Fußball Popstars auf Abwegen
Leeds - Am Ende wünschen sich alle Beteiligten nichts als Ruhe. Jonathan Woodgate, 21, und Lee Bowyer, 24, stehen auf den Stufen des Gerichtsgebäudes im nordenglischen Hull. Ihre Schultern hängen herunter, ihr Blick ist zu Boden gerichtet. Ein Bild der Reue.
Der Anwalt Woodgates beschwört die anwesenden Medien, seinen Mandanten endlich wieder "an seiner Karriere" arbeiten zu lassen. Kurz darauf wendet sich auch Peter Ridsdale, der Vorstandschef von Leeds United, dem Fußball-Club, für den Woodgate und Bowyer spielen, via TV an die Nation: "Lasst uns zur Normalität zurückfinden, zum Fußball." Doch alle frommen Wünsche helfen nichts.
"Tickende Zeitbomben"
"Du Schläger", titelt am vorvergangenen Samstag die "Sun"
und zeigt darunter ein Bild von Woodgate. Als "Madman"
beschimpft der "Mirror" den Kollegen Bowyer. Die BBC
berichtet in Sondersendungen, in denen das Duo mit
"tickenden Zeitbomben" verglichen wird. Und selbst
besonnene Blätter widmen ihren Aufmacher den
"Jekyll-and-Hyde-Persönlichkeiten" aus der Industriestadt.
Dass englische Fußballprofis gelegentlich durch Saufgelage
oder Kneipenpöbeleien auffällig werden, gehörte in der
öffentlichen Wahrnehmung bislang zur landestypischen
Folklore. Die unteren Stände fanden derlei Exzesse nur
allzu menschlich, die feinere Gesellschaft fand sie
peinlich, aber offenkundig unabdingbar ähnlich wie die
zuweilen delikaten Amouren im Hause Windsor.
Die Affäre Woodgate/Bowyer hat die traditionsreiche
Fußballnation jedoch in schwere Selbstzweifel gestürzt.
Denn elf Monate lang standen die Kicker Lee Bowyer und
Jonathan Woodgate wegen eines Delikts vor Gericht, das die
Schmerzgrenze selbst der hartgesottenen Fangemeinde auf der
Insel überstieg: schwere Körperverletzung.
Veränderter Blick auf die Idole
Zwar verließen die Berufssportler den Gerichtssaal am Ende
als freie Männer. Doch zur Tagesordnung mochte das Land
nicht übergehen. Zu sehr hat der Fall den Blick der
fußballverrückten Briten auf ihre Idole verändert. Die
Details, die der eigens von Leeds ins 80 Kilometer
entfernte
Hull verlegte Prozess über das Leben junger
Fußballmillionäre zu Tage förderte, haben ernsthafte
Diskussionen darüber entfacht, ob der Starkult die Kicker
schlicht deformiere.
Dabei sorgte das, was am 11. Januar 2000 im Zentrum von
Leeds geschah, anfänglich nicht einmal für Aufsehen. Im
Anschluss an einen Abend in der Disco "Majestyk" wurde der
Student Sarfraz Najeib, 21, auf der Straße von einer Gruppe
junger Männer brutal geschlagen und getreten. Der Sohn
pakistanischer Einwanderer kam mit Nasenbeinbruch, einer
komplizierten Fraktur des Wangenknochens, einem Beinbruch,
Platzwunden und schweren Prellungen ins Krankenhaus. Obwohl
Najeib nur knapp dem Tod entrann, war der Überfall den
lokalen Zeitungen keine Meldung wert.
Sechs Tage später war der Schock umso größer. Die Polizei
bestätigte, dass zu den Tatverdächtigen auch zwei
Shootingstars der Premier League gehörten.
Erstaunen und Entsetzen
Jonathan Woodgate und Lee Bowyer waren Hoffnungsträger des
englischen Fußballs. Der drahtige Verteidiger Woodgate
debütierte bereits mit 18 Jahren bei den Profis von Leeds
United. Der wendige Mittelfeldspieler Bowyer war zum
Zeitpunkt der Tat auf dem Sprung in den Stammkader der
Nationalmannschaft.
