Fußball-Pressespiegel: "Geschüttelt wie im Cocktail-Mixer" - DER SPIEGEL
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Fußball-Pressespiegel "Geschüttelt wie im Cocktail-Mixer"

Mit Erleichterung hat die Fußball-Branche zur Kenntnis genommen, dass ein Alleingang des FC Bayern München wie im Vorjahr nicht zu erwarten ist. Dafür geben die Verletzungen der Spieler in der Anfangsphase der Saison Anlass zur Sorge. Ist der moderne Fußball zu schnell geworden?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Der Spaß kehrt zurück", titelt die "Süddeutsche Zeitung" anlässlich "der ersten rundum überzeugenden BVB-Leistung seit fast einem halben Jahr". Die Dortmunder besiegen den kürzlich noch ambitionierten VfL Wolfsburg nach sehr gutem Spiel mit 4:0; und die Erleichterung der Berichterstatter darüber ist spürbar, dass die Borussen Titelverteidiger Bayern München diese Saison auf Augenhöhe gegenübertreten könnten. Nicht nur die neutralen Fußballfreunde sind sich einig: Die Langeweile des Vorjahres, als die Münchner bereits vier Wochen vor Ende sangen und tanzten, darf sich nicht wiederholen. Obwohl die Dortmunder Ausfälle von Leistungsträgern zu verkraften haben, gelten sie inzwischen wieder als einziger ernsthafter Konkurrent; nicht zuletzt dank Torschütze und Spielmacher Rosicky, der "von Bewunderern auch 'Mozart' genannte Genius" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung").

Des Weiteren: Die SZ kommentiert die Situation in Kaiserslautern, das nach seinem ersten Erfolg widersprüchlicher Weise nun bei null Punkten angekommen ist: "In der Tabelle sind sie schuldenfrei." Und: Die Chronisten überbieten sich mit Kalauern und Witzeleien über die tropischen Temperaturen. Die "tageszeitung" schlägt vor, dass Münchner Olympiastadion (am Samstag 48,7 Grad Celsius) in "Hitzfeld" umzubenennen. Nun, ja, so weit dazu.

"Selbstzweifel über Bord gekippt"


Freddie Röckenhaus (SZ) hält Dortmunder Optimismus für angebracht. "Ein bisschen mochte einem Matthias Sammer an diesem Nachmittag Leid tun. 4:0 gegen den ambitionierten VfL Wolfsburg gewonnen, ganz neue Mannschaftsaufstellung gefunden und alle Selbstzweifel mit einem Spiel über Bord gekippt - und doch drehte sich scheinbar alles nur noch darum, ob Borussia Dortmunds Trainer seinem technischen Pfiffikus Tomas Rosicky das Schießen mit dem Außenrist verboten habe. Der Mensch im Überfluss neigt eben zu wunderlichen Diskussionen. Und so kam es einem nach Dortmunds erstaunlicher Heimpremiere vor, dass viele den Überschwang und die Hitze einfach nicht verkraftet hatten. Spielmacher Rosicky hatte das zu verantworten, weil er beim ersten seiner beiden Tore den Ball so kunstvoll mit dem Außenrist ins Tor des verdatterten Simon Jentzsch geschlenzt hatte. Das Tor war so schön, dass man sich sogleich erinnerte, dass der notorische Nörgelpeter Sammer seinem besten Techniker Rosicky kürzlich empfohlen hatte, auch mal mit dem linken Fuß zu spielen, statt als Notlösung seine Kunstfertigkeiten mit dem Außenrist des rechten Fußes immer mehr zu verfeinern. Glückliches Dortmund, dass du solche Details debattierst (...) Dieser Nachmittag schien ganz und gar unter dem Motto zu stehen, dass man bisweilen zu seinem Glück gezwungen wird. In der Kabine von Dortmund machte sich das Gefühl breit, man sei von höherer Stelle zur Umkehr gezwungen worden. Sammer hatte Abwehr und vor allem Mittelfeld umgekrempelt. So spielte André Bergdölmo auf der linken Seite der Viererkette und machte dadurch Dede frei für das halblinke Mittelfeld. Und neben Conceicao beorderte Sammer den nach zwei Kreuzbandrissen wieder hergestellten Otto Addo ins Mittelfeld - die vermeintliche Notlösung erwies sich als kolossaler Schritt nach vorn."

