Fußball-Pressespiegel: "Klappe halten, Bayern!" - DER SPIEGEL
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Fußball-Pressespiegel "Klappe halten, Bayern!"

Der Fußball-Pressespiegel von "indirekter-freistoss". Heute: Der Champions-League-Auftritt des FC Bayern München in Mailand, Ballacks bemerkenswerte Karriere und die beharrliche Arbeit bei Borussia Dortmund.
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"Getroffen von der Ungerechtigkeit dieser Welt" fühlen sich, Beobachtungen der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) zufolge, die Münchner Bayern nach einer erneuten Niederlage in der von ihnen heiß geliebten Champions League. Zwar waren die Verantwortlichen beim 1:2 in Mailand mit der gezeigten Leistung zufrieden, haderten jedoch mit Schicksal und Schiedsrichter. "Pech liegt als Argument im Trend, wenn die Bayern in Europa vorspielen und ihr Versagen erklären sollen", lesen wir dazu in der SZ, während die "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) die Reaktionen von Hoeneß & Co. als "rat-, hilf- und leidenschaftslos" bezeichnet: "Die Münchner machen es sich zu leicht, wenn sie bei ihrer Ursachenforschung an den Punkten Glück und Pech aufhören."

In der Tat werden die Töne von der Säbener Straße nicht unbedingt kleinlauter. Dass die Chance auf das Erreichen der nächsten Runde dem Bundesligatabellenführer trotz der knappen Punktausbeute (ein Punkt aus vier Spielen) noch erhalten bleibt, nahm man dort nämlich zum Anlass, "sich Mut im Akkord zuzusprechen" "Frankfurter Rundschau" (FR). Doch "Anspruch und Wirklichkeit passen nicht mehr zueinander" (FR). "Ach, könnten sie doch nur die Klappe halten, diese Bayern!", reagiert die "taz" genervt auf weitere Ankündigungen großer Taten.

Dahingegen hat sich der AC Milan durch den vierten Sieg in Folge vorzeitig qualifiziert - nicht zuletzt dank Torjäger Filippo Inzaghi, über den die "Neue Züricher Zeitung" (NZZ) schreibt: "gefährlich, wie eine Viper, die den Kopf hebt". Auch Bayer Leverkusen steht nach dem 2:1-Sieg über den israelischen Meister aus Haifa mit einem Bein in der zweiten Runde. Allerdings sei die Darbietung "ärmlich" (FR) gewesen, was einer "Versündigung am schönen Fußball" (SZ) gleichkommt. "Mit Zweitliganiveau auf Champions-League-Kurs" resümiert die FAZ den Auftritt derjenigen Mannschaft, die letzte Saison mit Offensivfußball ohne doppelten Boden ins Finale der europäischen Königsklasse gestürmt war.

"Letztes Jahr haben wir die größte Scheiße gespielt"


Über die Reaktionen der Bayern nach dem Spiel lesen wir von Andreas Burkert (SZ). "Überhaupt haben die Bayern nach der unglücklichen Niederlage in der Oper des europäischen Fußballs sehr viel über die Geschwister Glück und Pech gesprochen (...) Glück und Pech, so einfach kann man ein Fußballspiel erklären, von dem ein Wunder erwartet wurde, eine Wende, eine große Leistung. Wie der FC Bayern in der Vergangenheit vom Schicksal verwöhnt worden ist, daran kann sich Oliver Kahn noch gut erinnern: 'Wir haben letztes Jahr teilweise die größte Scheiße gespielt und 1:0 gewonnen.' (...) Doch wer Bekenntnisse zu offenkundigen spielerischen Mängeln vernehmen wollte, zur mangelhaften Grundordnung, in der allein Kuffour, Jeremies und der Torschütze Tarnat nicht gänzlich verloren gingen - den erreichten nur diese leeren Sätze von Glück und Pech."

