Fußball-Pressespiegel: "Bleiern München" - DER SPIEGEL
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Fußball-Pressespiegel "Bleiern München"

Die wichtigen 1:0-Siege gegen Anderlecht und Stuttgart lassen die Kritiker des FC Bayern München nicht verstummen. Die enttäuschenden Leistungen des deutschen Rekordmeisters bieten allzu viel Angriffsfläche. Das Überraschungsteam aus Bremen dagegen akzeptieren die Kommentatoren mittlerweile als Titelanwärter
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Man macht sich nicht unbedingt Freunde, wenn man den Mund voll nimmt. Man macht sich nicht unbedingt Freunde, wenn man Sätze über sich selbst im Superlativ spricht. Wenn man seinen Gegenüber spüren lässt, dass man ihn bestenfalls als fügsame Nummer zwei duldet, rechnet man besser nicht mit dessen Liebe und Loyalität. Bayern-Manager Uli Hoeneß muss man über diese allgemeinen Gesetze menschlicher Kommunikation offensichtlich aufklären. Regelmäßig kündigt Hoeneß keine großen Taten seiner Mannschaft; er verspricht größte Taten des "besten Vereins" mit dem "modernsten Reisebus" (Pressemitteilung des FC Bayern). Fallen die Leistungen des FC Bayern - wie beim schmeichelhaften 1:0-Sieg gegen den VfB Stuttgart - vier, fünf Nümmerchen kleiner aus, wundert und ärgert er sich über die Häme der Beobachter und bezichtigt sie des Neids - eine wirkungsvolle, armselige Argumentation.

Werder Bremen bescheinigen die Autoren eine bestandene Reifeprüfung zum Meister-Favoriten. Bisher spielstark und tordurstig entdecken die Bremer 3:1-Sieg in Leverkusen neue Stärken: Kühle, Kalkül und Kontrolle; die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) schätzt den "hanseatischen Neorealismus".

Michael Horeni (FAZ) klagt: "Der bayerische Fußball-Katechismus lehrt zwei Wahrheiten. Erstens: Münchner Erfolge sind immer verdient. Zweitens: Wer etwas anderes behauptet, ist neidisch. So haben nun zwei mickrige 1:0-Erfolge genügt, um die Bundesliga mal wieder zu ihrem Lieblingsthema zu führen: die Dusel-Bayern. Und die Dusel-Bayern wiederum zu ihrem Lieblingsthema: die Neid-Gesellschaft. Beides zusammen ist der ideale Stoff, aus dem Provokationen und Spekulationen über den Jahreswechsel hinaus gemacht werden. Drei Tage nachdem der Rekordmeister gerade so über die europäischen Runden kam, siegten die Münchner wiederum mit dem italienischsten aller Siege gegen die jugendlichen Stuttgarter und fühlen sich schon fast wieder wie ein erfolgreicher Titelverteidiger - und vermutlich glaubt's auch schon die Konkurrenz. Denn es ist die alte deutsche Fußball-Geschichte, die sich nach dem Wunsch des Rekordmeisters wiederholen soll. Die aufstrebende, mutige, dynamische, in der Not zusammengestellte und sich gegenseitig stärkende Gemeinschaft stößt an ihre Grenzen bei einem reichen, vermeintlich satten und lustlosen Seriensieger - die Niederlage im Duell der Ungleichen ist dazu noch unglücklich, denn die spielerisch stärkere Mannschaft verliert. Am Ende also - so kennen wir das seit Jahrzehnten - siegt eben doch das alte Geld und der alte Biß."

