Fußball in Norwegen Das lange Warten
Im Oktober 1992 war einiges los. Auf Sat.1 präsentierte Reinhold Beckmann wöchentlich "ran", die neue Fußballshow, der VfB Stuttgart scheiterte in der Champions-League-Qualifikation an Leeds United, weil Christoph Daum etwas durcheinander gekommen war, ein 18-jähriges Talent namens Alexander Zickler gab im Trikot von Dynamo Dresden sein Bundesligadebüt, Rudi Völler bestritt sein Abschiedsspiel in der Nationalmannschaft, und in Norwegen, wo die Saison seit jeher mit dem Kalenderjahr ausgetragen wird, holte Rosenborg Trondheim die Meisterschaft.
Viel ist passiert in den vergangenen zwölf Jahren, Beckmann ist inzwischen Fußballexperte bei der ARD, Zickler besitzt längst die goldene Kundenkarte der deutschen Ärztekammer, und Rudi Völler wurde Bayer-Sportdirektor, Teamchef der Nationalmannschaft, Vizeweltmeister und Ex-Teamchef. Einzig in Norwegen blieb alles beim Alten, denn dort hat Rosenborg seitdem seinen Titel verteidigen können, Jahr für Jahr, und wenn kein mittelgroßes Fußballwunder passiert, wird sich der Verein auch diesmal wieder als frisch gebackener Meister in den Winterschlaf begeben.
1800 Kilometer lange Anreise
Fußballwunder waren jedoch zuletzt Mangelware in Norwegen, am letzten Spieltag fanden sie erst recht nicht statt. Wie auch? Meist stand ja der Meister ohnehin schon längst fest, eine überraschende Heimklatsche Rosenborgs gegen den Tabellenletzten zum Saisonfinale konnte da alle möglichen Gründe haben - diverse Feierlichkeiten in der Woche zuvor zum Beispiel oder Schonung für ein Champions-League-Duell am Dienstag - nicht jedoch die Einmischung des Fußballgottes. Überhaupt war es nur ein einziges Mal halbwegs aufregend in den vergangenen zwölf Spielzeiten, 2001 musste sich Trondheim mit der Sektdusche immerhin bis zum letzten Spieltag gedulden, brachte den Vorsprung dann aber doch locker ins Ziel. Spannenderes gibt es nicht zu berichten. Als Hape Kerkeling einst witzelte, Norwegen sei "unheimlich lang und weilig", da kam er vermutlich gerade vom Fußballgucken.
Wie unheimlich lang Norwegen ist, davon könnten Martin und Sigurd sicherlich eine Menge erzählen, denn sie haben eine über 1800 Kilometer weite Anreise hinter sich. Doch die beiden jungen Fans aus Tromsø, die sich schon Stunden vor dem Anpfiff am Åråsen-Stadion von Lillestrøm eingefunden haben, möchten lieber über Fußball reden. Was sie von Norwegens Eliteserien halten, davon, dass Rosenborg die Liga seit über einem Jahrzehnt kontrolliert? "Nicht so wichtig. Ist dieses Jahr schließlich vorbei", sagt Martin, und Sigurd ist sich ebenfalls sicher: Tromsø wird am Ende triumphieren. "1991, als letztmals nicht Rosenborg Meister wurde, war ich noch zu klein, daran habe ich keine Erinnerung. Wenn ich mich an 2004 auch nicht erinnern sollte, dann höchstens, weil ich zu besoffen sein werde", freut sich der 20-Jährige auf eine zünftige Feier.
"Die sind so routiniert"
Auf seinem Balkon, ein paar hundert Meter vom Stadion entfernt, sitzt Erland und genießt mit seiner Frau die Nachmittagssonne. Eine schwarz-gelbe Vereinsfahne flattert im Wind. Nicht unbedingt aus Fußballbegeisterung habe er sie an seinem Balkon befestigt, sondern weil der Verein solche Fahnen in der ganzen Straße verteilt hat. Hin und wieder gehe er zwar noch ins Stadion, sagt der Pensionär, doch das Interesse für Fußball habe im Laufe der Jahre einfach nachgelassen. Ob das mit der Dominanz von Rosenborg zusammenhänge? Nein, eigentlich nicht, er stamme nicht aus Lillestrøm und sei daher ohnehin nicht so mit dem Verein verwurzelt. Aber natürlich: "Vor ein paar Jahren spielte Lillestrøm gegen den Abstieg, da war ich öfter draußen. Irgendwie hatte ich da das Gefühl, gebraucht zu werden." Aber nun kämpft Lillestrøm doch um die Meisterschaft? "Ach nein, Rosenborg liegt drei Punkte vor uns, die sind so routiniert, das lassen sie sich nicht mehr nehmen."
