Fußball-Pressespiegel: "Wer hat Angst vor Bayern? Keiner!" - DER SPIEGEL
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Fußball-Pressespiegel "Wer hat Angst vor Bayern? Keiner!"

Nur mit viel Glück stolperte der FC Bayern München dem VfB Stuttgart als zweite deutsche Mannschaft ins Achtelfinale der Champions League hinterher. Die Kommentatoren sparten nicht an kritischen und hämischen Bemerkungen.
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Bayern München siegt und leidet. "Ist das wirklich noch der FC Bayern?", fragt die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) nach dem 1:0 der Münchner, dem "Meister der Angst und Atemnot", so die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ), über den RSC Anderlecht. Ist das wirklich noch der FC Bayern, dessen Spieler, Offizielle und Fans nicht nur Angst zeigen, sondern diesen an und für sich anti-bayerischen Gemütszustand sogar kleinmütig zugeben? Die FAZ lässt die Luft aus den einschüchternden Worten des Managers Uli Hoeneß, der den Mund in letzter Zeit wieder mal nicht voll genug bekam: "Wer selbst von der Angst gepackt wird kann niemandem einen Schrecken einjagen." Die "Financial Times Deutschland" (FTD) prophezeit den Bayern schlechte Erfahrungen: "Das Achtelfinale ist für diese Bayern-Elf nicht mehr als die Aussicht, wenigstens gegen einen Großen der Branche Abschied von der europäischen Bühne zu nehmen."

Andreas Burkert (SZ) spürt und hört die Furcht der Sieger: "Ottmar Hitzfeld hat hinterher nicht wirklich verraten, was in jenen 30, 40 Sekunden in ihm vorgegangen ist, als er reglos und alleine vor seiner Trainerbank stand. Hitzfeld war unfähig zu einer deutbaren Reaktion, nachdem Schiedsrichter Nielsen die denkwürdige Partie abgepfiffen hatte - aus Sicht des FC Bayern die zweite erfreuliche Leistung des Dänen nach seiner verblüffenden Elfmeterentscheidung. Auf dem Rasen freute sich niemand über das erlösende Resultat, sie stützten matt ihre Hände auf den Oberschenkeln ab oder sanken kraftlos zu Boden wie Oliver Kahn und Sammy Kuffour. Die beiden drückten sich so fest aneinander, als seien sie die einzigen Überlebenden der Titanic. Was Hitzfeld, 52.000 Menschen im Olympiastadion und neun Millionen Fernsehzuschauer beim knappsten aller Siege über den belgischen Tabellenführer erlebt hatten, wird so rasch nicht aus der Erinnerung zu löschen sein. Panikattacken und Versagensängste hatten ihre Bemühungen geprägt. In den letzten Minuten wirkten diese Bemühungen wie Versuche eines Knäuels putziger F-Jugendlicher, die in Ermangelung kräftiger Oberschenkel den Ball nicht über die Strafraumgrenze hinaus treten können. Aberwitzige Szenen spielten sich ab, und als der Ukrainer Jachtschuk in der Nachspielzeit volley abzog, begleiteten den Ball ein allerletztes Mal angstvolle Schreie des Publikums."

Stefan Hermanns ergänzt im "Tagesspiegel": "Wer hat Angst vorm FC Bayern? Keiner! Keiner! So zweifelnd hat man die Münchner lange nicht erlebt. Die frühere Bestie FC Bayern ist ein zahmes Streicheltierchen geworden, die ewige Kritikasterei "nagt natürlich an uns Spielern", sagt ausgerechnet der eigentlich unnahbare Oliver Kahn. Dass alle gegen sie sind, hat die Münchner in früheren Zeiten erst richtig angestachelt; inzwischen aber soll es bei der Auslosung für das Achtelfinale am liebsten der AS Monaco sein, nicht Real oder Manchester, nicht Juve oder Chelsea, sondern der nominell schwächste aller möglichen Gegner."