Beim Siegtor empfindet Philipp Selldorf (SZ) das "rational nicht mehr fassbare Glück, das den FC Bayern ereilt. Die Hinserie, in der die Münchner Meistermannschaft überwiegend miserablen, freudlosen Fußball geboten hatte, fand in jenem Moment ihre paradoxe Erfüllung. Was für ein plastisches Bild ihrer Krise sie wieder vorgeführt hatten: Bis zu jenem magischen Augenblick boten die Münchner noch mal ein Potpourri all der individuellen und strategischen Unzulänglichkeiten, die sie in loser, aber regelmäßiger Folge seit dem Saisonstart ihren Anhängern zumuten. Schwerfälliger wirkten die Anstrengungen, besonders die Mittelfeldreihen bildeten einen krassen Kontrast. Hier die unbeschwerten, von großen Ideen inspirierten Heldt und Hleb, dort die Münchner Hauptverwaltung für Zauderei und Bewegungsarmut. Als zentrale Figur eines statischen und einfallslosen Spielaufbaus musste sich vor allem der unglückliche Regisseur Ballack wütende Pfiffe des - herzlosen - Münchner Publikums anhören. Hargreaves und Salihamidzic, seine nicht minder konfusen Nebenmänner im Mittelfeld, leisteten allerdings ebenfalls keinen vernünftigen Beitrag, um die Stürmerflotte mit Pizarro, Makaay und Santa Cruz in Stellung zu bringen. Bis das 1:0 vom Himmel fiel, gelang den Münchnern nur ein einziger ernsthafter Torschuss. Einer der 100 000 Verzweiflungsabschläge, die Oliver Kahn in dieser Saison blindlings nach vorn gehauen hat, erreichte dank eines Fehlers des Stuttgarters Meira den eigentlich deplatziert herumstreunenden Angreifer Roy Makaay. Prompt traf der Niederländer ins Tor."

Oliver Thomas Domzalski (taz) schaut zurück und nach vorne: "Im August konnten sie vor Kraft kaum laufen und sahen sich als kommenden Champions-League-Sieger. Jetzt sieht ihr Gang zwar immer noch so aus, aber das liegt daran, dass sie seit der Auslosung des Achtelfinals zumindest die Europacup-Hosen gestrichen voll haben. So viele CeREALien können sie bis Februar gar nicht fressen, damit aus Bleiern München wieder Bayern München wird."

Werder wie ein Meisterschaftsfavorit


Jörg Stratmann (FAZ) schildert perfektes Leverkusens Management: "Die Arbeitsgemeinschaft "Stimmung" der engsten Anhänger des Fußballklubs Bayer 04 Leverkusen hatte sich wieder etwas einfallen lassen. Nach dem ebenso leb- wie torlosen Auftritt ihres Lieblingsklubs in Köln hielten sie den Spielern von der Nordtribüne der BayArena aus auf großen Plakaten entgegen, was wie das Ergebnis eines Brainstormings zum Thema "Die ideale Mannschaft" wirkte. Gut gemeint, aber der anrührende Versuch ging nach hinten los. Denn umgekehrt schien sich der Gegner Werder Bremen aus dem Angebot der fast drei Dutzend Begriffe das Passende herauszusuchen, um auf imponierende Weise zu belegen: Genau das sind die Bausteine, die einen Meisterschaftsfavoriten ausmachen. "Energie", "Maximal", "Gewinn", "Qualität", "Klasse", "Kraft", natürlich "Einstellung", dazu ein Schuß "Angriff" und eine kräftige Prise "Big Points" - schon damit ließe sich aus der Stoffsammlung der Bayer-Fans ein Mosaik legen, das zur Genugtuung vor allem des Bremer Trainers Thomas Schaaf ein Bild zeichnete, das auch die neuen Tabellenführer in dieser Saison noch nicht präsentiert hatten. Daß Werder diesmal auf "Samba", "Zauber" oder "Euphorie" verzichten konnte, drei weitere Wünsche der Leverkusener Vorweihnachtsliste, machte den Sieg noch eindrucksvoller. Denn die geschlossen, eingespielt und selbstbewußt wirkenden Bremer fügten ihrem Entwurf einer Spitzenmannschaft noch einen Klecks "Effizienz" hinzu (...) Die Fans der Nordtribüne sollten überlegen, ob sie ihre Plakate "Angriff", "Freude", "Charakter", "Ausdauer" und vor allem "Gloria" und "110 Prozent" nicht als Weihnachtsgeschenk nach Bremen schicken sollten."