Fußball-Presseschau "Gemetzel in der Privatsphäre"
Aufgrund Mangel an sportlicher Dramatik in der Bundesliga debattieren Beteiligte und Beobachter derzeit auf zwei Nebenschauplätzen. Zum ersten rückt wieder einmal das Thema "Moral und Fußball" in den Vordergrund. "Es ist wirklich erstaunlich, dass in diesen Tagen vor allem Trainerwechsel und Geldstrafen den Kickern Beine machen, dass es also äußerlicher Reize bedarf, damit die innere Einstellung zum Beruf wieder stimmt", schreibt die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS), während die "taz" die Abmahnung für den Karneval feiernden Herthaner Marcelinho, dieses Wochenende wieder Matchwinner, kritisiert. "Sie sind schon arm dran, die Brasilianer in deutschen Landen. Läuft es gut, liegt ihnen alles zu Füßen, wenn nicht, geben sie die idealen Sündenböcke ab."
Zum zweiten stehen zwei Stile der Fußballberichterstattung auf dem Prüfstand: die der seriösen Presse sowie der Boulevard, wobei die "Bild"-Zeitung manche Ohrfeige auch von den Fans einzustecken hat. In München solidarisierten sich am Wochenende die Anhänger demonstrativ mit dem sich ob der Dauerpräsenz in den Schlagzeilen "wie ein Mörder und Vergewaltiger verfolgt" (O-Ton) fühlender Oliver Kahn. In Mönchengladbach konnten die Vertreter der Regenbogenpresse auf einigen Transparenten in der Fankurve lesen, was man dort von deren Bulletins über Ex-Trainer Hans Meyer hält: Man empfand sie als Exekutierung. Auf diese Kritik angesprochen - die Internetseiten des Vereins und der Gladbacher Fanclubs verzeichneten in der vergangenen Woche pro Tag mehr als hundert "Bild"-kritische Zuschriften -, hatte der verantwortliche Sportchef Bernd Weber in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) letzte Woche alle Masken fallen lassen und seine menschenfeindliche Geisteshaltung offenbart, indem er persönliche Abneigung gegenüber Meyer gestand ("Ich kann ihn einfach nicht leiden"), während er gleichzeitig Nachfolger Lienen drohte: "Wenn er wie in Köln Urinproben entnehmen lässt, um zu prüfen, ob einer Zigaretten geraucht hat, dann wird er erleben, dass er auch dort in der zweiten Phase seines Schaffens auf die Schnauze fällt."
Auch in der am Sonntagmorgen ausgestrahlten Fernsehsendung "Doppelpass" (DSF) trafen zwei Protagonisten beider Lager aufeinander: Wilfried Pastors ("Bild am Sonntag") und Roland Zorn (Frankfurter Allgemeine Zeitung), letzterer mit den besseren Argumenten und der Zuschauergunst auf seiner Seite. Seinem Credo ist zuzustimmen: Sportreporter sollten sich zu Lasten des Privaten auf den "Kernbereich" des Fußballgeschehens konzentrieren, welcher unterhaltsam und "bunt" genug sei. Selten ist der Fußballstammtisch derart sehenswert gewesen. Allerdings sieht die "SZ" in diesem Zusammenhang vor allem die Vereine in der Verantwortung und richtet sich an Bayern-Manager Uli Hoeneß, der angesichts der Kahn-Affäre "perverse" und "voyeuristische" Tendenzen innerhalb der gesamten Gesellschaft festgestellt haben will: "Wenn der Fußball nun ein Problem erkennt mit dem engen Umfeld, das er kreiert hat und von dem er lebt, dann liegt es an ihm selbst, die Umgangsregeln zu ändern" (SZ).
Fußball wurde freilich auch gespielt, wobei zwei Trainer erfolgreiche Einstände feierten. "Vielleicht niemals zuvor hat die Bundesliga in ihren nun fast vier Jahrzehnten einen Trainerwechsel im Laufe einer Saison erlebt, der so naht- und übergangslos wirkte wie der von Meyer zu Lienen", liest man in der SZ über das 1:0 der Gladbacher gegen Meister Dortmund. Und: Mit Trainer Röber und dem 3:2 gegen Cottbus "kehrt die Hoffnung nach Wolfsburg zurück" (Financial Times Deutschland). Außerdem: In einer erneut "ereignisarmen Partie" (FAZ) besiegte Bayern München erneut Bayer Leverkusen mühelos mit 3:0. "Erstaunlich, wie nett vor allem die Rheinländer auftraten: häufiger in Ballbesitz als die abwartenden Münchner, dafür so gut wie nie in Tornähe gesichtet." (FAZ).
