Fußball-Länderspiel "We lose Zero-Two"
Tirana - Der Sound von Tirana ist das Hupen der Autos, der Geschmack von Albaniens Hauptstadt ist Staub. Es sind deutlich über zwanzig Grad Außentemperatur am frühen Dienstagabend, und über den Prachtboulevard der 800.000-Menschen-City flanieren glücklich wirkende Menschen und schwatzen vor sich hin. Teile der Straße sind gewässert worden, damit einem der Staub nicht gleich den Mund belegt.
DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp weiß wahrscheinlich gar nicht, wie wohl er sich in Tirana fühlen würde. Denn außerhalb diverser orientalischer Scheichtümer dürfte es wohl kaum eine Stadt auf Welt geben, in der die Dichte an Erzeugnissen der Firma mit dem guten Stern größer ist als hier. In der eher gemächlich durch die Stadt tuckernden, Diesel ausstoßenden Blechlawine fällt allenfalls noch eine stattliche Zahl an Volkswagen auf.
Dinamo schlägt Dinamo
Unmittelbar hinter der Gegentribüne des Qemal-Stafa-Stadions, in dem die deutsche Mannschaft am heutigen Mittwochabend ihr WM-Qualifikationsspiel gegen Albanien austrägt, wird gekickt. Auf einem vom Rasen befreiten Platz tritt die B-Jugend von Dinamo Tirana gegen ihre eigene 2. Mannschaft im Meisterschafts-Playoffspiel der ersten Runde an. Beim Abpfiff des Schiedsrichters hat die in Trikots des italienischen Erstligisten Inter Mailand gekleidete erste Mannschaft den Vergleich mit 4:2 für sich entschieden.
"Unsere Jugendlichen interessieren sich für italienischen Fußball", wird meine Frage nach den bekanntesten deutschen Kickern von einem mittelalten Betrachter, der "früher mal in Deutschland gearbeitet hat", beantwortet. Ein Zögern. "Im Moment hat dein Land keine gute Mannschaft. Der größte deutsche Spieler ist Rudi Völler." Gelächter.
Geplatztes Geheimtraining
Der größte Fußballer Deutschlands lässt seine Mannschaft zur gleichen Zeit im Stadion ein so genanntes Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit abhalten. Offenbar aber hat der Deutsche Fußball-Bund vergessen, den Verantwortlichen vor Ort mitzuteilen, dass dazu auch die Stadiontore geschlossen gehören. Etwa 400 Menschen sind in das 18.000 Zuschauer fassende Oval gekommen. Am Spieltag wird es ausverkauft sein.
Zwischen 15 und 35 US-Dollar, der vorherrschenden Fremdwährung Tiranas, kostet ein Ticket für die Partie gegen die Deutschen. Die beiden Konzerte der Hannoveraner Rockopas Scorpions am Dienstag und Mittwoch haben jeweils zehn Dollar Eintritt gekostet. Und wer sich das nicht leisten konnte, für den gab es auf dem Universitätscampus eine Übertragung auf Videogroßleinwand.
Welcome to the Blackmarket!
Der monatliche Durchschnittsverdienst eines Albaners im Stadtgebiet von Tirana beträgt zwischen 300 und 400 Dollar und liegt damit um ein Zigfaches über dem der Landbevölkerung des ehemals kommunistischen Agrarstaates, der seit 1990 vorsichtig demokratisiert wird. Draußen vor dem Qemal-Stafa-Stadion ist ein klitzekleiner Schwarzmarkt entstanden. Für zwei Tickets will der stotternde Typ mit den ungeheuer schlechten Zähnen und dem ordentlichen Mundgeruch statt der regulären 40 gleich satte 140 Dollar haben.
Es ist Zeit für einen Drink in einer der Bars, die direkt an die Stadionmauer gebaut sind. Im Viola-Club "Piceri" Fiorentina, einer Bar, die dem italienischen Fußballerstligisten AC Florenz huldigt, lehnt Kellner Suljen an der Theke. Warum ausgerechnet die Mittelklassemannschaft aus Florenz hier einen Fanclub hat, will ich wissen. Suljen deutet auf die violette Vereinsfahne an der Wand. "Der Besitzer ist Fiorentina-Fan", sagt er mit einem unverständigen Blick, "mich interessiert das nicht. Ich bin für Lazio Rom."
Das Treffen mit dem Gerd-Müller-Fanclub
Als wir am frühen Nachmittag auf dem Flughafen von Tirana gelandet waren, stand dort eine kleine Gruppe junger Mädchen in rosafarbenen Oberteilen und schwarzen Röcken Spalier. Die vielleicht Zwölfjährigen trugen ein handgemaltes Plakat vor sich, auf dem zu lesen stand: "Willkommen liebe Freunde - Fanclub Gerd Müller Durres '92". Warum man ausgerechnet vor neun Jahren einen Fanclub für den deutschen "Bomber der Nation" gründen musste, blieb unbeantwortet.
Aber als die aktuellen Nationalspieler die Treppe herab aus dem Flugzeug stiegen, sprangen die Mädels aus Durres, der zweitgrößten Stadt des Landes, vor Freude auf dem Vorfeld umher. Dabei juchzten sie, als habe sie gerade der leibhaftige Ricky Martin geküsst. Eine hatte sogar Tränen in den Augen. Fragende Blicke hingegen, als DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder in "Botschafter des deutschen Fußballs"-Manier den jungen Damen dankend die Hand gibt.
Die Straße wird gefegt
Um Mitternacht brennt es in einem stählernen Müllcontainer vor dem Qemal-Stafa-Stadion. In der Seitenstraße fegen zwei Frauen bei Dunkelheit die unebenen Gehwege gegenüber der französischen Botschaft, an deren Mauern die albanischen Wachleute längst eingenickt sind. Heute werden die albanischen Fans schon ab Mittag im Stadion erwartet, wo um 19.30 Uhr das Spiel angepfiffen wird. "We will lose Zero-Two", sagt ein Mann in einer Bar und hebt sein Bierglas zum Toast: "Prrrrosssst, alles klar!"