Fußball-Nationalmannschaft Facelift wider Willen
WM 2010 in Südafrika: Im Gruppenspiel zwischen Deutschland und dem Gastgeber steht es kurz vor Spielende 0:0, die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw braucht unbedingt einen Treffer, um das Achtelfinale zu erreichen. Ein letzter Angriff: Auf der linken Seite bekommt Marko Marin den Ball von Keeper René Adler zugeworfen, gewinnt nach einem Doppelpass mit Simon Rolfes noch ein Dribbling und setzt zur Flanke an. In der Mitte läuft sich Patrick Helmes frei, springt höher als sein Gegenspieler und köpft den Ball unhaltbar ins Tor.
Schnitt.
Marin? Helmes? Adler? Was die bei der Weltmeisterschaft in der Nationalmannschaft sollen, fragen Sie sich? Vermissen Sie die Lehmanns, Schneiders oder Kuranyis?
Zurück ins Jahr 2008. Die EM ist seit wenigen Tagen Geschichte, auf der Berliner Fanmeile haben die Vize-Europameister von Joachim Löw am Montag in einer Art letzter Amtshandlung Bälle ins Publikum geschossen und einen Song von Oliver Pocher mitgegrölt. Wer einigen Spielern dabei ins Gesicht geschaut hat, der wird nicht nur die Müdigkeit nach einer durchfeierten Nacht erkannt haben. In den kleinen Augen einiger Akteure mischte sich hier und da der Ausdruck des Zweifels. Zweifel an einer Zukunft in diesem Team. Berechtigte Zweifel.
Und deshalb klangen die Worte von Löw und Theo Zwanziger vom Montag schon in dem Moment überholt, in denen sie geäußert wurden. Bundestrainer und DFB-Präsident betonten unisono, einen "Total-Umbruch" im Kader werde es nach dem Turnier in Österreich und der Schweiz nicht geben. "Total" wäre auch völlig übertrieben. Doch Löw wird schon für die im September beginnende WM-Qualifikation zu mehr Um- und Aufräumarbeiten in seinem Kader gezwungen sein, als ihm lieb sein kann. Denn eine Qualifikation mit Spielern zu bestreiten, die bei der WM in Südafrika nicht den ersehnten ersten Titel seit dann 14 Jahren garantieren, kann nicht in sein Konzept passen.
Das fängt im Tor an. Der Noch-Stammkeeper Jens Lehmann, 38, hat sich direkt nach dem verlorenen EM-Finale gegen Spanien sehr zurückhaltend über seine Zukunft im Nationalteam geäußert, ein Rücktritt scheint wahrscheinlich. Und damit fangen für Löw die Probleme an: Wen beruft er zum Nachfolger? Und wen zur Nummer zwei und drei? Robert Enke, bei der EM hinter Lehmann erster Ersatz, könnte dabei ein ähnliches Schicksal ereilen wie den vor dem Turnier ausgebooteten Timo Hildebrand. Das, übergangen zu werden und dem langsam laufenden Torwart-Zyklus der Nationalelf zum Opfer zu fallen.
Der Torwart von Hannover 96 wird im August 31 Jahre alt und hat sich international kaum beweisen können. Weil sowohl Oliver Kahn als auch Jens Lehmann sehr lange aktiv waren, droht er deshalb von deutlich jüngeren Torhütern verdrängt zu werden - ohne auch nur bei einem Turnier für die DFB-Elf zwischen den Pfosten gestanden zu haben. Erster Anwärter für die neue Nummer eins ist deshalb René Adler, der bereits bei diesem Turnier als Nummer drei erste Erfahrungen sammeln konnte und der im Kreis der Verantwortlichen ein hohes Ansehen genießt. Weil auch Schalkes Manuel Neuer oder Bayerns Michael Rensing zurecht das Talent zugesprochen wird, Nationalkeeper zu werden, kann sich Löw glücklich schätzen, dass ihm hier quali- wie quantitativ ausreichend Alternativen zur Verfügung stehen.
Das gilt für die Abwehr nicht. Hier stellt sich die Frage, ob Löw für die auch bei der EM wackelige Innenverteidigung, allen voran Christoph Metzelder, Ersatz findet. Ob er weiter damit leben kann, dass durch Arne Friedrich auf rechts kaum Impulse für das Spiel nach vorne zu erwarten sind. Und ob er nicht besser dennoch links auf Philipp Lahm setzt, der durch seine starken Leistungen einmal mehr die Defensiv-Defizite des zwei Jahre jüngeren Marcell Jansen verdeutlicht hat. Abhilfe? Könnte Gonzalo Castro von Bayer Leverkusen schaffen. Der U-21 Nationalspieler empfiehlt sich auf rechts vor allem durch seinen ausgeprägten Offensivdrang, steht hinten dennoch sicher und darf deshalb auf weitere Einsätze in der A-Mannschaft hoffen.
Ob er dort dann auf seinen Vereinskollegen Bernd Schneider trifft, ist eine der wichtigsten Fragen, die Löw beantworten muss. Der Mittelfeldspieler musste wegen einer Bandscheibenverletzung auf die EM verzichten, spielte davor eine für seine Verhältnisse außerordentlich schwache Rückrunde. Für Löw ist Schneider dennoch unverzichtbar. Seine technischen Fähigkeiten sind in der Nationalelf immer noch einzigartig, auch Vertreter Clemens Fritz erreicht dieses Niveau nicht. Verzichtet Löw auf Schneider, droht während der gesamten Qualifikation ein Kreativ-Vakuum auf der rechten Seite. Vertraut er ihm, gilt Schneider für die WM 2010 trotzdem als Wackelkandidat: Schneider wäre dann fast 37 Jahre alt.
Andere Akteure sind deutlich jünger - und haben in der Nationalmannschaft schon jetzt kaum eine Zukunft. David Odonkor, der rasend schnellen Rechtsaußen oder Piotr Trochowski vom Hamburger SV, beispielsweise. Beide sind bei der EM kaum oder gar nicht zum Einsatz gekommen, schafften es aber immerhin, Kollegen wie Jermaine Jones oder Marko Marin aus dem Kader zu drängen. Warum, weiß nur Löw selbst. Gerade der Gladbacher Marin gehört mit seinen Anlagen schon jetzt in den Kreis der Nationalmannschaft.
Oder Stürmer Patrick Helmes. Der Neu-Leverkusener, ebenfalls vor dem Turnier für nicht gut genug befunden, profitierte in seiner Abwesenheit von der Schwäche der nominierten Stürmer Mario Gomez und Kevin Kuranyi. Für letzteren war die EM ein ähnlich großes Desaster wie für den Stuttgarter Gomez. Doch während der wenigstens regelmäßig spielte, wurde der Schalker kaum eingesetzt. Und weil Miroslav Klose gesetzt bleibt und mit Lukas Podolski allen taktischen Spielereien zum Trotz das gefährlichste Angriffsduo bildet, ist es Kuranyi, der um seinen Platz für die WM 2010 mehr bangen muss als der Rest.