Fußball-Pressespiegel "Champion der Schnacksel-League"
Die erfolgreiche Qualifikation der Stuttgarter durch das 1:0 gegen Glasgow Rangers feiern 55.000 Zuschauer im Stadion, rund zehn Millionen vor den Bildschirmen und alle Sportredaktionen: Die "Financial Times Deutschland" (FTD) und die "Frankfurter Rundschau" (FR) haben "Lust auf mehr", die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) glaubt, dass: "das Wunder zur Regel wird"; die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ), unser südlicher Nachbar, fährt mit dem Finger auf Deutschlands Fußball-Landkarte und zeigt mit offenem Mund auf Stuttgart, die "neue Hauptstadt des deutschen Fussballs". Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) hält den Erfolg für "ein ganz abgeklärtes Werk von Frühreifen".
Von einer anderen sportlichen Leistung von Rummenigge, Beckenbauer, Hitzfeld & Co. ist die SZ angetan und kürt den FC Bayern als "Champion in der Schnacksel-League".
Peter Heß (FAZ) drückt Stuttgart die Daumen: "So gefestigt, clever und abgeklärt sich die Mannschaft von Trainer Magath präsentiert, so wenig Anlaß zur Sorge ihre Spiele objektiv betrachtet bieten, irgendwie entsteht das beklemmende Gefühl, daß es so grandios nicht weitergehen kann. In den überraschenden und überragenden Erfolgen des VfB liegt schon der Keim des Vergehens - denn haben wir nicht gelernt: Nur die reichen Vereine können auf Dauer triumphieren? Längst macht die Konkurrenz Jagd auf die Talente, umschmeichelt sie mit Angeboten. Welchen VfB werden wir im nächsten Frühjahr erleben, wenn die Champions League entschieden wird? Einen Verein, der weiter den FC Bayern beschämt, oder einen Klub, der einer großartigen Vorrunde nachtrauert und wieder zu Bayern München aufsieht."
Daniel Pontzen ("Handelsblatt") wundert sich über die Begeisterung Uli Hoeneß': "Niemand wird Uli Hoeneß eine besondere Nähe zur amtierenden Bundesregierung nachsagen können, doch am Dienstag drängte sich der Eindruck kurzzeitig auf. So nachhaltig sprach der Manager von Bayern München vom nahenden Aufschwung, dass man ihm unterstellen mochte, er habe gemeinsam mit Gerhard Schröder einen Kurs in Öffentlichkeitsarbeit besucht. Die formvollendete Zuversichtsrhetorik war das Auffälligste am Auftritt der Bayern. Wer anstelle des Spiels nur die Kommentare mitbekam, konnte leicht davon ausgehen, es habe eine Münchner Gala stattgefunden. Und auch wenn das allenfalls im Hinblick auf das kämpferische Engagement in der zweiten Halbzeit ansatzweise zutraf, wäre es fahrlässig gewesen, die Gelegenheit auszulassen. "Wir verstehen es eben immer, in Krisen unsere Kräfte zu bündeln. Wir wissen, was wir zu tun haben, wenn es schwierig wird", gab Oliver Kahn mit stechendem Blick die FC-bayerische Version von Franz Müntefering. "Wir haben das in den letzten Jahren immer wieder geschafft. Wenn wir jetzt ruhig bleiben und daran anknüpfen gegen Anderlecht, ist alles möglich in dieser Saison, dann sind alle drei Titel möglich." Es klang ähnlich vermessen, als plante die SPD mit einer baldigen Zwei-Drittel-Mehrheit im Bundestag."
Joachim Mölter ("Berliner Zeitung") wundert sich über die Begeisterung Uli Hoeneß': "Für die erste Verblüffung sorgte der Manager selbst, indem er aus dem mühsam erkämpften 0:0 ableitete, dass sich die kommenden Gegner des deutschen Meisters "wieder warm anziehen und wieder Angst vor uns haben müssen: Jetzt kommt die Zeit des FC Bayern." Nun gut, Hoeneß hatte das Spiel auch so interpretiert, dass "Celtic keine klare Torchance hatte und wir doch einige". Da hatte er die erste Halbzeit offenbar schon verdrängt."
"Uli Hoeneß ballerte richtig los"
Raphael Honigstein (FTD) wundert sich über die Begeisterung Uli Hoeneß': "Die Bank des FC Bayern ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Das Potenzial reicht aber noch locker aus, um aus einem durchwachsenen Unentschieden schnell einen wegweisenden Sieg zu machen; wenn es sein muss, auch nach dem Schlusspfiff. 0:0 war die Partie gegen Celtic ausgegangen, die bayerischen Spitzen waren im Angriffssturm der "Bhoys" weitgehend untergegangen, hatten nur wenige Bälle bekommen und nicht getroffen. Dafür ballerte Uli Hoeneß in der nasskalten Mixed Zone richtig los (...) Nervlich angeschlagenen Patienten wird normalerweise Ruhe verordnet, doch dem mit spürbarer Verunsicherung im Gepäck angereisten deutschen Meister gelang die Selbstfindung ausgerechnet in einem Stadion, das einem vor Lärm die Gedanken im Kopf durcheinander brachte."
Klaus Hoeltzenbein (SZ) wundert sich über die Begeisterung Uli Hoeneß': "Der größte Fan des FC Bayern war als erster auf dem Rasen. Er trug einen roten FC-Bayern-Schal, sein FC-Bayern-Wappen, das auf der FC-Bayern-Jacke das FC-Bayern-Herz wärmte, schien vor Begeisterung zu pulsieren, und im Gesicht erstrahlte das schönste FC-Bayern-Lächeln, wie es nur an den allergrößten FC-Bayern-Festtagen zu sehen ist. Der größte Fan des FC Bayern wollte ganz nah bei seinen Profis sein. Es sind jene seltenen Tage, an denen Uli Hoeneß, dem Schwergewicht des Vereins, keiner entkommt. Er schüttelte Hände, tätschelte Schultern, und als Arm in Arm Kuffour und Kovac ihn passierten, stand Hoeneß ganz ergriffen da und klatschte Beifall. Ein Manager halt, der weiß, was er den Profis, neben ihren sündteuren Gagen, schuldig ist."
Frank Hellmann (FR) hält die Begeisterung Uli Hoeneß' für gespielt: "Bye, bye, Bayern? Das Szenario mag sich an der Säbener Straße niemand ausmalen. Und doch droht das abermalige Aus in einer Gruppe mit Kalibern, die nach der Auslosung allenthalben als "schlagbar" kategorisiert wurden. Da hat der Münchner Manager noch von Manchester und Madrid als Gradmesser gesprochen, plötzlich redet Hoeneß die Mannschaft auf der Stufe mit Lyon, Anderlecht und Glasgow stark. Das gehört zur Taktik beim Branchenführer. Die Realität rücken sich die Bayern in ihrer Fußball-Welt stets selbst zurecht. Und so tun Trainer und Team zwecks Zugewinns an Selbstbewusstsein so, als sei das 0:0 Wende und Wiederauferstehung in einem. Das war es nicht. Bezeichnend, dass allein Präsident Franz Beckenbauer in der ihm eigenen Unbedarftheit die offensichtlichen Kardinalfehler ansprach."