Fußball-Presseschau "Daum schleicht sich an"
Der Gelassenheit des neuen Trainers Klaus Augenthalers schreiben die Autoren großen Einfluss beim 3:0 über 1860 München zu. "Wie Klaus Augenthaler die Leverkusener zum Sieg führte", liest man im Berliner "Tagesspiegel", und der Lokalkonkurrent "Berliner Zeitung" schreibt: "Nach den wochenlangen Possen um Aushilfscheftrainer Thomas Hörster und Sportdirektorenlehrling Jürgen Kohler scheint Augenthaler in Leverkusen fast eine Erlösung zu sein. Allein schon weil er weniger Unsinn redet." Die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) beschreibt den Weltmeister von 1990 als "Ruhepol im Hühnerhaufen". Mit Spannung erwarten die Beobachter nun das Abstiegsfernduell zum Saisonausklang zwischen Arminia Bielefeld und Bayer, das ausgerechnet bei Augenthalers Ex-Club Nürnberg antreten muss.
Weitere Themen: Richtige Feierstimmung wollte in München nicht aufkommen, wo DFB-Teamchef Rudi Völler - Leo Kirch hatte man wohl nicht gefragt - die Ehrung vollzog. Anlass für die "Frankfurter Rundschau" (FR) teilt nach zwei Seiten auszuteilen: "Die Übergabe der Meisterschale an den nun 18-fachen Champion Bayern München war ungefähr so aufregend wie ein Heimspiel von Borussia Dortmund." Und: Der 1. FC Kaiserslautern, Heimstätte der Fußballleidenschaft, rettet sich dank nüchternem Vereinsmanagement.
Christian Eichler von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) vermisst Spannung in der Liga. "Entweder Augenthaler wird mit einem Sieg in Nürnberg, wo man ihn Ende April entließ, binnen zwei Wochen im Mai zum Retter der bestbesetzten Mannschaft, die je in Zweitligagefahr geriet. Oder er schafft es als erster, mit zwei Clubs am selben Tag abzusteigen. Allein die originelle Finalpersonalie kann nicht über den Attraktionsmangel einer Saison hinwegtäuschen, die kaum als Werbemaßnahme für den kommenden, den wirklichen Existenzkampf der Liga taugt: den um die Fernsehgelder. Hinter den Bayern konnten nur die jugendbewegten Stuttgarter einen Hauch von der spielerischen Kunst erzeugen, mit der im letzten Jahr Leverkusen die Fans des schönen Fußballs verwöhnt hatte. Sonst aber wurden allerorten nur noch triste "Minimalziele" verwaltet. 60 Punkte, so wenig wie nie, seit 1995 die Dreipunkteregel eingeführt wurde, werden für Platz zwei reichen. Es zeigt, wie weit sich hinter den Bayern das Niveau nivelliert, wie breit sich das Mittelmaß in der einst "stärksten Liga der Welt" gemacht hat (...) Mögliche Konkurrenten durch Wegkäufe zu schwächen war immer Teil der Bayern-Strategie. Nun muß sich der Meister fragen, ob er es nicht übertrieben hat. Wo die Konkurrenz den Namen nicht mehr verdient, läßt sich auch das Münchner Hochglanzprodukt schlechter verkaufen. Die ungleiche Verteilung wirkte oft so lusttötend wie beim Freizeitkick auf der Wiese, wenn sich beim Zusammenwürfeln der Teams die Besten alle auf einer Seite zusammenfinden. Spätestens wenn der Vorsprung zweistellig wird, sollte man neu mischen."
Augenthaler weist Kohler in die Schranken
Bezüglich der Lage am Tabellenende stellt Philipp Selldorf (SZ) fest, "dass sich die Dinge im Abstiegskampf in einer Art gewendet haben, als ob ihnen ein Meisterplan aus Leverkusen zugrunde läge. Ein Sieg noch, und eine Saison der Irrtümer und Peinlichkeiten würde in Freudentränen enden. Einige würden es dann wohl für ungerecht halten, dass all die Fehler, die Calmund & Co begangen haben, nicht bestraft worden wären, und statt dessen (wieder mal) Arminia Bielefeld als Absteiger herhalten müsste. Aber die sportliche Gerechtigkeit folgt nicht der moralischen Gewichtung von Schuld und Unschuld. Punkte entscheiden. Basta."