Dass zwei veranlagte Profis, die 40.000 Mark in der Woche
verdienen, eine Villa bewohnen und, wie Bowyer, einen BMW,
einen Porsche sowie einen Jeep zu ihrem Fuhrpark zählen,
mit einer solchen Tat ihre Karriere aufs Spiel setzten,
sorgte auf der Insel gleichermaßen für Erstaunen und
Entsetzen. Der Prozess gegen die Sportler und die beiden
Mitangeklagten Paul Clifford, 21, und Neale Caveney, 21,
zwei enge Freunde Woodgates aus dessen Heimatstadt
Middlesbrough, geriet zu einem Medienspektakel.
Fast zwangsläufig kollabierte das Verfahren im April dieses
Jahres. Der "Sunday Mirror" hatte ein inkriminierendes
Interview mit dem Vater des Opfers gedruckt, der den Tätern
"rassistische Motive" unterstellte. Der Richter sah die
Geschworenen durch die Aussagen beeinflusst. Erst sieben
Monate später wurde der Prozess, der am Ende 15 Millionen
Pfund kosten wird, mit einer neuen Jury abermals
aufgerollt.
Wer sich nicht für United interessiert, glit als Außenseiter
Leeds ist in England eine beliebte Stadt. Sogar aus London
kommen am Wochenende Touristen, um in den Bars und
Nachtclubs der City zu feiern. Leeds ist aber auch keine
einfache Stadt. Wer sich nicht für United interessiert,
gilt als Außenseiter. Die wenigen Ausländer haben es
besonders schwer mit den berüchtigten Fans, seit vor
anderthalb Jahren ein United-Anhänger bei einem
Europapokalspiel in Istanbul von Türken erstochen wurde.
Was genau in der Winternacht im Januar 2000 passierte,
blieb bis zuletzt weitgehend im Dunkeln. Auch das Opfer
konnte nicht zur Aufklärung beitragen. "Do you want some,
Paki?", das war das Letzte, was der Student vernahm. Schon
mit dem ersten Schlag war der junge Mann bewusstlos.
Fest steht zwar, dass Najeib von fünf angetrunkenen Männern
traktiert wurde. Auf Grund von Bisswunden im Gesicht des
Opfers wurde Woodgate-Kumpel Clifford, ein stiernackiger
Ex-Boxer mit Stoppelhaarschnitt, zu sechs Jahren Gefängnis
verurteilt.
Bezug zur Realität verloren
Den prominenten Angeklagten konnte indes die schwere
Körperverletzung nicht nachgewiesen werden. Bowyer wurde
freigesprochen. Woodgate muss wegen Beteiligung an einer
Schlägerei 100 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten. Als
das Urteil verkündet wurde, klatschten sich die beiden
Teamgefährten im Saal ab.
Das Urteil des Gerichts wirkt milde. Die Öffentlichkeit hat
ein anderes Urteil gefällt. Denn die Berichte vor dem
Prozess haben die abgründige Lebenswelt zweier Fußballer,
die im Zuge ihres sozialen Aufstiegs irgendwann offenbar
den Bezug zur Realität verloren, publik gemacht.
Da ist der im Londoner East End aufgewachsene Bowyer, der
mit 17 Jahren beim Dopingtest wegen Cannabiskonsum auffiel
und ein Jahr darauf das Mobiliar einer McDonald's-Filiale
zertrümmerte. Den Ermittlungen im Fall Najeib versuchte er
durch schlichtes Lügen zu entkommen. Bei der ersten
Vernehmung behauptete er, überhaupt nicht in
der Nähe des Tatorts gewesen zu sein. Vor Gericht erschien
er später gern in Designer-Anzügen, italienischen Slippern
und ohne Socken.
Acht Wodka-Rum-Cocktails und acht Pints
Da ist Woodgate, der in den Bars von Leeds dafür bekannt
ist, eine ganze Kneipe für einen Abend auszuhalten. Seinen
BMW steuert Woodgate selten selbst. Für solche Dienste hat
er seinen Chauffeur, den Mitangeklagten Caveney.
Und da ist eine Liste, die aufführt, was sich die beiden
Fußballer am Abend des 11. Januar einflößten: Woodgate
konsumierte acht Wodka-Rum-Cocktails sowie etliche Gläser
Champagner; Bowyer hatte acht Pints, also 4,5 Liter Bier
intus.
