Fußball-Presseschau: "Drei Zentner Elend" - DER SPIEGEL
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Fußball-Presseschau "Drei Zentner Elend"

Für Leverkusen wird die Luft im Abstiegskampf immer dünner. Kein Wunder, dass der sonst so auskunftsfreudige Geschäftsführer Reiner Calmund auch mit den Worten am Ende ist. Im Spiel beim Hamburger SV präsentierte sich das Bayer-Team wie ein Absteiger. Auch der Trainer hat anscheinend schon resginiert.
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"Kopf hoch, Bayer, in der 2. Liga reicht auch Platz zwei." Diese Aufschrift eines Transparents der gegnerischen Fans aus Hamburg deutet es an. Leverkusen wird gegebenenfalls mit Schadenfreude in Liga Zwei verabschiedet werden. Das Mitleid der Ohrenzeugen erweckt allenfalls Trainer Thomas Hörster, der - mehrere Zeitungen berichten es - nach der 1:4-Niederlage bestätigt haben soll, er habe die Zuversicht auf den Klassenerhalt verloren. Darin erkennt die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) einen überraschenden Trend: "Das Gefühl der Hoffnungslosigkeit hat Konjunktur. Es ist ein seltsames Phänomen, ein Pessimismus, den Fußballtrainer normalerweise mit aller Macht bekämpfen, diesmal aber erreichte er früh schon Cottbus, er herrscht in Nürnberg vor und gedeiht nun auch prächtig in Leverkusen." Wenn sie Abstiegskampf und Existenzangst vermissen, spekulieren Beobachter gerne über die Ursachen solcher wehrlosen Auftritte. "Liegt es wirklich im Rahmen des Möglichen", fragt die "tageszeitung" (taz), "dass sich Profis nicht alles abverlangen, um sich durch attraktive Ablösefreiheit im Falle eines Abstiegs einem neuen Verein für die kommende Saison anzunähern?" Ein schlimmer Verdacht.

"Arm in Arm im Wirtshaus von Altaussee"


Josef Kelnberger ("SZ") beschreibt neue Strategien, mit dem drohenden Sturz umzugehen. "Gibt es noch irgendwo Trost für die Tod geweihten? Es wird auf dem Fußballplatz doch nur symbolisch gestorben, Herr Hörster, genau wie auf der Theaterbühne. Deshalb sei an dieser Stelle ein Ausflug zum österreichischen Schauspieler Klaus Maria Brandauer gewagt und zu dessen Liebeserklärung an seinen steirischen Heimatort Altaussee. Wenn dort Musik aus dem Wirtshaus dringe, erklärte er im Interview, wisse man nie, ob gerade eine Geburt, eine Hochzeit oder eine Beerdigung gefeiert werde. Ein schönes Bild für die Gelassenheit im Umgang mit Werden und Sterben wäre das: die Bundesliga als ein riesiges Wirtshaus, wo Meisterschaft und Abstieg gleichermaßen hingebungsvoll begossen werden, Ottmar Hitzfeld und Thomas Hörster Arm in Arm im Wirtshaus von Altaussee. Jenseits des Friedhofs-Geredes scheinen sich die Mannschaften ohnehin schon auf dem Weg der Erkenntnis zu befinden: Cottbus: 0:3 gegen 1860. Nürnberg: 1:4 in Dortmund. Leverkusen: 1:4 in Hamburg. Kein verkrampftes Verteidigen mehr, macht hoch die Tore. Auch im Unvermögen liegt ein gewisser Charme, und niemand verkörpert diesen Reiz besser als Hörster. Das hat man noch von keinem Trainer im Abstiegskampf gehört, dass er nach einer Niederlage Zitate streute wie: Damit müsse er selbst erst einmal klar kommen, nach dieser Leistung habe er alle Hoffnung aufgegeben. Genau so coacht man eine Mannschaft hinein in den Abstieg. Aber vielleicht liegt darin gerade eine Marktlücke für die oft wegen ihrer Verbissenheit gescholtene Bundesliga - in der Großzügigkeit im Untergang."