Spielerei mit Kampfhunden
Thomas Kistner (SZ) wehrt sich gegen den Rundumschlag von Hoeneß und warnt vor Scheinheiligkeit. "Der Fußball hat seine eigenen Anstandsregeln, leider reichen sie nur bis zur Eckfahne. Hier mal zu schweigen von diskreten Kirch-Deals, den bekannten und den noch unbekannten, zu schweigen auch von Klub- und Verbandschefs, die der Fiskus oder der Staatsanwalt jagt: Packt ein Torwart auf dem Rasen einen Kicker am Schlafittchen, ist das schlecht (und teuer: 10.000 Euro Strafe). Rückt einem Spieler indes die Polizei ins Haus, weil sie ihn in einem Schmugglerring wähnt, wird das vom Verein bagatellisiert. Feiert einer zu oft Fasching, wird er mit Bußgeld belegt. Verprügelt einer seine Frau, bis die Polizei eingreift, ist das für den Verein kein Problem, so lange nur die fußballerische Leistung stimmt. Bleibt die aus, fliegt er raus. Lauterkeit ist Interpretationssache im Fußballgeschäft, schon lange blickt der Normalbürger staunend auf dieses Freigehege. Wer hier ausbrechen und sich eine öffentliche Rolle mit zusätzlichen Millionen aufwiegen lassen will, wechselt auf das Terrain eines Boulevards, den sich die Branche selbst gezüchtet hat. Also muss er wissen, dass er dort mit Kampfhunden spielt. Es ist die Sache von Oliver Kahn, ob er sich bei Wetten dass neben Jennifer Lopez aufs Sofa setzt. Es ist aber nicht mehr Sache des Sportjournalismus, darüber zu berichten. Das übernehmen "Bild", "Bunte", "aktuelle" und all die schrillen Blättchen, die bekanntlich auch überall dort auf der Lauer liegen, wo sich der Torwart jüngst mit seinem letzten Fang präsentierte. Was dann passiert, weiß heute jedes Kind. Deshalb ist es weit am Tor vorbei geschossen, für eines der üblichen Gemetzel in der Privatsphäre gleich die ganze Gesellschaft in Haftung zu nehmen - oder den seriösen Teil der Medien."
Der Boulevard an der Nadel
Bernd Müllender (FTD) gratuliert Lienen zum Einstand. "90 Minuten lang gab er nur selten den Ewaldschen Rumpelstilzchen-Mix aus Standhüpfer, Wutstampfer und Gestikulierer. Dem Tor allerdings folgte ein ekstatischer mehrfacher Toeloop. Vor dem Spiel waren alle alten Reflexthemen zum Thema Lienen (Ernährung, Friedenspolitik, Zettelwirtschaft, Rauchen) abgearbeitet. Folgenlos war der vorgebliche Abstinenzler von der taz als Teilzeitalkoholiker geoutet worden, der einmal beim Genuss mehrerer Kölsch (2) erwischt worden war. Jetzt muss Lienen sogar für eine Biermarke, Borussias Hauptsponsor, am Reverskragen Reklame laufen. Und seine Rheinlandfähigkeit hat der fälschlich für humorarm gehaltene Ostwestfale schon in Köln durch Besuch des Rosenmontagszuges bewiesen (...) Verloren hatte an diesem Samstag nicht nur der Gegner, sondern auch die Bild-Zeitung. Deren Schreiberlinge hatten Hans Meyer mürbe intrigiert. Mit Folgen: Bei Erwähnung des Namens 'Bild', die am Bökelberg die Zwischenergebnisse aus den anderen Stadien eigenwerbend liefert, setzte es jedesmal ein gellendes Pfeifkonzert. Von all dem war auf dem Fernseh-Boulevard, bei den Springerblattfreunden von 'ran', nichts zu sehen. Den Job verdankt Boulevardhasser Lienen indirekt ausgerechnet dem Vierbuchstabenblatt. Dem indes gilt der sperrige Linke seit jeher als personifizierte Steigerung von Meyer. Ewald Lienen sagte, die Rückkehr war für ihn 'wie eine Droge'. Am Boulevard werden sie beizeiten ihre eigenen Nadeln setzen."
