Fußball-Pressespiegel "Konfuse Jäger aus Dortmund"
Martin Hägele kommentiert in der "Neuen Zürcher Zeitung" den Titelkampf: "Die Bremer schlüpfen in die Rolle des ersten Bayern-Gegners, weil Bayer Leverkusen überraschenderweise den "jungen Wilden" vom VfB Stuttgart die Grenzen aufzeigte und dem stolzen schwäbischen Aufsteiger-Team die erste Heimniederlage beibrachte. Denn Magaths Leute hatten den Rekordmeister am Samstag in München spielerisch arg in die Bredouille gebracht - das Ergebnis (1:0) sprach der Partie und dem gesamten Saisonverlauf Hohn.
Trotzdem löste der glückhafte Ausgang scheinbar jene Blockade, die das Meisterteam von Coach Hitzfeld während der ersten Meisterschaftshälfte heimgesucht hatte. Der 6:0-Erfolg (in Freiburg) zeigte auf, wozu die Männer um Keeper Kahn und Goalgetter Makaay fähig sind, wenn sich alle Stars aufs gemeinsame Ziel konzentrieren. Nach der sportlich lausigsten Vorrunde, seit Hitzfeld das Sagen hat, reichte der Kantersieg, um all die bösen Kritiken der vergangenen Monate zu widerlegen und die gewohnten Kräfteverhältnisse im Land wieder herzustellen. Wer Meister werden will, muss sich in erster Linie am Beckenbauer-Klub orientieren und sollte gleichermassen Bayer Leverkusen auf Distanz halten. Innert eines halben Jahres hat Coach Augenthaler ein Team geformt, das das Trauma der Vorsaison völlig überwunden hat."
Hertha im Reich der Finsternis
Zufrieden fasst Philipp Selldorf in der "Süddeutschen Zeitung" die Hinrunde zusammen: "Niemals wurden so viele Zuschauer in den 18 Stadien gezählt wie in dieser Hinrunde, und die Sportschau verzeichnet so gute Quoten, dass die ARD sogar Geld mit ihrer teuren Sendung verdient. Daran lässt sich unter anderem erkennen, dass es den Leuten relativ egal ist, ob die Bundesliga hinter der Primera Division, Serie A und Premier League qualitativ zurückgefallen ist (was ohnehin jedes Jahr aufs Neue zu beweisen ist). Und dass es außerdem eine ziemlich gute Hinrunde war, die in allen Tabellenregionen die Spannung für die zweite Serie offenlässt und dabei eine von den Anhängern goutierte solide Ordnung aufweist. Es gibt ein Reich der Finsternis, wo sich ein selbstherrlicher Riese verloren hat (Hertha), und vorneweg eine Spitzengruppe, die tollen Fußball spielt (den FC Bayern selbstredend ausgenommen). Bis zu den Salomonen mag es sich noch nicht rumgesprochen haben. Aber es war ein gutes Halbjahr in der Bundesliga."
Axel Kintzinger von der "Financial Times Deutschland" sieht das anders: "Was bekommen die Leute, die mittlerweile Opernpreise für ihre Tickets bezahlen, zu sehen? Magerkost. Auf den Rängen ist mehr los als auf dem Rasen. Dort tummeln sich untalentierte Mittelfeldakteure, stümpernde Stürmer, rumpelfüßige Abwehrrecken. Manchmal gibt es schöne Spielzüge und herrliche Tore. Meistens aber gibt es Murks. Wer's nicht glaubt, der gehe in ein Stadion oder besorge sich ein Premiere-Abo. Die Krise ist nicht nur ein ästhetisches Problem. International spielt der deutsche Fußball nur noch eine untergeordnete Rolle: Im Uefa-Cup flogen alle Vertreter der Bundesliga längst raus - sie scheiterten an Klubs mit unaussprechlichen Namen und schwer zu recherchierender Herkunft.
Einzig Stuttgart setzte Glanzlichter. Magaths junge Wilde scheinen ihr Pulver aber bereits verschossen zu haben, ihr Trend zeigt nach unten. Ach ja, und die Nationalelf ist mittlerweile aus der Top-Ten-Wertung der Fifa rausgerutscht. Kein Wunder, dass außerhalb Deutschlands kaum einer etwas von der Bundesliga sehen will. Nicht Europas Fußballfans, sondern die Rechtehändler gucken in die Röhre. Kick it like Ballack, das ist unverkäufliche Ware."
