aber Versöhnung sieht anders aus. Nach dem Schlusspfiff winkt er nicht ins Publikum, läuft keine Ehrenrunde. Er marschiert in die Kabine, den Kopf halb gesenkt. Er wird noch mal herausgerufen, muss den Gladbachern zur Meisterschaft gratulieren. Er übersteht auch diese Demütigung, ohne zu schlucken. Er will nur noch weg. Ohne Blasmusik, goldene Ehrennadeln und Hipphipphurra. Das Bankett zu seinen Ehren hat er gestrichen: "Wenn man schon 350.000 DM zahlen muss, um vom Verein freizukommen, dann kann man auch noch sein Abendessen selbst finanzieren." Sein Trainer Dettmar Cramer trägt einen schwarzen Pullover mit einem weißen Hemd darunter. Zusammen mit dem ihm eigenen strengen Mienenspiel wirkt er wie ein Pastor auf einer Beerdigung. Heute sagt Cramer: "Dass Franz ging, war die Logik einer Entwicklung."

Zweifel und ein gewisser Ennui hatten sich spätestens seit dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1974 breit gemacht. Beckenbauer war sich nicht mehr sicher. Er sagte: "Ich bin mit München nicht so verwurzelt, dass ich täglich die Frauentürme sehen oder die Grünwalder Straße hin- und herfahren muss." Er war nicht mehr der kleine Junge, für den der Ball die Welt ist, und ein Trainingsanzug eine Uniform, welche er niemals ausziehen will. Die Grenzen von München, von Bayern, von Deutschland wurden ihm zu eng. "Fußballspieler bekamen Anfang der siebziger Jahre in Deutschland allmählich den Status, den sonst nur Hollywoodstars hatten. Aber mit den meisten konnte man noch reden, sie ansprechen auf einer Party. Mit Beckenbauer ging das nicht mehr. Er schwebte über dem Geschehen wie ein Unantastbarer", sagt der Kolumnist und spätere Beckenbauer-Ghostwriter Franz Josef Wagner heute.

Der Junge aus Giesing lebte jetzt in einer Zehnzimmervilla mit Swimmingpool in München-Grünwald, jenem Stadtteil, wo Prominente und Neureiche ihr Leben ausstellten wie in einem Schaufenster, auch wenn sie beteuerten, dass sie hier draußen im Münchner Süden am Hochufer der Isar eigentlich Abgeschiedenheit suchten, Stille. Gelegentlich wurde ein Berichterstatter vorgelassen, der ein Vergrößerungsglas über das Privatleben des Stars halten durfte. Man erfuhr, dass der Libero in einem Bett schlief, welches lila war und rund. Dass ihn seine Frau Brigitte "Hasi" rief oder "Gigo". Dass in seinem Arbeitszimmer ein Foto von Robert Schwan mit Rahmen und Widmung stand. Dass er einen Mercedes 450 SEL, 6,9 Liter, fuhr. Dass er sich die Haare "machen" ließ in einem Grünwalder Coiffeur-Salon namens "Die Locke". Dass er sich einen Frack in blauer Farbe habe schneidern lassen, bei dem Wiener Schickeria-Schneider Josef Teuschler, von Freunden "Peppino" gerufen.

Auch Franz durfte jetzt "Peppino" sagen. Nicht dass ihm dieses alles besonders viel bedeutet hätte. Wahrscheinlich wollte er nach den Spielen, Reisen, Flugzeugen, Hotelzimmern, Bussen, Pressekonferenzen, wenn er ein paar Stunden frei hatte, Ruhe, Siesta. Aber spielten die Männer, die er wirklich bewunderte, Vaterfiguren wie Robert Schwan, wie Manfred Köhnlechner, der Heilpraktiker, wie Rudolf Houdek, der Großmetzger; wie Franz Josef Strauß, der CSU-Vorsitzende, nicht auch mit im neubarocken Münchener Gesellschaftsreigen? Und war nicht seine Frau Brigitte, die einst in einer Sportschule an der Rezeption gearbeitet hatte und der er als erstes Mitbringsel eine Tafel Schokolade verehrt hatte, besessen davon, sich an seiner Seite als "Kaiserin" zu etablieren?

Ohne Reisepass in Kairo eingetroffen

Es gibt ein Foto, welches am 4. Januar 1977 gedruckt wurde in der Münchner "Abendzeitung". Es zeigt vier Menschen in Kairo. Die Beckenbauers und ein Brautpaar. Das Mädchen mit dem weißen Schleier heißt Dschikan Sadat, sie ist die Tochter des ägyptischen Staatspräsidenten. Sie ist 16 Jahre alt und sieht aus wie ein Kind, das von seinen Freundinnen verkleidet wurde. Ein Witz, eine Laune der Geschichte, eigentlich. Aber Brigitte Beckenbauer starrt diese 16-Jährige voll Bewunderung und Inbrunst an.

Irgendwie logisch, dass die "Abendzeitung" diese Melodie der provinziellen Anbetung weiterspielen musste in ihrer Bildunterschrift. "Der Kaiser", heißt es, "wie Beckenbauer auch in der ägyptischen Presse genannt wird, war ohne Reisepass in Kairo eingetroffen, durfte dennoch einreisen." Über die Grenzen hinweggleiten, sich nicht mehr stoppen lassen von den Hindernissen des Alltags - natürlich war Brigitte begierig darauf, dass ihr Mann auch die anderen Hindernisse auf dem Weg nach oben aufs gebohnerte Parkett überwand, wo sie die große, weite Welt vermutete. Beckenbauer musste lernen wie ein Debütant: Klavierstunden nehmen, Englisch pauken an der Berlitz-School; Tanzkurse verinnerlichen für den Walzer; nach Bayreuth fahren, um sich den Tristan anzusehen.

Es war nicht ohne Komik, wie der Aufsteiger bei diesen Anlässen auftrat. Die Tristan-Aufführung lobte er mit der Begründung, er habe "kein einziges Mal auf die Uhr geblickt. Die Zeit verging wie im Flug. Nur im dritten Akt spürte ich vom langen Sitzen meinen Rücken." Das Festspielhaus von Bayreuth verglich er mit dem Dortmunder Stadion Rote Erde: "Außen nicht besonders schön, aber drinnen hervorragend für die Spieler." Und, wenn man schon einmal dabei war, glich Oper nicht ohnehin dem Fußball, irgendwie? Ein Sänger, stellte Beckenbauer fest, verliert pro Auftritt fünf Kilo. "Genauso geht's uns manchmal bei schweren Spielen."

Lesen Sie morgen in der dreiteiligen Serie, wie alte Weggefährten Beckenbauer einen herzzerreißenden Abschied aus München bereiteten.

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