Matti Lieske ("taz") meint zum selben Thema. "Natürlich glauben die Herren vom Bundesliga-Tabellenführer, dass sie selbstverständlich die restlichen beiden Partien gegen Deportivo und Lens gewinnen, so wie sie nach der Hinspiel-Niederlage gegen Milan überzeugt waren, die restlichen drei Partien zu gewinnen. Die Frage, wieso ein Team, das in vier Spielen einen Punkt geholt hat, plötzlich derart auftrumpfen sollte, konnte jedoch selbst Uli Hoeneß nicht schlüssig beantworten. Ansonsten war man bemüht, das Mailänder Spiel in rosigste Farben zu hüllen - eine müde Partie gegen einen kaum motivierten Gegner, dem ein Punkt vollkommen gereicht hätte (...) Oliver Kahn verstieg sich sogar zu der Theorie, dass sein Team so schönen Fußball biete wie niemals zuvor, deshalb die Defensive vernachlässige und ungerechterweise mit Niederlagen bestraft werde. 'Leider zählt ja nur das Ergebnis', klagte der Torhüter, ein Satz, von dem man auch nie erwartet hätte, ihn einmal aus dem Munde eines Bayern-Spielers zu hören."

Die Last der eigenen Sinnkrise


Roman Herrmann (FR) berichtet vom abendlichen Bankett. "Die 'Sterne des Südens' standen unter Erklärungsnot und glänzten matt unter Kronleuchtern. Die meisten verschwanden auf ihren Zimmern und hinterließen einen Berg aus Floskeln und Formulierungen. Manager Uli Hoeneß ist anders. Ein offenes Buch. Seelische Schieflagen trägt er nicht auf der Zunge und dennoch liefern die anschwellende Halsschlagader und die zu schmalen Streifen zusammengepresste Lippen ein authentisches Spiegelbild der Ratlosigkeit und Enttäuschung. Den Sätzen der Marke Vorwärtsverteidigung fehlte das tragende Fundament, weil Anspruch und Wirklichkeit nicht zueinander passen. Für Hannover werde es schon reichen, spöttelte Hoeneß im Hinblick auf das nächste Bundesligaspiel. Als schließlich der in Kaiserslautern entlassene Andreas Brehme und der einst in Dortmund gescheiterte Nevio Scala den Kreis der matten Feier bereicherten, wirkte das nicht gerade wie der Einzug der Glücksboten (...) Das drohende Aus in der ersten Runde aber könnte nicht nur ein paar Millionen Euro kosten, es hinterlässt schmerzhafte Wunden im Selbstbild des mit Hochkarätern aus der Liga auf Erfolg getrimmten Branchenführers, dem nun die eigene Sinnkrise zu schaffen macht."

Joachim Mölter (FAZ) rät. "Vielleicht sollten sie sich beim FC Bayern auch ein paar Gedanken machen über ihre Einkaufspolitik, ihre Erwartungen, die natürlich genährt werden von den vielen Erfolgen der Vergangenheit. Der 'beste Bayern-Kader aller Zeiten', wie ihn Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge vor Saisonbeginn bezeichnet hat, ergibt nicht automatisch die beste Mannschaft, und schon gar nicht auf die Schnelle (...) In der zentralen Position, da, wo früher Leute wie Breitner oder Effenberg die Kommandos gaben, fehlt nun ein 'Lautsprecher'. Ballack hat zweifellos genügend sportliche Fähigkeiten, mit denen er sich die nötige Autorität erspielen könnte, aber er ist weder Antreiber noch Spielmacher, noch einer, der seine Mitspieler auch mal anschreit. Dazu ist er zu lieb, zu brav, zu höflich, immer sehr bemüht, aber letztlich nicht aggressiv genug. Ballack ist ein Weichspieler und damit ein Ebenbild des diesjährigen FC Bayern. In der Bundesliga reicht das spielerische Talent, das die Mannschaft zweifellos hat, zur Spitzenposition, in der Champions League aber sind auch andere Qualitäten gefragt."