Torwart-Titanle Hildebrand
"Erfolg kostet auch in Stuttgart Geld", deutet Tobias Schächter in der "tageszeitung" den Stuttgarter Abschwung: "Eine Ahnung davon, wie sich der tiefe Fall von umjubelten Helden zu verspotteten Deppen anfühlt, haben die Himmelstürmer vom VfB Stuttgart auch erhalten. Dreimal musste das Torwart-Titanle Timo Hildebrand bei der ersten Heimniederlage das Runde aus seinem Netz fischen. Zuvor waren es nur rekordverdächtige vier Tore, die er in 16 Spielen kassiert hatte. Vielleicht ist es psychologisch gar nicht schlecht für die Euphorisierten, mit einem Dämpfer im Kopf die Beine hochzulegen. Der gibt ihnen die Erkenntnis, dass nichts von alleine geht und Erfolg immer wieder neu erarbeitet und erspielt werden muss. Dafür wird auch Felix Magath sorgen. Der Blick des Baumeisters des Stuttgarter Erfolges geht schon lange in die Zukunft. Schon vor Wochen forderte er Verstärkungen für seinen Kader, in dieser Woche gab der Verein seine Zustimmung, schon zu Rückrundenbeginn soll investiert werden. Der Erfolg kommt die Schwaben teuer zu stehen."
Stefan Hermanns resümiert im "Tagesspiegel" die Berliner Hinrunde: "Geschichte ist im Grunde nichts anderes als rückwärtsgewandte Prophetie. Und was damit gemeint ist, erfährt man im Stadionheft zu Herthas erstem Heimspiel dieser Saison. Da geht es um die Ziele für das kommende Jahr. Von europäischem Fußball ist die Rede, von der Champions League, gar von der Meisterschaft. Die optimistischen Aussagen stammen nicht von Herthas Spielern, nicht von der Vereinsführung und auch nicht von den Fans. Die Zuversicht wird von den Vertretern der Berliner Medien verbreitet. Keiner der befragten Journalisten hat Hertha ein schlechteres Abschneiden als Platz vier zugetraut. Im Sommer war mal wieder viel Euphorie in der großen Stadt. Die Champions League musste einfach das natürliche Ziel für diese Hertha sein. Heute weiß man, dass die Argumentation auf zwei falschen Annahmen basierte: darauf, dass 1. die letztjährige Mannschaft gut war und dass 2. die drei Neuen - Bobic, Kovac und Wichniarek - den Kader noch verstärken."
BVB mit Lupe und Fernglas
Hans-Joachim Leyenberg von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" stellt fest, dass Dortmund eine unberechenbare Größe bleiben wird: "Als Stimmungsmacher hatte sich in alter Tradition der Kinderchor "Sonnenkinder" in Höhe der Mittellinie aufgestellt, schmetterte vor dem Anpfiff den Weihnachts-Gassenhauer "Oh, du fröhliche". Darin fehlt es nicht an Begriffen wie "Freude" und "Gnade". Freude bei den 70 000 kam später nur kurzfristig auf, als Jan Koller das 1:0 glückte. Das Gros kannte später allerdings keine Gnade mit seinen Lieblingen. In der ersten Halbzeit hätten die Pfälzer in Führung gehen müssen, weil sie viel geordneter als die konfusen Westfalen spielten. Sie taten das so selbstbewußt, als legten sie statt der Borussia es darauf an, Jagd auf die Spitzenmannschaften der Liga zu machen. Von Zeit zu Zeit erinnerten die Lauterer an Hoffmanns "Geschichte vom wilden Jäger" im "Struwwelpeter". Darin schnappt sich der Hase das Schießgewehr vom müden Jäger und setzt sich auch noch dessen Brille auf. Ja, was denn nun?
Gilt bei der Borussia das geschriebene oder das gesprochene Wort? In der Stadionzeitschrift "Borussia aktuell" hält Manager Michael Meier unbeirrt an der Zielsetzung Champions League fest. "Es stehen vier Mannschaften vor uns, die wir allesamt angreifen. Wer auch immer aus diesem Quartett ausscheiden sollte, ist sekundär." Offenbar hat Meier den VfL Bochum nicht auf der Rechnung, denn in der Tabelle rangieren nach wie vor fünf Teams vor Dortmund. Momentan sind es zehn Punkte bis zum Tabellendritten. "Zwar sehen wir die vor uns plazierten Mannschaften nur mit dem Fernglas", schreibt der Heger und Jäger Meier, "aber dieses Fernglas gehört ja auch zu den Utensilien eines Jägers." Trainer Matthias Sammer greift lieber zur Lupe, um alle Unbill zu erkennen und aufzulisten, die da über seine Borussia hereingebrochen ist. Nur zog das Hauptargument von den 14 Ausfällen im aktuellen Fall schon deshalb nicht, weil Abstiegskandidat Kaiserslautern deren 13 zu verkraften hat."