Christoph Biermann (SZ) bleibt skeptisch, kommentiert den Einstand Augenthaler jedoch wohlwollend. "Den Sieg mag man als Schritt nach vorne interpretieren - oder als die Vorbereitung des nächsten großen Scheiterns. Oft genug hat Bayer in dieser Saison ordentlichen Leistungen verheerende folgen lassen. Am Samstag in Nürnberg wird es sich erweisen, wenn Klaus Augenthaler zu dem Klub zurückkehrt, den er in dieser Saison 30 Spieltage lang betreut hatte. Seine ehemaligen Spieler mögen es ihm dann zeigen wollen und vielleicht auch die Fans, weil er schon mit Bayer verhandelt hat, als er noch bei den Franken auf der Bank saß. Doch am Samstag vermittelte Augenthaler den Eindruck, dass er im hühnerhaufenartigen Gegacker, das Leverkusen zuletzt bestimmte, der ersehnte Ruhepol ist. Sein Auftreten strahlte eine Klarheit aus, wie sie lange gefehlt hatte. Das war am besten an einer Nebensächlichkeit in Halbzeit eins zu erkennen, als Augenthaler den aufgeregten Jürgen Kohler mit beruhigenden Gesten in den Unterstand der Trainerbank zurückwies. Immer wieder war der Sportdirektor von dort aufgesprungen, um selbst bei klarsten Abseitsentscheidungen noch mit den Schiedsrichtern zu debattieren. "Die sind hier alle ein bisschen aufgeregt, aber ich habe alles im Griff", schien Augenthaler mit einem freundlichen Nicken in Richtung des vierten Offiziellen zu sagen."
DFL nippt von Bayerns Gnaden am Bier des Sponsors
Auf der Meisterfeier empfing Ralf Wiegand (SZ) aufdringliche Dominanzsignale. "Die Institution FC Bayern folgte ihren eingespielten Ritualen, die ihre Größe symbolisieren sollen: Im Stadion feierten sie ihre jahrzehntelange Vorherrschaft mit 18 Böllerschüssen, und wenn sie so weiter machen, werden sie bald ein Maschinengewehr einsetzen müssen fürs Meistergeknatter. Natürlich hatten sie auch mehr Konfetti-Kanonen platziert, als beim Champions-League-Finale und WM-Endspiel zusammen zum Einsatz kamen, und aus den Boxen dröhnte größerer Lärm, als man im P1 und Pasha gemeinsam einfangen könnte. Abertausende roter und weißer Luftballons werden überdies noch tagelang in ganz Europa niederregnen, wenn ihnen irgendwann die Luft ausgehen wird, den Sendboten einer Fußballmacht. Was soll ein Verein auch anderes von sich denken, als der größte und schönste unter der Sonne zu sein, wenn an den Tischen beim Meister-Bankett die Vorstandsvorsitzenden zweier Großunternehmen sitzen und der Ministerpräsident des Landes Bayern mit Hitzfeld in Fan-Manier die Zukunft Oliver Kahns diskutiert (Stoiber: "Was einen Sie, kriegt er noch einmal die Kurve?" - Hitzfeld: "Ich hoffe. Ich hoffe das!")? Im Glanz dieser Bayern sich zu sonnen ist eine Sucht, der sogar diejenigen erliegen, die nur Ärger mit ihnen haben. Gleich in Mannschaftsstärke war die Deutsche Fußball-Liga (DFL) angereist und durfte von Bayerns Gnaden am Bier des Sponsors nippen. Verkehrte Welt: Die Bayern entscheiden, ob sie die Liga in ihre Mitte aufnehmen, nicht umgekehrt. "Wir sind die Lokomotive", machte Manager Uli Hoeneß dem DFL- Aufsichtsratsvorsitzenden Werner Hackmann klar, der ihm bemüht entgegnete: "Aber die Liga, das sind die Gleise." Und Hackmann selbst würde gern Schaffner bleiben, "ich mache meine Arbeit sehr gern", sagte er, der Ex-Politiker, was nur so zu interpretieren ist, dass er die Bayern um Verlängerung seines Mandats gebeten hat. "Ihr Okay müssen sie nicht geben, das wäre zu viel gesagt", sagte Hackmann, aber ihr Wohlwollen braucht er schon."
