Fußball: Souleymane Sané im Interview - DER SPIEGEL
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Ex-Bundesliga-Star Sané "Spätzle? Wahnsinn! Mein Leibgericht!"

Souleymane Sané war der erste Schwarze, der Rassisten in Bundesliga-Stadien die Stirn bot. Im Interview mit dem Magazin "11FREUNDE" spricht er außerdem über seine Vorliebe für Breakdance und schwäbische Spezialitäten - und erzählt, wie er als 47-Jähriger einen Kreisligisten zum Aufstieg schoss.
Ex-Bundesliga-Profi Sané: Erst mit 47 Jahren war Schluss mit Fußball
Ex-Bundesliga-Profi Sané: Erst mit 47 Jahren war Schluss mit Fußball

Ex-Bundesliga-Profi Sané: Erst mit 47 Jahren war Schluss mit Fußball

Foto: imago
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Frage: Souleymane Sané, gibt es eine Sportart, die Sie nicht beherrschen?

Sané: Ski fahren. Dabei war das immer mein großer Wunsch.

Frage: Sie haben doch ein paar Jahre in der Schweiz und in Österreich gespielt. Sind Sie da nie auf die Piste?

Sané: Doch klar. Als ich 1994 zum FC Tirol Innsbruck gewechselt bin, wollte ich das endlich lernen. Kaum war ich da, hatte ich Skier unter den Füßen - doch dann lag ich die ganze Zeit auf dem Hosenboden.

Frage: Sie haben aber zahlreiche andere Sportarten betrieben. Welche hat Ihnen am besten gefallen?

Sané: In meiner Kindheit habe ich Leichtathletik und Ringen gemacht. Da war ich auch gut, meine Bestzeit über 100 Meter liegt bei 10,7 Sekunden. Später habe ich noch geboxt. Mein Vater wollte sogar, dass ich weitermache, aber ich habe ihm gesagt, dass ich keine Lust habe, ständig auf die Fresse zu kriegen. (lacht)

Frage: Sie haben auch mal Breakdance gemacht.

Sané: Und damit meiner ersten Frau gefallen, richtig. Wir haben uns in einer Discothek kennengelernt. Ich war es damals gewohnt, auf der Tanzfläche zu breaken, das kannte ich aus Paris, wo die Leute im Kreis standen, wenn wir den Raum betraten. Außerdem war gerade "Beat Street" in den Kinos gelaufen - wie alle Jungs in Frankreich war ich im B-Boy-Fieber.

Frage: Ihre Eltern sind mit Ihnen aus Dakar im Senegal nach Toulouse gegangen, als Sie vier Jahre alt waren. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie auch ziemlich gut Fußball spielen können?

Sané: Als ich mein erstes Moped bekommen habe.

Frage: Ihr erstes Moped?

Sané: Bei meinen Jugendclubs, dem FC Blangnac oder dem FC Toulouse, erhielten gute Spieler Geschenke. Manchmal Schuhe oder - wenn du weiter weg gewohnt hast - ein Fahrrad. Wenn die Clubs dich unbedingt halten wollten, haben sie sogar ein Moped springen lassen. Da merkte ich: Hey, vielleicht kann ich ja Fußballer werden.

Frage: Was haben Ihre Eltern gesagt?

Sané: Die waren alles andere als erfreut, denn fast alle in meiner Familie haben irgendwas mit Politik zu tun. Mein Vater war zum Beispiel Mitarbeiter der senegalesischen Botschaft, und er sagte: "Souleymane, Fußball ist kein Beruf!"

Frage: Wie konnten Sie ihn überzeugen?

Sané: Ich sagte, dass ich bei ES Viry-Châtillon gutes Geld verdienen werde. Er schaute mich an und sagte: "Das glaube ich nicht!" Schließlich musste er aber den Vertrag unterzeichnen, und da war er mächtig erstaunt.

Frage: Sie waren Torschützenkönig der zweiten französischen Liga. Wie kamen Sie denn zum deutschen Landesligisten FV Donaueschingen?

Sané: Alles begann mit der Einberufung zum Armeedienst. Normalerweise ist es so, dass Sportprofis dabei Privilegien genießen. Sie werden maximal 100 Kilometer von ihrem Verein entfernt stationiert. Vorher muss man aber den Verein informieren, der daraufhin einen Antrag an die Armee stellt. Das Dumme war: Als der Brief mit der Einberufung bei meinen Eltern eintraf, war ich auf einer einmonatigen Urlaubsreise durch Südeuropa. Meine Eltern versuchten erfolglos, mich zu erreichen. Als ich heimkehrte, war es zu spät. Ich erfuhr, dass ich in den Schwarzwald musste.

Frage: Was haben Sie gedacht?

