Fußball-Pressespiegel: "Ach Berti..." - DER SPIEGEL
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Fußball-Pressespiegel "Ach Berti..."

Anlässlich des bevorstehenden EM-Qualifikationsspiels der DFB-Auswahl in Schottland widmet die deutsche Fußballpresse viel Aufmerksamkeit dem schottischen Trainer Berti Vogts und seinem schwierigen Verhältnis zur deutschen Öffentlichkeit.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ob in Interviews, Kommentaren oder Portraits: Nach wie vor erscheint Berti Vogts uns Zeitungslesern klein und bissig. Auch fast fünf Jahre nach seinem Abschied aus dem höchsten Amt Fußballdeutschlands redet er mit Journalisten (nun auch mit schottischen) jederzeit aus der defensiven Haltung eines "Kläffers" heraus. Ernst genommen wird er nicht, obwohl kein anderer Nationaltrainer hierzulande eine derart gute Bilanz aufweist wie Vogts - weder vor noch nach ihm. Selbst Lob an seine Adresse wirkt angestrengt, Komplimente oft vergiftet.

Der Berliner "Tagesspiegel" hat in seiner heutigen Ausgabe zehn prominente Fürsprecher des Ex-Nationaltrainers ausfindig gemacht, darunter die ehemaligen Mitstreiter Günter Netzer und Jupp Heynckes, Spieler wie Fredi Bobic und Dieter Eilts, die unter Vogts Europameister wurden und nicht zuletzt Ottmar Hitzfeld. Der Grundtenor überrascht. Dass Vogts als fachlich kompetent gilt, ist nicht neu, zumal mit diesem Urteil immer die Abwertung unterschwellig mitschwang, er habe Führungsschwächen. Wie teilt eine Lehrerin einem Schüler nach dem Diktat dessen Rechtschreibschwäche besonders effekt- und genussvoll mit? Sie betont seine schöne Handschrift.

Genau die geradezu öffentlich bekannten Vogts'schen Defizite "im menschlichen Bereich" bestreiten nun die Befragten und bescheinigen ihm "eine ausgezeichnete Ansprache an jeden Spieler" (Eilts). "Berti ist als Trainer ein lockerer, immer gut aufgelegter Typ" (Bobic). Von Michael Ballack ("Unter Vogts habe ich die schlimmste Phase meiner Karriere erlebt") und Bernd Schneider ("Es ist ja kein Geheimnis, dass wir nicht so gut klargekommen sind miteinander") hört man anderes. Schließlich erlebten sie unter dem Korschenbroicher Vereinstrainer keine guten Zeiten in Leverkusen. Über die "Abrechnung mit Berti" ("Bild") ist diese Woche daher viel geschrieben worden. Allein, an die vermeintliche Brisanz mag man nicht glauben.

"Der Hype", wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" diese Debatte überzogen bezeichnet, "droht den Blick auf das sportlich Wesentliche zu verstellen." Kann die DFB-Auswahl ihre Alltagsaufgaben nach den asiatischen Festtagen im letzten Jahr endlich bewältigen? Von Teamchef Rudi Völler als "Spiel des Jahres" bezeichnet, erwartet man in der Frankfurter Redaktion einen "Tauglichkeitstest" für die "Jugendbewegung". Ein Hinweis auf den rasch gewachsenen Stellenwert der Jung-Nationalspieler Freier, Friedrich, Hinkel & Co., die neue pflegeleichte Generation der "Anti-Baslers" (Financial Times Deutschland).

"Es ist eine komplett neue Generation, die sich aufmacht in Richtung WM 2006", schreibt Christof Kneer (BLZ). "Man wird es wohl nicht erleben, dass einer von diesen Jungen eine stichelnde Bemerkung über Berti Vogts loswird, aber wahrscheinlich kann man die neue Generation nicht ohne Vogts verstehen. Sie hatten alle ihr Vogts-Erlebnis. Als Jugendliche saßen sie vor dem Fernseher und hörten, wie die Nation spöttisch lachte, wenn Andy Brehme interviewt wurde oder Loddarmaddäus oder Berti Vogts. "Wir haben das natürlich alles mit bekommen", sagt Andreas Hinkel. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass die Kinder der ran-Generation jetzt, da sie selbst Protagonisten geworden sind, der ran-Generation nichts mehr geben. "Wir sind ziemlich pflegeleicht, aber für die Medien sicher manchmal uninteressant", sagt der Berliner Friedrich. Dem medienkritischen Teamchef dürfte dieser Charakterzug ziemlich gut gefallen. Bis zur WM hatte es Völler im Zweifelsfall immer eher mit den Alten gehalten, und nun muss man feststellen, dass die Verjüngungskur nach dem Weltchampionat in Asien radikaler ausgefallen ist als man das dem Teamchef zugetraut hatte. Instinktiv scheint er zu spüren, dass er dieser neuen, realistischen Generation trauen kann."

