Fußball-Presseschau: "Das Gespenst Catenaccio" - DER SPIEGEL
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Fußball-Presseschau "Das Gespenst Catenaccio"

Unterschiedlich sind die Urteile über die vier Mannschaften, die sich für das diesjährige Champions-League-Halbfinale qualifizieren konnten. Während Real Madrid mit seinem nahezu perfekten Offensivfußball alle begeisterte, verbreitet die ebenso destruktive wie erfolgreiche Spielweise der drei Teams aus der Serie A in den außeritalienischen Redaktionsstuben Angst und Schrecken.
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"Ein Gespenst geht um in Europa, es ist der Catenaccio." Dieses Zitat aus der heutigen "Süddeutschen Zeitung" beschreibt die Diskussion über das Missverhältnis fußballästhetischer Soll- und Istwerte, die immer dann aufkommt, wenn der italienische Fußball in die Schlagzeilen gerät. So auch diese Woche, als zum ersten Mal in der Geschichte der Champions League drei Clubs der Serie A (Juventus Turin, AC Mailand, Inter Mailand) ins Halbfinale einzogen, was sodann die entsprechenden Reaktionen auslöste.. "Die Spaßverderber sind zurück" titelt die "tageszeitung", die "Financial Times Deutschland" sah die "Perfektion des Riegelfußballs" (FTD), die "SZ" (noch einen Tag zuvor) eine "gigantische Catenaccio-Nummer".

Insbesondere die ihren Ruf des schlechten Verlierers bestätigenden spanischen Medien ließen sich nach zwei direkt verlorenen Duellen auf heimischem Boden (Valencia und Barcelona) gegen die mediterrane Konkurrenz nicht lumpen. So bezeichnete das linksliberale Blatt "El País" den Auftritt von Inter als "Negation schönen Sports", die Madrider Tageszeitung "ABC" sah "scheußlichen Fußball". Das Zustandekommen dieser übertriebenen und im Grunde ungerechten Urteile deutet die "FTD": "Italiens Fußball hat sich zurückgemeldet und die Vorherrschaft der spanischen Klubs gebrochen. Noch vor einem Jahr hatten die Sportkommentatoren in Spanien die vermeintliche Beerdigung des verhassten Catenaccio gefeiert. Nun müssen die selbst ernannten Fußballästheten mit Schrecken der Wiederauferstehung des Defensivspiels beiwohnen." Die "Neue Zürricher Zeitung" ruft dabei folgendes in Erinnerung: "Spanische Blätter werfen mit Schlamm nach den Resultat-Dieben vom Stiefel. Der Mensch vergisst schnell. Erst zwei Jahre ist es her, als sich der FC Bayern und Valencia im San Siro einen Endlos-Match an der Mittellinie um die Champions-League-Siegesprämie lieferten und das Publikum erst beim Penaltyschiessen weckten."

Letztendlich bleibt den Italienern nach Jahren sportlicher Flaute eine eindrucksvolle Bilanz. "Die Frage, wie gut die Italo-Spitzenklubs wirklich sind, bleibt unerheblich. Die Kunst der Effizienz ist zurückgekehrt (...) Das Land, dessen fußballerisches Selbstwertgefühl seit dem schmählichen Ausscheiden an der WM 2002 in Asien und wegen einer weitgehend hausgemachten Existenzkrise erschüttert ist" (NZZ). Die Kommentare in der italienischen Presse klingen folglich stolz: "Alle Verleumder unseres Fußballs müssen nun endlich zugeben, dass die falsch lagen!", antwortet "Corriere della Sera" den Unkenrufern.

Vielleicht verstärkten sich die harschen Urteile über das italienische Defensivprimat durch einen Kontrast. Im Schatten des diesjährigen Highlights musste alles andere Geschehen nämlich blass wirken. Dabei besiegte Manchester United in einem "Lustspiel ohne Verlierer" (FAZ) Real Madrid mit 4:3; unter Begeisterung aller Anwesenden im ehrwürdigen Old Trafford. Bezeichnenderweise applaudierten die englischen Fans dem dreifachen Torschützen der Gäste bei dessen Auswechslung. Die taz "hatte das Gefühl, dass Ronaldo im Notfall auch fünf gemacht hätte."

"Den BAll vor dem Gegner verstecken"


Peter Hartmann (NZZ) verteidigt anschaulich und vehement italienischen Fußballstil. "Im Calcio von heute spiegeln sich wie eh und je Narzissmus, der Hang, eine ‚bella figura' abzugeben, vom Fallrückzieher bis zur Bilanzfälschung hochstaplerischer Präsidenten, und die Nationaltugend des ‚Furbismo', schlauer sein zu wollen als alle andern. Den Ball vor dem Gegner zu verstecken, wie das die ‚alte Dame' Juventus hervorragend beherrscht. In dieser Art Fussball erkennt sich jeder Italiener. Doch das Ende der Verschwendung führt zu einem Paradigmenwechsel. Der Dünkel von der ‚schönsten Meisterschaft der Welt' ist verflogen. Mannschaften wie Chievo, die einen heiteren britischen Fußball spielt, oder die Desperados von Lazio Rom, die unbezahlt, aber auch frei von doktrinären Fesseln unter Trainer Roberto Mancini das attraktivste Spiel zeigen (und dennoch untergehen könnten), haben neue Erwartungen geweckt. Es stimmt, Inter hat sich in Valencia vor dem eigenen Strafraum eingegraben - aber erst nachdem Vieri nach sieben Minuten das Führungstor gelungen war. Dann hypnotisierte der Inter-Keeper Toldo die gegnerische Mannschaft. Und plötzlich war wieder klar, dass Italien die besten Torhüter der Welt herausbringt, obwohl, selbst in Italien, niemand darüber redet. In der hysterischen Serie A stehen immer nur die Irrtümer und Fehler der Schiedsrichter im Mittelpunkt, obwohl auch sie, wie Collina in Manchester mit seiner unauffälligen, pragmatischen Spielleitung bewies, Weltklasse sind. Buffon, der letzte Mann der ‚alten Dame', hielt in Barcelona seinen Verteidigern den Rücken frei. Mehr als Toldo und Buffon kann ein Torhüter nicht leisten. Aber weshalb leisten sich, beispielsweise, Barcelona und ManU nicht bessere Torhüter?"

