Fußball-Pressespiegel "Mit kühler Schönheit und äußerster Effektivität"
Die wichtigste Erkenntnis des Bundesliga-Wochenendes - für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" eine Vorlage zum Kalauer: "Der Huub-Raum hat sich gegen null verdichtet." Mit der Entlassung von Trainer Huub Stevens rechnet nicht nur Fußball-Berlin stündlich - und nicht erst seit der 1:4-Niederlage gegen Bayer Leverkusen. Mitleid wird es nicht geben, die wenigen Freunde, die Stevens in Berlin hatte, hat er verloren. Die "Süddeutsche Zeitung" hat die Szenerie genau beobachtet: "Huub Stevens verließ seinen Platz als Trainer von Hertha BSC Berlin noch früher, als es in all den genüsslich geführten Debatten der Stadt prognostiziert worden war. Es war 16.42 Uhr, als er von Schiedsrichter Markus Merk der Bank verwiesen und hinauf auf den Rohbau einer Tribünentreppe geschickt wurde. Dort war Stevens von nun an allein."
Anders ist die Lage beim Gewinner, der mit den Berlinern mitfühlen kann. Bayer Leverkusen startete in die Vorsaison auch mit großen Zielen - und fiel auch ans Tabellenende. Jetzt ist Bayer Tabellenführer; aus dem abschreckenden Beispiel ist ein Vorbild geworden. Die SZ gratuliert grinsend: "einem großen Jahr steht nichts mehr im Weg. Und in Leverkusen bedeutet das bekanntlich immer: Bayer wird Vizemeister." Günstiger sind die Voraussagen nur für den VfB Stuttgart, 3:1-Sieger beim Tabellenersten Werder Bremen: "ein Team, souverän wie ein Meister", staunt die "Financial Times Deutschland", "kühl und effektiv wie der FC Bayern an seinen meisterhaften Tagen", applaudiert die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".
"Schlingerkurs in Sachen Mannschaftsführung"
Frank Hellmann erläutert in der "Frankfurter Rundschau" die Fehler des Berliner Trainers: "Stevens ist als Trainer nicht mehr zu halten - selbst sein wichtigster Verbündeter Dieter Hoeneß hat den Daumen gesenkt. Zu groß nicht nur der öffentliche Druck, zu riesig vor allem die irrationale Abneigung weiter Teile von Herthas Anhängerschaft, die sich von Anfang an mit dem Holländer und Ex-Schalker nicht arrangieren wollte und konnte. Das ist langfristig vernichtender als die Momentaufnahme, siegloser Tabellenletzter zu sein. Der Trainer Stevens ist detailversessen, streb- und arbeitsam, ein exzellenter Profi. Einer, der auf dem Trainingsplatz Fußball lebt, der ehrlich und geradlinig den Spielern entgegen tritt, der sich nur mit den medialen Erfordernissen an einen Fußball-Lehrer ungern anfreundet. Und doch hat er sich in den vergangenen Wochen auch in Fachfragen angreifbar gemacht: mit personellen Wechselspielen, taktischen Experimenten, einem Schlingerkurs in Sachen Mannschaftsführung, der in der Sackgasse endete. Die Schelte auf dem Trainingsplatz vor laufenden Kameras war der letzte Versuch, öffentlichkeitswirksam zu beheben, was nicht mehr zu retten war. Eine überteuerte und überschätzte Mannschaft zu einen, ihr Zutrauen in nicht vorhandene Fähigkeiten einzureden, ihr ein klares Profil und einen eigenen Stil zu geben: Das hat der Trainer versäumt."
Stefan Hermanns porträtiert im "Tagesspiegel" Stevens: "Wie bei allen öffentlichen Personen gibt es auch bei Stevens zwei Figuren: eine private und eine öffentliche. Und es scheint so, dass sich der öffentliche Stevens und der private Huub vollkommen widersprechen. Im menschlichen Umgang ist Stevens nett und charmant, witzig, und vor allem gibt er sich interessiert. Den Frauen seiner Spieler gratuliert er zum Geburtstag, die Termine hat er in seinem Laptop gespeichert. Wenn ein Trainerkollege entlassen wird, ist Stevens einer der Ersten, der ihn anruft. An Armin Veh, der vor zwei Wochen bei Hansa Rostock zurückgetreten ist, hat er sogar einen Brief geschrieben. Diesen freundlichen Huub aber bekommt das Volk nur selten zu sehen. Das Bild von ihm ist vor allem geprägt von den Auftritten bei öffentlichen Terminen, von den Interviews, die er dem Fernsehen gleich nach einem Spiel geben muss. Dann faltet sich seine Stirn, die Pupillen rücken zusammen. Weil er hinter jeder Frage einen Angriff wähnt, nimmt Stevens' Körper automatisch eine Abwehrhaltung ein. Er sagt selbst: 'Da habe ich Probleme, locker zu bleiben.' Wenn er aber locker sein will, wirkt er oft gekünstelt. Sein Lachen ist dreckig, laut, unnatürlich. In einer Hotellobby soll er einmal so losgepoltert haben, dass sich ein anderer Gast bei der Direktion beschwerte."