Resignation oder Altersweisheit, sie hält Erland heute davon ab, die 500 Meter zum Stadion zu gehen, während die jungen Optimisten Martin und Sigurd 1800 Kilometer auf sich nehmen. Dabei wäre das Åråsen heute sicherlich eher nach Erlands Geschmack als noch vor wenigen Jahren. Wie fast überall im Land sind die flachen Wälle inzwischen vollüberdachten Tribünen gewichen, hielt der Profifußball auch optisch Einzug auf den Sportplätzen. Leichtathletikanlagen werden immer seltener, die Stadien größer, und die Infrastruktur rund um die Arena wird allerorten aufgepeppt. Das macht sich bezahlt, die Zuschauerzahlen der Eliteserien steigen jedes Jahr aufs Neue. Besonders an der verregneten Westküste war es für eine Verbesserung des Komforts höchste Zeit.
Lehrstunden für Borussia Dortmund und Real Madrid
Doch der Eliteserien könnte es besser gehen. Der Rest der Liga rüttelt verzweifelt an der Dominanz des Abonnementmeisters, und im internationalen Vergleich schneidet der norwegische Fußball schlechter ab als noch vor ein paar Jahren, Rosenborg vorneweg. Mitte und Ende der Neunziger hatte der RBK, der Rosenborg Ballklub, seine beste Zeit. In der heimischen Liga hatte man sich bis zum Spätsommer, wenn es im Europacup langsam ernst wurde, meist bereits ein hübsches Punktepolster auf den Tabellenzweiten angelegt, manchmal sogar zweistellig, und konnte sich so ganz entspannt und mit breiter Brust der europäischen Fußballbühne zuwenden.
Wie einst ihre Vorfahren, die Wikinger, fielen die Horden aus dem Norden Jahr für Jahr im Herbst auf Europas Feldern ein und erkämpften sich Respekt. Selbst Franz Beckenbauer, der anfangs noch über "Rosenheim Trondborg oder wie die heißen" gelästert hatte, redete schon bald anerkennend von "meinen norwegischen Freunden", spätestens nachdem das kleine "Rosenheim" im Giuseppe-Meazza-Stadion den großen AC Milan ausgekontert hatte. Und sowohl Borussia Dortmund, das im Westfalenstadion eine Lehrstunde erhielt, als auch Real Madrid, das an den Ufern des Trondheimfjordes baden ging, dürften sich gefühlt haben wie Cäsars Kohorten rund um das kleine gallische Dorf.
Nicht mehr der Favoritenschreck alter Tage
Auch in diesem Jahr darf Rosenborg mal wieder in der Königsklasse vorspielen, auch wenn das frühe Aus gegen Maccabi Haifa nur mit Glück und einem Tor in der Nachspielzeit verhindert werden konnte. Die Souveränität vergangener Tage ist dahin, und so hat inzwischen kaum noch jemand Trondheim als Favoritenschreck auf dem Zettel. Wenn dieser Tage beim Gruppengegner Arsenal über die Norweger debattiert wird, dann ist weniger die Taktik in den Gruppenspielen strittig, als die Frage, welchen ihrer Spieler man bei Gelegenheit gerne verpflichten würde.
Die Tatsache, dass Rosenborg-Spieler europaweit auf Interesse stoßen, ist für den Club Fluch und Segen zugleich. Ein Fluch, weil die Mannschaft immer wieder auseinander gerissen wird, andererseits sichern die voluminösen Transfers, die das Management um Rune Bratseth einfädelt, die nötigen Barmittel, um die Lücken mit den vielversprechendsten Spielern der nationalen Konkurrenten auffüllen zu können. Diese kommen in der Regel sehr gern zum RBK, denn, und dies ist der größere Segen der Trondheimer Zwischenhändler-Strategie, im eigenen Land profiliert sich Rosenborg als perfektes Schaufenster für ambitionierte Jungprofis mit Auslandsplänen. Und sollte es mit dem angestrebten England-Transfer nicht gleich klappen, dann kann man beim RBK zumindest international spielen und passabel dabei verdienen.