Wieses unbedarfte Extrovertiertheit


Beim Lauterer Sieg in Köln erlebte Ulrich Hartmann (SZ) ein "ereignisreiches Spiel mit glücklichem Ausgang für die Pfälzer". "Man wird oft nicht richtig schlau aus dem Torwart Wiese, der aus der Nähe von Köln stammt und sich mit markigen Sprüchen und guten Leistungen zum Stammkeeper in Kaiserslautern hochgedient hat - der allerdings in seiner ganzen Extrovertiertheit bisweilen sehr unbedarft wirkt. Dieser mit 21 Jahren derzeit jüngste Stammtorhüter der Liga hat gut gehalten bis zur 55. Minute, in der es 1:1 stand. Die flott geführte Partie schien nach der Pause weder auf einen Sieger noch auf einen Showdown hinauszulaufen, als Wiese binnen zehn Minuten mehrfach das allgemeine Interesse erregte. Zunächst ließ sich der Kölner Matthias Scherz im Strafraum über Wieses ausgestreckten Arm fallen, so dass es die Gelbe Karte für Wiese und einen Elfmeter für die Gastgeber gab, den Dirk Lottner schoss. Wiese hat bis vor eineinhalb Jahren für Fortuna Köln gespielt, kennt Lottner und weiß um dessen Gepflogenheiten beim Strafstoß. "Ich bin gar nicht richtig in die Ecke gesprungen", erzählte er hernach, "weil ich mir gedacht habe, dass er eher in die Mitte schießt." Lottner schoss in die Mitte und Wiese parierte mit dem Fuß. Der Torwart ballte die Fäuste. Zehn Minuten später musste er vom Platz. Diesmal sprang er wie ein Berserker in den ganz allein aufs Tor zustürmenden Kölner Woronin und lief, nachdem er vom Schiedsrichter Fleischer dafür sinnloserweise nur die Gelb-rote Karte bekommen hatte, zum sich wälzenden Woronin, um ihn wüst zu beschimpfen. Später gab Wiese, wieder halbwegs Herr seiner Sinne, zu Protokoll, der Platzverweis sei berechtigt gewesen, Woronin habe sich halt clever fallen lassen und er könne mit Gelb-Rot zufrieden sein. Denn dadurch werde er in zwei Wochen wieder im Tor stehen können. Doch das bleibt abzuwarten. Denn Thomas Ernst, Wieses Ersatz und 14 Jahre älter, brachte die engagiert aufspielenden Kölner im Anschluss der Verzweiflung nahe. Er fischte mehrfach derart den Ball aus der Luft, dass ihm sein Trainer Gerets später "eine sensationelle Leistung" beglaubigte und sich überhaupt freute, "zwei so gute Torhüter zu haben". Diese Tatsache bescherte den Lauterern dann auch den ersten Saisonsieg und den Kölnern die zweite Pleite im zweiten Spiel."

"Hilflose Pirouetten"


Beim 3:3 zwischen Hannover und München sah Andreas Burkert (SZ) zwei verschiedene Halbzeiten. "Was der FC Bayern diese Saison zu leisten in der Lage ist, möchte man nur ungern weissagen nach dem glücklichen und zugleich verdienten 3:3 in Hannover, das Hargreaves mit seinem gefühlvollen Tritt in der Nachspielzeit sicherstellte. Sollte man sie bewundern, weil sie trotz des 1:3 zur Pause und ungeachtet der Temperaturen noch einen Punkt retteten auf der staubigen Baustelle AWD-Arena (deren Tribünensitz manch einer nur über eine steile Leiter erreichte)? Eher ja, befand Ballack, "das war unsere erste richtige Prüfung unter extremen Bedingen, die Mannschaft hat sich zusammengerissen und Willen gezeigt". Das indes war nur die halbe Wahrheit. Denn Hannover 96 hatte die Prominenz aus München eine Halbzeit lang durcheinander geschüttelt wie im Cocktailmixer, sie hatten mit ihr gespielt, sie beherrscht und auch ein bisschen gedemütigt. Nicht nur Ballack und sein fehlerhafter Schattenmann Hargreaves verloren sich im furiosen Konterspiel der 96er, das Publikum jedenfalls schrie eine Halbzeit lang vor Begeisterung; sie sprangen immer wieder auf, wenn ihr Heimkehrer Jan Simak die Verteidiger Linke und Kovac mit Übersteigern und Haken zu hilflosen Pirouetten zwang; oder wenn Jiri Stajner, Simaks tschechischer Landsmann und trinkfester Thekenpartner, erneut den Ball zwischen dem Profimagier Zé Roberto und Tobias Rau vorbeigeschoben hatte - und der Grundlinie zustrebte mit seinen raumgreifenden, tapsigen Schritten."

"Athletisch immer mehr am Limit"


Gerd Schneider ("Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung") sorgt sich im Hinblick auf die Häufung der schweren Verletzungen. "Ob dahinter eine Entwicklung zum Vorschein kommt, ist nicht leicht zu beantworten. Bislang gibt es zu diesem Thema nur eine einzige Studie von dieser Größenordnung. Eines ihrer Ergebnisse lautet: Gerade vor und zu Beginn einer Saison ist das Risiko einer Bänderverletzung deutlich höher. Eine der Ursachen dafür sehen die Autoren der Studie im "plötzlichen Anstieg der Trainingsbelastung" - der sich vor allem für die Profis fatal auswirken kann, die im Urlaub dem Nichtstun frönen und wieder bei Null beginnen müssen. Unbestritten ist, daß das ständig steigende Verletzungsrisiko im Fußball etwas mit der Anzahl der Spiele zu tun hat. Manche Profis bringen es auf 80 bis 90 Einsätze im Jahr - eine Zahl, die jenseits der Schmerzgrenze liegt. Doch gerade die Kreuzbandverletzungen sind weniger damit zu erklären als mit dem extremen Einsatz und Tempo, die den modernen Fußball prägen. "Für die Kräfte, die da auf das Kniegelenk einwirken, ist das Kreuzband einfach zu schwach gebaut", sagt Professor Hertel. Da sich auch Fußballer athletisch immer mehr am Limit bewegen, muß man künftig eher mit einer Zunahme schwerer Verletzungen rechnen. Außerdem erhöht indirekt auch die Rezession in der Branche das Verletzungsrisiko. Die meisten Klubs können sich eine breite Personaldecke nicht mehr leisten, es hat sich ausrotiert: Gerade die Leistungsträger kommen deshalb nicht mehr zum Verschnaufen. Weil zudem die Gehälter immer leistungsbezogener werden, ist der Einsatz oft grenzenlos."