"Ich werde nie ein Buch schreiben"


Christian Eichler (FAZ) skizziert die Bedeutung des Spiels für Berti Vogts. "Ein Spiel wie jedes andere? Diesen schönen Vorsatz widerlegt Vogts mit jeder Miene, jeder Geste, jedem Ton, wenn er von damals erzählt, von drei Jahrzehnten als Spieler, Jugendcoach, Cheftrainer beim DFB bis zur Vertreibung aus dem Paradies 1998. All das, auch die Kämpfe mit der Presse, erklärt er für bewältigt. Und tut das doch mit dem Ton dessen, der immer noch auf verdiente Anerkennung wartet. "Ich werde nie ein Buch schreiben", sagt er geheimnisvoll. "Aber wenn: Was da alles drinstünde . . ." Der Halbsatz klingt aus, als ließe er die Welt am liebsten doch gern wissen, wofür die drei Pünktchen stehen, damit sie ihn endlich verstünde. Das ungeschriebene Buch müßte natürlich in Mönchengladbach beginnen. Wenn er davon erzählt, taucht zwischen den Zeilen ein unsichtbarer Dritter auf: Günter Netzer, jener Liebling von Trainer Weisweiler, der, so der Grundton der Erzählung, seine Allüren lebte, während Vogts harte Arbeit leistete; und der am Samstag in Glasgow als ARD-Experte das Werk des ewigen Berti wie gewohnt mit leiser Ironie bemäkeln wird. Vogts kontert nicht ohne Wonne mit der These, daß die spielerisch brillante EM-Elf von 1972, Netzers Elf, nie die WM 1974 hätte gewinnen können - die gewann Deutschland ohne Netzer, aber mit Vogts als "Wadenbeißer" des großen Johan Cruyff. Auch den ewigen Vergleich mit Beckenbauer wurde Vogts nie los, in acht Jahren als Bundestrainer. In Schottland aber gab es nie einen Beckenbauer oder Netzer, nie die große Leichtigkeit des Spiels, nur knorrige, bissige Typen wie Vogts selbst. Mußte das nicht das richtige Feld für ihn, den Basispädagogen, sein, eines, das zu beackern dalag wie einst die brachliegende deutsche Nachwuchsarbeit? Das Feld für die Trainerrolle des Berti Vogts: nicht Mediendompteur, sondern Missionar. Eine echte Aufgabe."

Über die angebliche Brisanz des Spiels heißt es bei Philipp Selldorf (Süddeutsche Zeitung): "Wieder werden die Leute vor die Wahl gestellt, was sie von Berti Vogts, dem Idol der siebziger und dem Prügelknaben der neunziger Jahre, eigentlich halten sollen. Der Reporter des Wochenblatts 'Sport-Bild' etwa hat sich vor dem Aufeinandertreffen der schottischen und der deutschen Nationalmannschaft bemüht, von Vogts - den er schon lange kennt - ein freundliches Bild zu zeichnen. Er hat ihn auf der Insel besucht und gemeinsam mit dem schottischen Nationaltrainer die Freuden des Frühlings genossen. Vogts sagte ihm dann: "Jedes Blümchen hier scheint zu rufen: 'Schau' her, ich bin nicht lange da. Dafür bin ich umso schöner.'" Ein netter Satz. Würde Rudi Völler ihn sprechen, würden seine vielen, vielen Anhänger ihn dafür noch mehr verehren: Seht, eine sanfte Seele mit Sinn für Poesie ist er auch noch! Bei Vogts gerät die Reaktion allenfalls zum mitleidigen Lächeln. Ach, Berti... Denn es bleibt wohl sein Schicksal, dass er in Deutschland nicht als der Trainer wahrgenommen wird, der die Nationalelf 1996 zum Europameistertitel geführt hat, sondern als der Mann, der mit der Nationalmannschaft bei zwei Weltmeisterschaften im Viertelfinale gescheitert ist. Nicht seine phänomenale Bilanz mit dem DFB-Team - in 102 Spielen als Bundestrainer musste er nur zehn Niederlagen hinnehmen - prägt sein Bild, sondern das 1:2 gegen Bulgarien 1994 und das 0:3 gegen Kroatien 1998 (typisch: im damals besten deutschen WM-Spiel)."