Uncharmante Tipps von den Rängen
Christian Ewers (FAZ) zweifelt, ob Hertha zu trösten ist: "Dem Leverkusener Manager Reiner Calmund war nicht nach einer Jubelrede. Er sprach mit gedämpfter Stimme, seine Hände hatte er in den Taschen seines Trenchcoats vergraben. 'Daß du unten drin stehst, zeigt doch nur, daß es im Kopf nicht stimmt', sagte Calmund. 'Anders ist das nicht zu erklären.' Er machte eine kurze Pause, um dann im tiefen Brustton fortzufahren: 'Wichtig ist jetzt, daß im engsten Umfeld, also in der Mannschaft und in der Vereinsführung, eine gewisse Ruhe herrscht. Man muß die Störfeuer draußen halten.' Calmund hatte sein Thema schnell gefunden. Über das eigene Team zu sprechen war ihm zu langweilig, stattdessen machte er sich an eine Generalanalyse der Krise von Hertha BSC. Einkaufspolitik, Mediensituation, Publikumserwartungen - Calmund ließ keinen Aspekt aus. Für die Hertha-Spieler, die hinter Calmunds breitem Rücken in die Umkleidekabine schlichen, muß der wohlmeinende Vortrag wie eine Demütigung geklungen haben. Ausgerechnet vom Gegner Trost und Ratschläge zu bekommen, nicht mehr als sportlicher Widerpart, sondern nur noch als Opfer wahrgenommen zu werden - das ist bitter. Nicht nur Calmund war die Hilfsbedürftigkeit der Berliner Mannschaft aufgefallen. Das Publikum formulierte seine Tips jedoch wesentlich uncharmanter. 'Stevens raus!' brüllte die Fankurve, als das Spiel noch gar nicht begonnen hatte (...) 'So wie Hertha sich fühlt, haben wir uns die ganze letzte Saison gefühlt. Man muß die Augen zumachen, dann geht es auch wieder aufwärts' (Calmund). Daß Bayer nicht nur die Augen geschlossen, sondern auch zwei Trainer entlassen hatte im Kampf um den Klassenverbleib, verschwieg er allerdings in seiner Predigt."
"Wir spielen besser"
Jörg Marwedel (SZ) prüft den - derzeit beliebten - Vergleich zwischen dem VfB Stuttgart und dem FC Bayern: "Jetzt hat er begonnen, der Modeherbst, und mit ihm die Zeit der Schals; Felix Magath hatte zum Auftakt einen weinroten gewählt und ihn sich nach dem Spiel über den dunklen Anzug geworfen. Das sah ähnlich gediegen aus wie gewöhnlich die Garderobe von Ottmar Hitzfeld und doch einen Schuss verwegener, frischer, weniger konservativ als die Accessoires des Bayern-Trainers. Warum dieser Ausflug in die Modewelt? Ganz einfach - weil die Auswahl des mutigen Ästheten und Fußballlehrers Magath ihre Entsprechung auch auf dem Rasen des Bremer Weserstadions fand. Mit kühler Schönheit und äußerster Effektivität setzten die Stuttgarter im Spitzenspiel beim bisherigen Tabellenführer SV Werder die entscheidenden Treffer. Dazu gaben sie einmal mehr jene Prise Spielfreude, die einem Team mit den Ansprüchen des Rekordmeisters bei der alltäglichen Pflichterfüllung zuweilen abgeht. Der VfB Stuttgart als eine Art 'Bayern light', der seine Spiele gegen einen emsig anrennenden Gegner so ausgebufft nach Hause schaukelt wie die Münchner? 'Wir spielen besser', sagte Magath trocken und meinte: besser als der FC Bayern an einem durchschnittlichen Tag. Stuttgarts mächtigster Mann hat es längst aufgegeben, die Freude über die prächtige Entwicklung seiner 'Jungen Wilden' zu vertuschen."