Fußball-Presseschau "Schändliches Auftreten"
"Plötzlich finden die Bayern den Pokal ganz toll", resümiert die "Frankfurter Rundschau" (FR) die Reaktionen der Münchner nach deren Einzug ins DFB-Pokal-Viertelfinale und entsinnt sich der gegenüber diesem Wettbewerb abschätzigen Bemerkungen seitens Franz Beckenbauer & Co. in der Vergangenheit - zu einer Zeit, als man noch auf internationalem Terrain Lorbeeren ernten konnte.
Das 5:4 nach Elfmeterschießen gegen Titelverteidiger Schalke war allerdings "kein Beitrag für das Fußball-Geschichtsbuch", wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) enttäuscht feststellt. "Die Spieler des FC Bayern München und des FC Schalke 04 müssen sich der Fußball-Verhinderung anklagen lassen", heißt es an gleicher Stelle über das "schändliche Auftreten" beider Teams.
Von ihrem vor der Saison verkündeten und vermutlich an Konkurrent Bayer Leverkusen orientiertem Vorhaben, attraktiven Fußball zu spielen, sind die Bayern jedenfalls wieder abgekommen und zur alten "Ideologie des Realfußballs", so die "Süddeutsche Zeitung" (SZ), zurückgekehrt. Zwei Überraschungen gab es im Pokal-Achtelfinale. "Es ist immer derselbe Scherz, der den 1. FC Köln zum Lachen bringt", schreibt die "FAZ" über den zweifachen Torschützen beim 2:0 des Zweitligisten in Nürnberg. Und: Regionalligist Unterhaching sehnt sich nach dem 3:2 über Hansa Rostock nach alten Bundesligazeiten.
Philipp Selldorf ("SZ") erläutert den Münchner Stil. "Gejammert haben vor allem die Fans, die im Olympiastadion ein gutes Fußballspiel sehen wollten. Obwohl sie Zeuge der fortgesetzten Restauration beim FC Bayern geworden waren. Es war kein Zufall, dass nach der Partie Thomas Linke zur Analyse erschien. Seine Sätze hatten den Charakter von Lehrmeinungen: 'Entscheidend ist, dass man nicht in Rückstand gerät', sagte er, 'dass man hinten gut dicht macht, dass man nichts zulässt.' Linke gerät mit diesen Forderungen zur ideologischen Schlüsselfigur beim FC Bayern. Sein wichtigstes Dogma: 'Wir müssen defensiv denken!' Aber gab es da nicht kürzlich noch einen FC Bayern, der sich vorgenommen hatte, schön und erfolgreich zu spielen? Verteidiger Bixente Lizarazu hat davon schon lange Abstand genommen: 'Forget the culture of playing football - first we have to win Zweikampf. Zweikampf-Fußball is the real culture of Bayern.' Der Franzose, der englisch besser als deutsch spricht, hat aus gutem Grund den Kernbegriff beim deutschen Namen genannt."
"Es war vor allem ein enttäuschender Fußballabend"
Claudio Catuogno von der "tageszeitung" (taz) hat sich gelangweilt. "Ach, guck mal, der Johannes B. Kerner. Gut sieht er wieder aus, der Fernsehstar, im hellen Wildledermantel. Old-fashioned, aber cool. Die Blicke folgen ihm unwillkürlich durch das Münchner Olympiastadion, erst die Pressetribüne hinunter, dann vorbei an den Ehrengästen (graue Sitzpolster, eigene Aschenbecher, rote Wolldecken mit FC-Bayern-Gravur). Er wirkt geschminkt. Ob er eitel ist? Nein Blödsinn - ist natürlich sein Fernseh-Make-up. Jetzt schreitet er, langsam, fast 50 Meter das Spielfeld entlang. Und während man so nachdenkt über Schminke und Leder und Ehrengäste fällt der Blick wie zufällig zurück auf den Rasen, wo der FC Bayern München gegen den FC Schalke 04 spielt. Da kann man aber getrost gleich wieder weggucken. Es war vor allem ein enttäuschender Fußballabend: Als liefe im Kino zwei Stunden Werbung - und dann dauert der Hauptfilm keine zehn Minuten."
"Bei den Großen"
Von Hachinger Nostalgie berichtet Elisabeth Schlammerl ("FAZ"). "Die emotionalen Minuten des Glücks im Sportpark von Unterhaching waren wie eine Rückkehr in die Vergangenheit. Die Zuschauer feierten die Mannschaft, die Spieler machten vor den Fans den 'Diver' und herzten jeden, der ihnen auf dem Weg in die Kabine über den Weg lief. Am Spielfeldrand warteten Fernsehkameras, Fotografen, Journalisten, so viele wie schon lange nicht mehr. Als dann tatsächlich aus den Lautsprechern auch noch 'Anton aus Tirol' dröhnte, der ehemalige Stadion-Hit, der anderswo längst aus dem Stimmungslieder-Repertoire gestrichen ist, schien die Zeit endgültig stehengeblieben zu sein. Irgendwann vor zwei, drei Jahren, als die Spielvereinigung Unterhaching noch ein Bundesligaklub war. Nach dem 3:2-Sieg am Dienstag über Hansa Rostock im DFB-Pokalachtelfinale war die Mannschaft für einen Abend wieder dort angekommen, wo sie einmal dazugehörte: bei den Großen (...) Die höchste Amateurliga ist nicht die Klasse, in der sich Unterhaching dem eigenen Selbstverständnis nach am besten aufgehoben fühlt. Der sofortige Wiederaufstieg in die Zweite Liga ist für den Klub vor allem finanziell zwingend notwendig. Nach dem Lizenz-Hickhack im Sommer, als der Verein bis zwei Wochen vor dem ersten Punktspiel noch nicht wußte, in welche Liga er künftig gehöre, gingen die Verantwortlichen das teure Risiko ein, sich eine Profimannschaft zu leisten. Daß Unterhaching spielerisch selbst mit mittelmäßigen Bundesligavereinen mithalten kann, hat die Mannschaft am Dienstag abend gezeigt. Anders als in ihrer Profizeit unter Trainer Lorenz Köstner, als es die Hachinger mit Mauertaktik weit brachten, gefielen sie gegen Rostock mit forschem Offensivfußball."
"So bald wie möglich in die elterliche Metzgerei"
Beim 1:0-Erfolg der Bochumer in Hamburg hat Jörg Marwedel ("SZ") ein Duell beobachtet. "Für die Bochumer war es der Lohn für ein "60 Minuten lang taktisch sehr diszipliniertes Spiel" (Neururer), für Paul Freier Genugtuung für die pausenlosen unfairen Attacken seines Gegenspielers Bernd Hollerbach, die er trotz einer malträtierten Nase hinnahm, als habe er gerade die Bergpredigt studiert. Man darf nun darüber debattieren, ob Freier zu brav ist oder ob er die Nehmerqualitäten für eine ganz große Karriere hat. Hollerbach wiederum sei nach diesem Auftritt geraten, so bald wie möglich in die elterliche Metzgerei einzutreten."