Birgit Schönau (SZ) rückt die Debatten um das Wesen des "calcio" zurecht. "Der Catenaccio ist eine Lebensform. Es geht halt nicht immer nur nach vorn, wenn man etwas erreichen will. Nur hitzköpfige Barbaren pflegen den Mythos des offenen Visiers. Welten liegen zwischen Siegfried und Odysseus, dem Offensiv-Heros der Germanen und dem listigen Helden Homers. Italiens Tifosi gehen nicht mit dem Anspruch ins Stadion, für ihr Geld möglichst viel Spektakel zu sehen. Was nützt die ganze Rennerei, wenn am Ende eine auf den Platz geworfene Getränkebüchse das Match entscheidet - wie im richtigen Leben? Davon abgesehen, wird in Italien neuerdings durchaus wieder Fußball gespielt. Nach den Exzessen der 90er Jahre, in denen pünktlich zum Saisonbeginn der Coach und womöglich auch die halbe Mannschaft ausgetauscht wurden, haben sie jetzt aus der Not eine Tugend gemacht. Der Transfermarkt steht still, die Trainer dürfen ihre Verträge erfüllen, und plötzlich entstehen wieder gewachsene Teams. Spieler wie Nedved, Vieri und Inzaghi entfalten sich nach Jahren des Wartens, Trainer wie Ancelotti und Cuper müssen sich nicht mehr von einem Sonntag zum nächsten zittern." Dagegen resümiert Ronald Reng ("Berliner Zeitung") entsetzt. "Hart knallte die Wahrheit all jenen ins Gesicht, die naiv genug waren zu glauben, erfolgreicher Fußball sei im 21. Jahrhundert immer auch mutig und elegant. Die Spielverderber sind zurück. Mit diesem schrecklichen Pragmatismus, der den italienischen Fußball schon seit Jahrzehnten prägt, erreichte Juventus genauso wie Inter Mailand, das im anderen Duell vom Dienstag den FC Valencia ausschaltete, das Halbfinale. Manchester United, Real Madrid, sogar Bayern München - es waren die Mannschaften, die nicht nur gewinnen, sondern auch spielen wollten, die zuletzt den Europacup prägten. Als der AC Mailand zu Beginn dieser Saison plötzlich betörende Fantasie in sein Spiel mischte, sah es so aus, als würden selbst aus den italienischen Zynikern noch Romantiker. Welch ein Trugschluss, welch eine Enttäuschung. Milan spielt längst wieder seinen schematischen Stiefel, und diese sterile Passivität, dieses aufreizende Sich-Beschränken auf ein paar Gelegenheiten, mit denen sich Inter sowie Juventus am Dienstag durchsetzten, trieb einem die Wut ins Gesicht; die Wut der Machtlosen. Aber Sieger haben immer Recht."

"Eine andere Fußballsprache"


Felix Reidhaar (NZZ) ist vom Spiel in Manchester begeistert, teilt jedoch gleichzeitig die Sorgen seiner englischen Kollegen über die Konkurrenzfähigkeit des Inselfußballs. "Was für ein Match, welch intensiver Abtausch von Spielqualitäten höchst unterschiedlicher Natur, welch spannungsgeladene Dramaturgie der Torfolge, was für Sonderleistungen herausragender Individualisten, wie viele Fehler auf beiden Seiten auch, die diese Regie der überraschenden und oft zufälligen Wendungen erst ermöglichten! Man wird noch lange an diese sportliche Soiree zweier Klassemannschaften zurückdenken (...) Für Paul Hayward, Englands Sportjournalisten des Jahres (‚Telegraph'), ist die Premier League generell nicht die passende Vorbereitung für die parallel laufende kontinentale Spitzenliga. Sie spreche trotz ihrem Reichtum eine andere Fußballsprache, sei anders in ihrer Spielart. Unterhaltung auf der Basis kampfbetonter, eher eindimensionaler Ausrichtung habe auf der Insel mehr Gewicht als balltechnisches Niveau und Spielkultur. Richard Williams vom ‚Guardian' verweist auf die Möglichkeit eines Generationenwechsels. Gut zehn Jahre ist es her, seit die 1992er Garde mit Beckham, Giggs, den Neville-Brothers, Scholes und Butt aus dem meisterlichen Jugendteam der United für höhere Aufgaben heranreifte. Schon die heutige Auswahl zeige, dass sie im Umbruch begriffen sei. Die Boomjahre des europäischen Fussballs gehen hiermit ohne weiteren englischen Eintrag in die Geschichtsbücher zu Ende. Es blieb Manchester United vorbehalten, vor vier Jahren wenigstens einmal den Gipfel in dieser goldenen Epoche zu erklimmen. Einem anderen Team von der Insel blieb Gleiches versagt, was insofern bemerkenswert ist, dass nach 1967 (Triumph Celtics im Meistercup gegen Inter) bis in den Frühsommer 1985 (Heysel-Tragödie) von 18 Finals deren 12 mit englischer Beteiligung stattfanden."