Fußball-Pressespiegel "Aus Eigensinn schweigsamer Deisler"
So gegensätzlich können die Kurven der Karriere und des Rufs verlaufen: Während Ballack, vor zwei Jahren ein vermeintlicher Schönspieler, derzeit alle Hoffnungen der Fußball-Nation mühelos schultert, scheint der zarte Deisler, vor zwei Jahren einziger Lichtblick unter "Rumpelfüßlern", am rauen Münchner Profialltag zu zerbrechen. Der FC Bayern stellt an seine Mitarbeiter hohe Ansprüche; auch was das Verhalten neben dem Platz betrifft. Manager Uli Hoeneß fordert von Deisler immerfort große Töne. In den Augen vieler Beobachter ist Hoeneß für Deisler daher ein schlechter Umgang: "Bei den Bayern, wo Redseligkeit eine Tugend ist, hat der aus Eigensinn schweigsame Deisler keinen vorteilhaften Ruf", fühlt die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) mit dem schüchternen Sorgenkind.
Dahingegen schätzt die "Financial Times Deutschland" den Münchner Einfluss auf Michael Ballack: "Man kann es fast nicht mehr glauben, dass dieser Ballack vor nicht allzu langer Zeit einmal für Bayer Leverkusen Sport getrieben haben soll; für eine Mannschaft, die dadurch berühmt wurde, dass sie alles konnte, außer Erster werden. Heute wirkt Ballack, als sei er seit schätzungsweise 100 Jahren beim FC Bayern angestellt. Schneller als man das erwarten konnte, hat er sich mit dieser selbstverständlichen Siegermentalität angesteckt, und längst hat er seinen Mut zur Meinung kultiviert."
Jan Christian Müller von der "Frankfurter Rundschau" ist begeistert von der Spielerpersönlichkeit Ballack. "Als er in seinem ersten Profijahr in der Bundesliga unter Otto Rehhagel mit dem 1. FC Kaiserslautern gleich Meister wurde, drohte der steilen Karriere ein Knick. Ballack betrieb in seinen letzten Monaten unter Rehhagel eine allzu offenkundige Art der Arbeitsverweigerung. Rehhagel, der Fußball- und Lebens-Lehrer, schurigelte den bockigen Beau entgegen seiner Art sogar öffentlich. Danach in Leverkusen als Kopf der Immer-wieder-Zweiten und dann bei der WM, als, wiewohl anfangs schwer angeschlagen, bester Feldspieler des Vize-Weltmeisters, legte Ballack das Image des blasierten Besserverdienenden endgültig ab. Obwohl er noch immer mit durchgedrücktem Kreuz zum Sprint ansetzt und dabei viel langsamer aussieht, als er tatsächlich ist, bezeichnet ihn heute kein Mensch mehr als phlegmatisch.
"Kontaktlinsenträger Ballack hat den Durchblick"
Früher wurde das oft getan, und Ballack hat auf diese Kritik recht dünnhäutig reagiert. Mittlerweile hat der Kontaktlinsenträger den Durchblick. Anders, als der nicht minder hoch talentierte Kollege beim FC Bayern, Sebastian Deisler, nimmt der Fußballer des Jahres auch die Öffentlichkeitsarbeit offensiv in Angriff. Mit dem Ergebnis, dass inzwischen jeder halbwegs zurechnungsfähige fünfjährige Deutsche beim Kicken im Park im Tor Kahn und auf dem Feld Ballack sein will, am liebsten im Trikot mit der Nummer 13 auf dem Rücken. Beim deutschen Fußball-Bund haben sie längst begriffen, dass sich Ballack für eine positive Außendarstellung der zuletzt etwas gebeutelten Nationalmannschaft geradezu aufdrängt."