Roland Zorn (FAZ) vermisst Leichtigkeit und Eleganz: "Im ersten Fußball-Halbjahr dieser Saison haben sich die Münchner national wie international eher über die Runden gerettet und durchgemogelt, als selbst kraftvoll und unverkennbar Zeichen des Aufbruchs setzen zu können. Oliver Kahn sah in den Sekunden nach dem Abpfiff, als er sich zu Boden plumpsen ließ und, obwohl vom Kollegen Kuffour dankbar umarmt, ganz bei sich sein wollte, alt aus und mitgenommen wie ein Schwerarbeiter, der nach einer Untertageschicht zurück ans Licht kehrt."

Philipp Selldorf (SZ) beschreibt Münchner Selbstbescheidung: "Auf die Frage, ob es Gegner gebe, denen er im Achtelfinale lieber nicht begegnen wolle, wusste Roy Makaay sofort eine Antwort: "Alle", hat der Angreifer gesagt, und damit, halb im Scherz, halb im Ernst, eine für die Bayern ungemein schmerzliche Wahrheit ausgesprochen. Die Münchner, die vor dem Beginn dieser Saison dermaßen von ihrer eigenen Größe überzeugt waren, dass sie sich auf der Höhe Real Madrids wähnten und dies auch bei jeder Gelegenheit fröhlich zum Ausdruck brachten, sind bei der Einsicht in ihr aktuelles Ansehen angelangt: In Europas Eliteliga befindet sich der FC Bayern in der Gesellschaft der besseren Außenseiter, in einer Reihe mit Sparta Prag, Lokomotive Moskau und dem Klassenneuling VfB Stuttgart. Diese für das Münchner Selbstverständnis demütigende Diagnose musste kein Paul Breitner, Udo Lattek oder ein anderer notorischer Kritiker treffen, sie entspringt eigener Anschauung und ist das Resultat eines schmerzhaften Prozesses, der bereits im vergangenen Jahr eingesetzt hat. Jene weitgehend im Zustand der Bestürzung erlebten 90 Minuten gegen den RSC Anderlecht - den Repräsentanten einer europäischen B-Liga - haben die letzten Versuche der Verantwortlichen zunichte gemacht, die Lage zu beschönigen. Es klingt deshalb wie eine Kapitulation und wie die Preisgabe der zentralen Vereinsdoktrin, wenn Uli Hoeneß sich selbst korrigiert und in einem Anfall von Endzeitstimmung erklärt, er nehme die Ansage zurück, dass ganz Europa vor dem FC Bayern Angst haben müsse."

Roland Zorn (FAZ) fügt hinzu: ""Egal, gegen wen wir ausgelost werden, wir sind der Außenseiter." Der so sprach, kickt nicht etwa für Lokomotive Moskau oder Sparta Prag. Es war Thomas Linke, Altnationalspieler des FC Bayern München, der das Erreichen des Achtelfinales mit neuem bajuwarischen Realismus kommentierte. Vorerst vorbei die Zeit, da sich Europa vor dem deutschen Rekordmeister fürchten mußte und allenfalls Real Madrid als Widerpart auf Augenhöhe erkannt und anerkannt wurde? Jedenfalls paßte die zum Jahresende frisch entdeckte eigene Bescheidenheit sehr wohl zum ärmlichen Fußball (...) Die Stuttgarter akzeptieren die Underdog-Rolle als Neuling in der Eliteliga gern. Sie haben als einzige deutsche Mannschaft dieses schwachen Europacup-Jahrgangs die internationale Szene mit frischen und furchtlosen Auftritten belebt. Die Angriffslust der Schwaben wird jetzt erst recht ungebrochen bleiben, da Stürmer Kevin Kuranyi seinen Vertrag verlängert hat. Andererseits haben die Stuttgarter beim Abschluß mit dem Nationalspieler wie schon bei der Vertragsverlängerung mit dem ähnlich umworbenen Andreas Hinkel ihre "finanzielle Schmerzgrenze" zu spüren bekommen - die Last der nun weiter gesteigerten Erwartungen ihrer Fans wird ihnen auch noch zu schaffen machen."