Fußball-Pressespiegel "Sammers grimmige Freude"
Die Beobachter sind sich einig: Die Fußball-Bundesliga ist am vergangenen Wochenende sehr gut aus ihrem Winterschlaf erwacht. "Flotter Eröffnungsball" titelt die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS) angetan über den ersten Rückrunden-Spieltag. Weiter heißt es dort: "Eine lange Ruhepause birgt üblicherweise die Gefahr, bei Wiederaufnahme der Arbeit nur recht mühsam in Schwung zu kommen. Aber: Von Trägheitsmomenten nach fast sechswöchiger Unterbrechung in der Bundesliga kaum eine Spur." 31 Tore zeugen in der Tat von Offensivgeist.
Einige Trends des Vorjahres scheinen sich zu bestätigen. Stuttgart und Bochum sorgen weiterhin für positive Überraschungen, Leverkusen für negative. Ein ernsthafter Konkurrent für die Bayern ist nach der dritten Dortmunder Saisonniederlage in Berlin nicht in Sicht. Und: "Wie soll der 1. FC Kaiserslautern dem Abstieg noch entgehen?", fragt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) besorgt angesichts der erneuten Heimpleite der im Vorfeld tatendurstig, auf dem grünen Rechteck jedoch überfordert wirkenden "Roten Teufel".
Gespannt war die Öffentlichkeit - wenn auch in erster Linie die japanische - auf das Debüt des Neu-Hamburgers Takahara in der Hannoveraner AWD-Arena. Jedoch konnte Japans Fußballer des Jahres beim glückhaften 2:2-Remis des HSV vor zahlreichen akkreditierten fernöstlichen Journalisten noch keine Akzente setzen. "Bleibt die Frage", bemerkt die "Tageszeitung" (taz), "was die dokumentierenden Heerscharen eigentlich tagein, tagaus so alles berichten sollen. Zum Beispiel von den ersten 18 Minuten der Partie in Hannover, in denen Takahara nicht einmal den Ball berühren durfte. Ob sie den traumhaften Himmel über Deutschlands unwirtlichstem Stadion beobachtet haben?"
Ach ja, noch ein Hinweis für alle "ran"-Zuschauer vom vergangenen Samstag: Das Schicksal des Reporters beim Spiel Bochum gegen Nürnberg, dessen rhythmische Reime ("Oliseh - oh wie schee!") ab der zweiten Halbzeit plötzlich und unvermittelt nicht mehr zu hören war, soll an dieser Stelle geklärt werden: Ich habe ihn an Ketten in ein dunkles Verlies gesperrt, wo er bei Wasser und Brot verharrt.
Michael Horeni (FAZ) blickt in den Tabellenkeller. "Im weiten Land hinter Bayern und Dortmund haben die besonders notleidenden Klubs in der Winterpause alles versäumt, um die Zuschauer mit Reformen auf eine Wende einzustimmen. In den Krisenregionen der Liga läuft auch nach dem ersten Tag des Fußballjahres 2003 alles so weiter wie zuvor. Der 1. FC Kaiserslautern kommt trotz vieler Worte und Beschwörungen nicht aus der Krise. Aufsteiger Hannover 96 hat es auch gegen den Hamburger SV trotz zahlreicher schlechter Erfahrungen in der Hinrunde noch immer nicht gelernt, einen 2:0-Vorsprung erfolgreich zu verteidigen - obwohl doch jeder weiß, daß solche Verluste am Saisonende fast immer mit der Rückversetzung in die zweite Klasse bestraft werden. Hansa Rostock verliert nun trotz Trainer Armin Vehs autoritärer Welle schon das fünfte Heimspiel im Ostseestadion und befindet sich - alle Jahre wieder - abermals im Abstiegskampf. Aber auch die Erfolgsmodelle des Vorjahres verstanden es beim Neustart, sich weiter von der Konkurrenz abzuheben. Der VfB Stuttgart stürmt beim 2:1 auf dem Betzenberg weiter unter routinierter Führung Balakows jugendlich nach oben, und Nationalmannschafts-Rückkehrer Bobic trifft unverdrossen für Hannover. Und selbst die Bielefelder Leisetreter sind nach dem überraschenden 2:2 in Bremen seit fünf Spielen unbesiegt."
Der Unterschied zwischen Stuttgart und Lautern
Martin Hägele beschreibt in der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) die Stimmung auf dem Betzenberg. "Vor dem Spiel war die Fahne. In der Form eines Trikots. Mit der klaren Botschaft: "FCK-Fans - Wir sind der 12. Mann vom Betze". Als die Partie gegen den VfB Stuttgart in die letzten Minuten ging, kamen höhnische Chöre aus der Ostkurve des Fritz-Walter-Stadions: "Wo ischd euer zwölfter Mann?" Die Fans aus dem Schwabenland hatten leicht jubeln, ihre Elf hatte den berüchtigten Berg schon längst gestürmt. Der Spielstand 1:2 sagte nichts darüber aus, wie sicher das Ensemble von Felix Magath seine Gegner im Griff und längst demoralisiert hatte. Früher hätte der Klub seinen Anhängern kein Banner schenken müssen. Der wahre FCK-Fan brachte seine Fahne selbst mit auf den Betze, bevor sich in einer Kabine dieses Fußball-Tempels elf Männer in Rote Teufel verwandelten, um danach mit Zehntausenden Gesinnungsgenossen Hölle zu spielen (...) In allen Belangen wird der Unterschied zwischen den beiden Klubs aus Südwest immer größer. Beim VfB erkennt man System und die Handschrift des Trainers. Und selbst wenn eine Handvoll Stammspieler ausfallen, ruft Magath nicht irgendeinen international agierenden Profiagenten an, sondern besorgt in der eigenen Amateur-Abteilung Ersatz. Diesmal für den brasilianischen Abwehrchef Bordon. Und der Student Steffen Dangelmayer hat sein Bundesligaexamen summa cum laude bestanden, obwohl seine Aufgabe Miroslav Klose hieß."