Marcelinho gemaßregelt: Caipirinha ohne Limone
Zur Diskussion um die vermeintlichen Verfehlungen des Berliner Spielmachers Marcelinho bemerkt Matti Lieske (taz). "'Er sollte sich auf dem Platz und nicht außerhalb austoben. Das hat er gemacht', oberlehrerte Kapitän Michael Preetz, nachdem Marcelinho vom Publikum mit Ovationen verabschiedet worden war. Sie sind schon arm dran, die Brasilianer in deutschen Landen. Läuft es gut, liegt ihnen alles zu Füßen, wenn nicht, geben sie die idealen Sündenböcke ab. Entweder sie kennen niemanden, dann gelten sie als integrationsunwillig, zickig und egoistisch, oder sie haben ein paar Kumpels, dann wird ihnen flugs Cliquenbildung, Fremdbeeinflussung und übermäßige Partylastigkeit vorgeworfen. Marcelinho hat sich ein kleines Stück Brasilien mitgebracht, eine Entourage nach dem Vorbild von Diego Maradona, der einst ein ganzes ehemaliges Elendsviertel von Buenos Aires nach Europa schleppte. Gute Laune ist garantiert im Marcelinho-Clan, und es spricht für den Spieler, dass er sich diese offenbar selbst durch eine miesepetrige Vereinsführung nicht verderben lässt. Nach außen zeigte er sich reumütig, doch vergessen wird er den Anschlag auf seine Lebensfreude, den Fußballklubs in ganz Europa gewiss interessiert verfolgt haben, sicher nicht. Ein Brasilianer ohne Lizenz zum Samba, das ist schließlich wie eine Caipirinha ohne Limone."
Roland Zorn (FAZ) widmet sich dem Torsteher des FC Bayern. "Für einen Münchner war dieser Samstag mehr als nur ein Spiel: Oliver Kahn. Nach turbulenten Tagen und einer schrillen Boulevardmedienkampagne rund um Kahns Affäre mit einem Partymädchen suchte der Torwart die Nähe zum Fan demonstrativ wie lange nicht mehr. Einem behinderten Kind schenkte er nach Spielschluß sein Trikot und genoß dabei die aufmunternden Zurufe aus der Menge. Kahn sprach anschließend von 'der größten Zuneigung, die ich in acht Jahren München erfahren habe'. Sie sei ein 'Zeichen dafür gewesen, daß die Leute ein feines Gespür dafür haben, wann es genug ist'. Seine schwerste Woche seit Jahren bescherte dem Torwart-Goliath zum Schluß genau die Glücksgefühle, nach denen sich der Mensch Kahn gesehnt hatte: Seine Frau Simone gebar am Freitag Sohn David; tags darauf fand der Kapitän der Bayern auch an seinem Arbeitsplatz ein Stück Seelenheil wieder. Kleine Gesten, große Gefühle: Oliver Kahn war, eine Spur sensibler und nachdenklicher als zuletzt, wieder bei den Gewinnern angekommen."
Ritterschlag erst durch Rauswurf
Ralf Wiegand (SZ) skizziert die Erwartungshaltung an einen Fußballtrainer. "Die meisten erwerben sich Charisma im Umgang mit Siegen und Niederlagen, mit Schmähungen und Überhöhungen - und manchmal durch Arbeitslosigkeit. Ein Jahr Pause haben ein Bewusstsein für die Besonderheit von Jürgen Röber geweckt, die der in seinen Berliner Jahren erlangt hatte. Ohne ihn herrschte auf dem Jobmarkt ein Defizit an anständigem Eifer, aufrichtiger Besessenheit, grundseriösem Auftreten. Wolfsburg wollte das alles. Kein Charisma haben: Peter Pacult, Thomas Hörster, Frank Neubarth. Woher auch? Sie arbeiten zum ersten Mal als Profitrainer, man kannte sie als Spieler, wo ihre Fähigkeiten auf dem Platz entscheidend waren. Ihre Persönlichkeit kannte man nicht. Alle drei gehen durch erste Krisen, sie haben jetzt schon keine Antworten mehr darauf. Schalkes Manager Rudi Assauer muss Neubarth decken, für Hörster spricht sein Leverkusener Chef Reiner Calmund Klartext, und während Pacult die Tabelle eigenwillig interpretiert ('Ist ja noch nicht viel passiert'), zeigt 1860-Boss Karl-Heinz Wildmoser mit dem Finger auf dessen Hilflosigkeit: 'Fragen Sie den Trainer.' Ein richtiger Trainer ist man erst, heißt ein Credo der Branche, wenn man einmal rausgeflogen ist. Es scheint, als würden diese drei bald richtige Trainer werden."