Daran, dass auch sie vielleicht irgendwann mal für Rosenborg spielen könnten, verschwenden Sakarias und Robin keinen Gedanken. Die beiden 13-Jährigen werden es schon schwer genug haben, sich bei Vålerenga Oslo durchzusetzen. In einer der vielen Trainingsgruppen, die der Verein überall in der Stadt unterhält, zeigen sie immerhin eine ordentliche Ballbehandlung. Fast scheint es, als ob sie sich in ihren Träumen später nicht für Oslo, auch nicht in Trondheim spielen sehen, sondern noch einen Schritt weiter: Zumindest flitzt Sakarias im Tottenham-Trikot über die Wiese, und Robin hat sich ein "Italia"-Shirt übergestreift. "Aber nein, unser absoluter Lieblingsverein ist Vålerenga", beteuern beide. Was sollen sie auch anderes sagen, wenn der Trainer direkt daneben steht?
"Support your local team!"
Modisch gesehen liegen die beiden voll im Trend. Auf den Bolzplätzen der Stadt dominieren englische, spanische oder italienische Leibchen den Modesommer. Hin und wieder, meist bei den etwas älteren Jungs, ist das Jersey von Vålerenga zu bewundern, ansonsten trägt die Generation Rosenborg bevorzugt internationale Kollektionen. Trondheimer Trikots jedoch sucht man im Großraum Oslo vergebens. Was daran liegt, dass auch eine Generation, die nie etwas anderes erlebt hat als jubelnde Trondheimer, geschlossen dem schönen britischen Grundsatz treu geblieben ist: "Support your local team!"
Auch der kleine Djordie, der im Trikot von Paolo Maldini an seiner Technik feilt, hält ihn ein. "Grorud" lautet die knappe Antwort auf die Frage nach seinem Lieblingsklub, ein Vorortverein mit einem einfachen Sportplatz, ohne Tribünen, dritte Liga. Kein Vålerenga, kein Rosenborg, kein AC Mailand, dessen Trikot er trägt? "Nei, Grorud!" Der Verein, auf dessen Platz er trainiert, scheint dem 11-Jährigen völlig zu reichen.
In Sandvika, 20 Kilometer südwestlich von Oslo, findet man ihn dann doch noch, den jugendlichen Erfolgsfan. Hier, in der Heimat von Stabaek IF, ist Jacob in kompletter Rosenborg-Montur zum Training erschienen. Sein Vater stammt aus Trondheim und ist überzeugter Rosenborg-Fan, Jacob folgt also auch nicht dem Erfolg, sondern lediglich der Familientradition, und hatte das Glück, einen stets siegreichen Verein in die Wiege gelegt zu bekommen. Derzeit sieht es nicht so aus, als müsse Jacob seine RBK-Montur demnächst enttäuscht in die Ecke schmeißen.
Hoffnung für den Vizemeister
Sigurd wird wohl nicht so bald Gelegenheit bekommen, sich bei der Meisterfeier das Erinnerungsvermögen wegzusaufen. Und ob Sakarias und Robin in Oslo bleiben können, um sich in der Champions League für das Ausland zu empfehlen, ist ungewiss. Was passieren müsste, damit Rosenborg ein ebenbürtiger Gegner heranwächst, davon hat Tore, Familienvater aus Bergen, klare Vorstellungen. "Ein anderer Verein müsste sich ebenfalls für die Champions League qualifizieren, nicht einmal, sondern mehrfach in Folge. So müssten die jungen Spieler erkennen, dass es auch andere Wege gibt, sich international zu empfehlen. Egal welcher Verein es schafft, aber einer muss es einfach schaffen. Und zwar bald!"
Die Vizemeister der letzten beiden Jahre hatten diese Chance nicht, in der Uefa-Wertung stand Norwegen zu schlecht, um einen zweiten Verein in die Champions-League-Qualifikation entsenden zu dürfen. Dieses Jahr jedoch steht das Türchen zum Erfolg wieder einen kleinen Spalt offen, der kommende Vizemeister darf im nächsten Jahr um einen Platz in der Königsklasse kämpfen. Martin und Sigurd bringt das nichts, Tromsø ist derzeit nur Dritter und hat zwei Spieltage vor dem Saisonende kaum noch Chancen, einen der beiden ersten Plätze zu belegen.