"Natürliche Leidenschaftslosigkeit"


Philipp Selldorf (SZ) erzählt eine sehr lesenswerte "deutsche Karriere". "Das Rätsel um Michael Ballack liegt darin, dass er, nach seinen 1001 schweren Niederlagen auf dem Fußballplatz, von Tragik umwölkt sein müsste - und es ganz und gar nicht ist. Dass ihn nichts aufhält, umwirft und aus der Bahn bringt. Dass er offenbar nicht versinkt in Grübelei oder Traurigkeit, Zorn oder Depression. Und dass man ihm das nicht einmal übel nimmt (...) Da paart sich eine natürliche Leidenschaftslosigkeit mit einem philosophischen Talent. Ein Stoizismus, der keinem Traktat folgt, sondern eine angeborene Lebenshilfe ist. Bayern-Torwart Oliver Kahn nennt seinen neuen Mitspieler "einen Winner-Typ". Keine Bezeichnung verdient mehr Widerspruch. Superstar Ballack, das Idol der Kinder und Jugendlichen, das Idol der Mädchen, Damen, Großmütter und Schwulen, die strahlende Leitfigur für das Unternehmen Weltmeisterschaft 2006, ist ein Verlierer, ist ein Verlierer, ist ein Verlierer. Ballack hat mit 26 Jahren mehr Bedrohungen und Prüfungen überstanden als in elf komplette Fußballkarrieren passen."

Joachim Mölter (FAZ, 23.10.) erläutert die Bedeutung eines eventuellen Ausscheidens der Münchner. "Der FC Bayern München kämpft - um Geld und Prestige und Einfluß. Von zwanzig Millionen Euro ist die Rede, die dem FC Bayern dann entgingen, und auf soviel Geld verzichtet nicht einmal der reichste Klub Deutschlands. Der hat zwar vor dieser Saison hochdotierte Verträge abgeschlossen, aber die 90 Millionen Euro von der Allianz und die 75 Millionen von Adidas sind schon für das neue Stadion verplant; das Festgeldkonto haben sie geplündert, um Michael Ballack, Zé Roberto und Sebastian Deisler für insgesamt 25 Millionen zu engagieren. Dazu sind die Fernseheinnahmen gesunken. Nur bei den traditionellen Sponsoren haben die Münchner noch mal zugelegt, aber dadurch hat auch die Abhängigkeit des Klubs von den Geldgebern zugenommen (...) Internationale Erfolge haben die Münchner derzeit nicht als Gegenleistung zu bieten, und die groß angekündigte Übertragung von Bayern-Spielen auf Handys scheitert derzeit daran, daß Telekom keine Rechte an bewegten Bundesligabildern besitzt. Es drohen Abstriche im leistungsbezogenen Vertrag."

"Wir müssen uns alles hart erarbeiten"


Zum Entwicklungsstand der Dortmunder Mannschaft heißt es bei Martin Hägele (Tsp). "Wie es nun mit der Borussia weitergeht, das lässt sich allenfalls grob skizzieren. 'Noch müssen wir uns für nichts rechtfertigen', sagt etwa Lars Ricken, die Mannschaft habe in dieser Saison schon mehrfach bewiesen, dass sie mit Druck umgehen kann. Offensichtlich sieht auch Sammer die Entwicklung beim Deutschen Meister ähnlich, auf dem Weg zu internationaler Reife, Robustheit und Souveränität hat der Trainer Rückschläge einkalkuliert. Er kennt seine Leute, er kennt den Charakter dieser Mannschaft, weshalb er auch gegen die Pfiffe des Publikums ein beeindruckendes Plädoyer für sein Kader gehalten hat - mit dem Kernsatz: 'Wir müssen uns alles hart erarbeiten, einfach geht es nicht.' Sie würden damit ihre eigene Erfolgsgeschichte fortschreiben: Am Ende der vorigen Saison ist auch nicht das beste oder kreativste Team Deutscher Meister geworden. Die beharrlichsten Arbeiter wurden es."