Jetzt, da alles gesagt und geschrieben scheint, entpuppt
sich England als eine in sich zerrissene Fußballnation. Auf
der einen Seite jene Fans, die ihren Idolen schon einen Tag
nach der Urteilsverkündung verziehen haben und dafür
plädieren, dass Woodgate nicht für die Nationalmannschaft
gesperrt werden dürfe das sind immerhin 40 Prozent, wie
eine Umfrage von "Sky News" ergab.
Wie ein betrogener Liebhaber
Auf der anderen Seite jene wie der Leeds-Coach David
O'Leary, der Woodgate und Bowyer stets gefördert und
gedeckt hat und sich nun wie ein betrogener Liebhaber
vorkommt: "Das Benehmen dieser Männer war schändlich."
O'Leary sieht sein Lebenswerk in Gefahr. Er hat sich mehr
um die Nachwuchsarbeit gekümmert als seine Vorgänger und er
hat Erfolg damit: Leeds United, eine der jüngsten
Mannschaften der Eliteliga, ist wieder eine gute Adresse im
internationalen Fußball-Business.
Und das soll so bleiben. Nachdem Mittelfeldspieler Michael
Duberry den Kollegen Woodgate im Prozess empfindlich
belastet hatte, verpflichtete O'Leary vorsorglich einen
Ersatzmann für den Innenverteidiger: Rio Ferdinand.
"Schwarzer Judas"
Inzwischen gilt aber Zeuge Duberry als der Mann, der Leeds
verlassen muss. Seit Monaten geht der dunkelhäutige Profi
nur noch mit Polizeischutz vor die Tür. Fanatische
Woodgate-Anhänger drohen dem "schwarzen Judas" mit Mord.
Für wen soll sich O'Leary entscheiden? Der Moralist auf der
Trainerbank weiß, dass viel auf dem Spiel steht für die
prosperierende Premier League, die zuletzt für
Weltläufigkeit stand, weil französische Fußball-Lehrer den
dumpfen Kick-and-Rush-Stil verbannt haben; für glänzende
Vermarktung, weil die Fernsehverträge so hoch dotiert sind
wie in keinem anderen Land; und für Erfolg, weil Manchester
United und der FC Liverpool in den europäischen
Wettbewerben reüssierten.
Doch nun ist der Fußball im Ansehen weiter
Bevölkerungsteile wieder dort, wo er zu Paul Gascoignes
Zeiten war, als der im Vollrausch Hotelzimmer zerlegte.
Oder als Tony Adams, der ehemalige Kapitän der Nationalelf,
sich als Alkoholiker outete.
Trendsetter für die Jugend
Manche Clubs haben Konsequenzen gezogen. Sie versuchen,
ihre Zöglinge auf ein Leben mit Ruhm und Geld
vorzubereiten. Sie bieten ein aufwendiges
Präventionsprojekt an: In speziellen Unterrichtsstunden
werden den Nachwuchsspielern nicht nur Wege zur späteren
Geldanlage aufgezeigt. Auch über die Folgen von vermehrtem
Alkoholgenuss wird aufgeklärt.
Wie weit solche Maßnahmen fruchten angesichts der Vorgänge
von Leeds, ist indes fraglich. Viel mehr als ihre deutschen
Kollegen gelten englische Fußballer für die Jugend auch
abseits des Rasens als Trendsetter. Britische Eltern
staunten jüngst, als sich ihre Sprösslinge plötzlich die
Augenbrauen zur Hälfte abrasierten nur weil sich kurz
zuvor die Jugendikone David Beckham dieses Styling verpasst
hatte.
Zudem sind englische Profis durchaus kreativ, wenn es um
exzentrische Auftritte geht. So tauchte jüngst Robbie
Fowler, 26, einer der Stars des FC Liverpool, der kürzlich zu Leeds United gewechselt ist, in einer
Tankstelle auf, um Bier zu kaufen. Betrunken war der Kicker
nicht. Dafür sorgte das Outfit des kickenden Popstars für
Diskussionen.
Fowler hatte sich in Tarnkleidung gehüllt und sein Gesicht
mit Tarnfarbe beschmiert. Unter dem Arm hielt er ein
Spielzeuggewehr.
GERHARD PFEIL