"Das Ende naht"


Rainer Seele ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") analysiert das Wesen des Abstiegskampfs. "Das Ende naht, die Grenzen werden spürbar. Damit soll in diesem Fall weniger die körperliche Erschöpfung von Fußballspielern auf den Schlußrunden der Saison gemeint sein. Es lassen sich, kurz vor Bundesliga-Ultimo, schließlich nicht nur Studien über die Fitneß von Berufssportlern anstellen, sondern - was wesentlich interessanter erscheint - auch über Charaktereigenschaften. Über die Berufsauffassung von Profis vor allem, über ihr Arbeitsethos, das mancherorts zu wünschen übrigläßt. Zwei Spieltage also noch, zweimal Gelegenheit, Verluste abzuwenden, Bilanzen zu schönen - doch nicht jeder Betroffene hat daran noch ein massives Interesse. Das ist eine bemerkenswerte, eine nachdenklich stimmende Erkenntnis dieses Wochenendes, an dem beispielsweise für Bayer Leverkusen und den 1. FC Nürnberg wieder eine Zitterpartie und eine Nervenprobe auf dem Programm standen. Doch weder die einen noch die anderen, beide am Abgrund taumelnd, erweckten den Eindruck, sich bedingungslos gegen das drohende Unheil stemmen zu wollen."

Jan Christian Müller ("Frankfurter Rundschau") fasst Leverkusener Reaktionen zusammen. "Reiner Calmund, dicke Schweißperlen auf der Stirn, rote Ränder um die Augen und die Hände in den Anzugsärmeln vergraben. Drei Zentner Elend. Calli präsentierte sich ungewohnt kurz angebunden. "40 Punkte sind noch realistisch", sagte Calmund zwei TV-Sendern und einer Radiostation. Dann torkelte er wie benommen von dannen (...) Hörster kann so schön traurig gucken wie ein Hush Puppie, den Frauchen allein zu Hause gelassen hat, und an diesem sonnigen Samstag hatte Hörster allen Grund zur Griesgrämigkeit. Aber er hat trotzdem versucht, nett zu sein und hat in einem seiner immer wiederkehrenden Anflügen von Naivität gesagt, er habe in dieser Situation mit sich selbst am meisten zu tun, "ganz ehrlich". Kein Wunder, dass es nach dieser Kapitulationserklärung am Sonntag eine Krisensitzung in Leverkusen gab. Ergebnis: Hörster behält die Verantwortung für die Aufstellung, Kohler führt Einzelgespräche und redet mehr mit denn je. Man darf das getrost als Misstrauensvotum gegen den heillos überforderten Übungsleiter interpretieren. Jürgen Kohler vermied es, Hörsters Aussagen zu kommentieren, doch man sah ihm an, was er davon hielt: wenig bis nichts. Kohler will sich an den "Strohhalm klammern, solange der noch da ist". Aus Leverkusen verlautet, kein Scherz, der eilig vom DFB nach Leverkusen versetzte Haudegen berate sich unter anderem mit den Herren Udo Lattek, Klaus Schlappner und Berti Vogts."

Entlarvend naive Ehrlichkeit


Andreas Lesch ("Berliner Zeitung") zeigt Mitleid mit Leverkusens Coach. "Er hätte lügen können. Hätte sagen können, dass er die Leistung seiner Mannschaft so schlecht gar nicht fand. Er hätte sich hinter Floskeln verstecken können: Über den Kampf müsse man wieder zum Spiel finden, es sei nun wichtig, die Leidenschaft bei den Spielern neu zu entfachen und aufgeben dürfe man sowieso schon mal gar nicht. Hörster ist noch nicht lange im Geschäft, er hat sich dem dahinwabernden Verbal-Mainstream der Fußball-Bundesliga noch nicht angepasst, und so erschreckt er die Branche Woche für Woche mit einer Ehrlichkeit, die so entlarvend ist wie naiv."