Philipp Selldorf (SZ) fügt hinzu. "Über Ballack lässt sich sagen, dass alle seine Mitspieler im Nationalteam froh und glücklich sind, ihn in den EM-Qualifikationsspielen auf Island und in Dortmund gegen Schottland wieder bei sich zu haben, nachdem er im Länderspiel gegen Italien wegen einer Wadenmuskelverletzung hatte fehlen müssen. Ballack ist, im Gegensatz zu Effenberg, keine kontroverse Figur, ihm fehlt die Selbstherrlichkeit. Unter den Kollegen ist seine Anerkenntnis allerdings schon so weit entwickelt, dass er manchmal Dinge sagen muss, die kein vernünftiger Mensch von sich geben würde. Am Abend vor der Abreise nach Reykjavik erklärte er zum Beispiel im Frankfurter Teamhotel: "Ich bin sicherlich nicht der Heilsbringer der Nationalmannschaft." Für manche Mitspieler mag diese Enthüllung eine echte Enttäuschung sein, denn mit Ballacks Rückkehr verbinden sich nicht nur hohe Erwartungen an eine Steigerung der Spielkultur."
Peter Heß von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hofft auf Deisler. "Auf Deisler zu warten, erscheint jedem lohnenswert, der sich ein wenig im Fußball auskennt. Der Lörracher ist nicht mehr und nicht weniger als das größte Talent seiner Generation. Schon nach seinen ersten Bundesligaauftritten als Teenager für Borussia Mönchengladbach wurde ihm quasi die Führungsrolle für die Nationalelf bei der WM 2006 übertragen. Spielfreude, Dynamik, Einsatzwille, Schnelligkeit, Übersicht und Schußstärke verbanden sich bei Deisler zu einer Einheit, die man eigentlich nur von unter brasilianischem Himmel geborenen Fußballprofis kennt. Verbanden? Vergangenheitsform? Ja, denn der Deisler des Jahres 2003 erinnert nur noch in einigen Szenen an das Naturereignis früherer Jahre. Zu seinen Berliner Zeiten monierte Trainer Jürgen Röber, Deisler müsse lernen, nicht jeden Ball zu fordern, müsse lernen, seine Kräfte einzuteilen, anstatt sie zu verpulvern.
"Auch ein leicht gehemmter Deisler ist eine Verstärkung"
In diesem Sommer ermahnte Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld seinen Mittelfeldspieler, er müsse endlich mehr tun, mehr wagen. Liegt Deislers Zurückhaltung nur in der erworbenen Reife oder in den Verletzungen begründet? Glaubt man dem Profi, dann sind seine Knieverletzungen völlig überwunden. Aber man muß Zweifel haben. Seine Körpersprache auf dem Spielfeld dokumentiert etwas anderes als seine Worte. Dennoch: Auch ein leicht gehemmter Deisler stellt eine Verstärkung für die Nationalelf dar."
Philipp Selldorf (SZ) sorgt sich. "Im kürzlich neu erschienen Jahrbuch des FC Bayern steht es schwarz auf weiß geschrieben. Für "in" erklärt Sebastian Deisler seine Freundin (sie heißt Eunice), ferner die wichtigsten Vereinssponsoren (das freut Uli Hoeneß) und schließlich die Natur (das freut Jürgen Trittin). Noch beeindruckender allerdings ist Deislers "Out"-Liste. Er nennt dort: "Andere Frauen, Schicki-Micki, Statussymbole, Machtgehabe, Schein." Mancher mag jetzt glauben, Deisler spiele damit auf seinen Münchner Kollegen Oliver Kahn an, doch das lässt sich ausschließen, denn Kahn hat erst neulich von seiner Läuterung berichtet und hält seinerseits "tolerante Menschen" für besonders in. Toleranz wiederum ist ein Wert, für den Deisler sein ganzes kurzes Leben schon Werbung macht - er glaubt nämlich, sie werde ihm vorenthalten in seinem Dasein als berühmter Fußballer. Es scheint daher eher darauf hinauszulaufen, dass Sebastian Deisler, 23, gleich unsere ganze moderne Welt für "out" erklären möchte, wenn er Oberflächlichkeit und Falschheit anprangert. Trotzdem spielt er Fußball beim FC Bayern und neuerdings auch wieder für die Nationalmannschaft, was einen gewissen Widerspruch bedeutet, denn auf dem Niveau dieser Institutionen erzeugt Fußball besonders viel Gehabe und Gehampel."