Hans-Joachim Leyenberg (FAZ) beschreibt ein japanisches Debüt. "Der eine oder andere Fußballreporter aus Japan wird sich gefragt haben, warum ihr Naohiro Takahara nicht nach Hannover gewechselt ist. Weil das Team von 96 beim 2:2 gegen den Hamburger SV den viel attraktiveren Fußball bot. Bis zum Anpfiff hielten die Herrschaften aus dem Land der aufgehenden Sonne den HSV für die bestmögliche Bundesligaadresse für ihren Nationalspieler. Schließlich hatten die Hanseaten die letzten sieben Spiele vor der Winterpause ohne Niederlage überstanden. Und diese vermeintlichen Überflieger gastierten bei einer Elf, die sich schon reichlich lange vergeblich an einem Erfolgserlebnis versucht. Das alles deutete auf eine Einladung zum Torschuß für den neuen Stürmer hin. Nichts da (...) Drinbleiben will Rangnick, "Dranbleiben, Sigmar!" signalisierte eine Gruppe von Sympathisanten des amtierenden niedersächsischen Ministerpräsidenten Gabriel im Stadion, mit dem man per du ist. So kam es, daß der lokale Wahlkampf live sogar bis nach Japan getragen wurde. Die Japaner ließen sich darüber aufklären, daß kein Fußballer, sondern ein Politiker gemeint war. Das war dann eine weitere Überraschung für die Fans aus dem Fernen Osten."
Wolf als lahme Ente
Über die Ambitionen der Wolfsburger lesen wir von Klaus Hoeltzenbein (SZ). "Das Mittelfeld ist kein sehr geziemender Ort für einen Klub mit Großkonzern im Kreuz (Bayer stand ja Modell mit Leverkusen), auch wenn derzeit eine Tabellenlage zwischen den notorisch Notleidenden aus Bielefeld und Nürnberg die Realität darstellt. Dieser zu entfliehen, bleibt zunächst der Auftrag von Wolf, der Zuversicht im Worte trägt: "Mich kann nichts erschüttern, ich bin auf alles vorbereitet." Ähnlich euphorisch ging vor exakt einem Jahr auch Jürgen Röber den Auftrag an, die Hauptstadt-Hertha bis zum fest verabredeten Erscheinen seines Nachfolgers Huub Stevens über die Zeit zu retten. Der Unterschied zwischen den beiden: Röber wurde durch die Verkündung der schleichenden Trennung das, was in Polit-Kreisen "lahme Ente" heißt: der Macht beraubt, dem Abschied nah; Stevens hingegen war gerufen worden, er durfte als befördert gelten, weshalb Schalke, anstatt zu zerfallen, mit ihm zum Pokalsieg stürmte. Ob ein bisschen Scheidung möglich ist? Wolfsburg wagt die Wiederholung des Experiments, für das nun auch der Nebenbuhler fest steht: Christian Gross, der mit dem FC Basel zeigte, wie kleine Städte sogar in der Champions League auffällig werden können. Womit die Eckdaten für ein erfolgreiches Produkt fast schon so passen wie beim Autokauf. Der Motor (Effenberg) mag stottern, aber er ist da, die Karosserie (Stadion) nagelneu und auch das Image war nie besser. Klimaanlage, Winterreifen, Sitzheizung oder Tempomat aber sind Extras, die werden oft teuer erkauft. Manchmal dauert es Jahre, mancher schafft es nie, dass er das Gefährt seiner Träume zusammen hat."
Matti Lieske (taz) vergleicht. "Manchmal erinnert Matthias Sammer, auch wenn er es vielleicht nicht gern hört, ganz frappierend an Franz Beckenbauer, den Teamchef. Auch jener kochte häufig vor Wut, wenn seine Mannschaft gewonnen hatte, wirkte aber oft geradezu glücklich und zufrieden, wenn sie eine Niederlage kassierte. "Ich fahre mit Magenschmerzen nach Hause", sagte der Trainer von Borussia Dortmund nach dem 1:2 bei Hertha BSC, schaute dabei aber gar nicht aus wie einer, dem sein Verdauungsapparat Pein bereitet. Vielmehr schien er von einer seltsamen Art grimmiger Freude erfüllt. Der ehemalige Spieler Sammer weiß eben genau, dass bei seinen Profis der Schock einer Niederlage in letzter Sekunde mehr fruchtet als hundert Trainerpredigten, in denen mehr Konzentration und Ernsthaftigkeit gefordert wird. Wochenlang hatte der BVB-Coach gegen die ihm verhasste Spaßgesellschaft beim deutschen Meister geeifert, die Genugtuung darüber, Recht behalten zu haben, konnte er nun nicht vollständig verbergen."