Katrin Weber-Klüver schreibt in der "Financial Times Deutschland": "Es war eine lausige Saison. Ohne den sagenhaften Leverkusen-Absturz und seine Personalpossen wäre sie für jede vereinsübergreifende Kneipenplauderei tödlich langweilig geworden. Wenn es zwischen überforderten Cottbusern und unterforderten Bayern nur ordentlichen, unauffälligen Fußball gibt, den ordentliche, unauffällige Trainer ihre ordentlichen, unauffälligen Teams spielen lassen, ist das vergebliche Liebesmüh. Man kann sich jenseits von Schwaben nicht stundenlang am VfB Stuttgart ergötzen. Und selbst wer Sympathien für das Werk Erik Gerets in Kaiserslautern hat, sieht doch, dass der reale Pfälzer Fußball so unansehnlich ist wie - nun eben all dieser Fußball, der in seiner Ödnis eine Art Wolfsburgisierung der Liga darstellt. Auf Leverkusen kann man nicht mehr zählen. Die Leverkusener haben über Jahre unterhalten, sportlich und überhaupt. Jetzt müssen sie sich erholen, in der Zweiten Liga oder im Mittelmaß der Ersten. Wo ist egal, nichts von beidem taugt für Spektakel. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute ist: Leverkusen verschwindet zwar, aber der Tollste aller Leverkusener steht schon wieder vor der Tür. Er hat sich angeschlichen, über Istanbul und Wien, über ein paar Interviews hier und kleine Indiskretionen da. Sonnabend hat er sich im "Sportstudio" geläutert und dankbar für netten Applaus gezeigt. Die wahre Botschaft war: Christoph Daum langweilt sich in Österreich. Drei Jahre Verbannung sind genug."
Klassenerhalt: Lauterns Dank an die Banken
In der Pfalz verzeichnet Martin Hägele (SZ) Vernunft und Emotion. "Vom großen Tag des Sanierers René C. Jäggi und vom noch größeren Tag des Retters Erik Gerets wird man noch lange reden. Vor allem vor den Gefühlsbeschreibungen des Schweizer Vorstandsvorsitzenden und des Trainers aus Belgien: "Das ist wie nach einem schweren Verkehrsunfall, den man überlebt", sagte Jäggi. Dessen Partner war nach einem dreiviertel Jahr sportlichen und wirtschaftlichen Überlebenskampfes im deutschen Südwesten dermaßen geschafft, dass "ich diese Gefühle gar nicht öffentlich erklären möchte". Nur so viel aus dem Innenleben des Erik Gerets, der einst der härteste und abgezockteste Verteidiger von allen Benelux-Profis und später ein erfolgreicher Fußball-Lehrer in jener Region war. Viele Menschen aus der kleinsten Bundesliga-Stadt werden ihren Freunden aber auch von anderen Szenen erzählen, die sie an diesem Nachmittag erlebt haben - die mehr als viele Worte das Finale einer verrückten Bundesligarunde beim Fritz-Walter-Klub beschreiben. Wie Harry Koch, die Kultfigur des Vereins, sein Adieu ins Stadion-Mikrofon geschluchzt hat und den Fans dankte: "Acht Jahre für euch zu spielen, das war das Schönste für meine Familie und mich."
Wie Torwart Georg Koch anständig mitgespielt hat bei seinem unfreiwilligen Abschied mit Winke-Winke ins Publikum, während Mario Basler, der nun als Bundesliga-Faktotum zu den Scheichen von Katar abgeschoben wird, Laudatio und Ehrenrunde kaugummikauend absolvierte. In der kommenden Saison wird es im Kader des FCK keinen Platz mehr geben für Profis vom alten Schlag wie der Verteidiger Harry mit der Zottelfrisur einer war; auch Alleinunterhalter und überbezahlte Alt-Stars passen nicht mehr zu einem auf Jugend und regionale Talente ausgerichteten Sparsamkeits-Kurs, zu dem sich die neue Klubführung klar bekennt, nachdem sie mit dem Verkauf der WM-Arena aus den gröbsten Existenznöten heraus ist. In diesem Zusammenhang müsste man erwähnen, dass sich Jäggi deshalb nicht nur bei der Stadt Kaiserslautern und dem Ministerpräsidenten Kurt Beck, sondern auch bei allen Banken öffentlich bedankt hat. Vielleicht muss man dazu im Land der Kreditinstitute aufgewachsen sein wie der Unternehmer Jäggi aus Basel."