Sané: Ich habe mich sofort informiert und sah: Im Winter sind es dort minus zehn Grad. Ich sagte: "Leck mich am Arsch!" Als ich dann da war, fand ich es aber ganz nett. Auch das Essen: Ich aß zum ersten Mal in meinem Leben Spätzle. Wahnsinn! Mein Lieblingsgericht!

Frage: Nach zwei Jahren im Amateurlager kehrten Sie in den Profifußball zurück, zum SC Freiburg. Hatten Sie keine Sorge, sich zwischenzeitlich verschlechtert zu haben?

Sané: Doch, klar. Zumal in der Zweiten Bundesliga ein anderer Wind wehte. Ich lernte, was deutsche Disziplin heißt. In Frankreich war ich immer fünf Minuten vor Trainingsbeginn gekommen, jetzt hieß es: eine halbe Stunde vor Start in der Kabine. Zunächst war mir das egal. Am Ende des Monats guckte ich dann ins Portemonnaie und dachte: Wo sind die 500 Mark hin? Alles war für Strafen draufgegangen. Danach habe ich einige Dinge geändert.

Frage: Auch Ihr Spiel?

Sané: Das musste ich. Einmal sagte Jörg Berger: "Du kannst weiterhin mit Hacke und Beinschüssen spielen. Beim ersten Mal wird niemand was sagen, beim zweiten Mal können wir den Krankenwagen rufen." Und er hatte recht, wer gefoppt wurde, der trat richtig drauf. Ich lernte also abzugeben.

Frage: Und Sie trafen regelmäßig. In der ersten Saison 17 und der zweiten 18 Mal. Trotzdem gab es Fans, die Sie jahrelang aufs Übelste beschimpft haben. Wie sind Sie damit umgegangen?

Sané: Anfangs habe ich nicht verstanden, was sie riefen. "Husch, husch, Neger in den Busch!" Was sollte das? Später, als ich die deutsche Sprache besser beherrschte, hat mich das natürlich getroffen. Manchmal habe ich versucht, diese Schreier über Ironie bloßzustellen.

Frage: Was haben Sie gemacht?

Sané: Einmal, als ich beim HSV ein Tor gemacht hatte, bin ich zur Eckfahne gelaufen und habe getanzt. Dann hagelten die Bananen und Orangen auf mich nieder. Ich hob eine Banane auf, schälte und aß sie.

Frage: Auch in der Presse gab es Ressentiments. Schon vor Ihrem Wechsel nach Nürnberg schrieb ein Journalist von einer "delikaten Angelegenheit". Fans hätten in Briefen und Telefonaten angedroht, ihre Dauerkarten zurückzugeben, wenn "ein Neger im ruhmreichen Dress des FCN" spielt. Wie haben Sie darauf reagiert?

Sané: Ich dachte mir, solange er nur über mich schreibt, habe ich damit kein Problem. Er ist halt einer, der mich nicht mag. Warum auch immer.

Frage: Er beließ es aber nicht dabei.

Sané: Plötzlich schrieb er diffamierende Artikel über meine Frau, ohne je mit ihr gesprochen zu haben. Also rief ich seinen Chefredakteur an und sagte: "Ich habe lange geschwiegen, wenn er sich noch mal so etwas erlaubt, dann lernt er mich kennen!"

Frage: Sie haben ihm schließlich die Nase gebrochen.

Sané: Ich traf ihn nach einem Training auf dem Parkplatz, er musste zur Pressekonferenz. Er hatte gerade einen Bericht geschrieben, wieder über meine Frau. Als er mich sah, blieb er stehen, denn sein Weg führte unweigerlich an mir vorbei. Da stand er, bestimmt 25 Minuten, und ich sagte: "Ich habe Zeit." Als ich schließlich näher kam und ihn bat, mit dieser Berichterstattung aufzuhören, sagte er nur: "Das ist ein freies Land, ich schreibe, was ich will!" Da habe ich ihm eine Kopfnuss verpasst.

Frage: Wie reagierte Ihr Trainer?

Sané: Der Journalist ist direkt in die Pressekonferenz gerannt, blutverschmiertes Hemd, kaputte Nase. Dort schrie er: "Der Samy will mich umbringen!" Später stand ich draußen mit Hermann Gerland. Der fragte: "Was ist passiert?" Ich sagte: "Wenn Sie mich rausschmeißen müssen, könnte ich damit leben." Er antwortete nur: "Ich wollte eigentlich wissen, warum du ihn nicht umgebracht hast?" Gerland war nämlich das zweite Opfer des Journalisten.

Frage: Nach dem Abstieg 1994 verließen Sie Wattenscheid und die Bundesliga. Bis 2008 spielten Sie aber noch für Rot-Weiß Leithe und stiegen mit dem Team von der Kreis- bis in die Landesliga auf. Da waren Sie bereits 47 Jahre alt.

Sané: Das Schönste war der erste Aufstieg, 2002. Damals stand die WM vor der Tür, und eines Tages rief mich unser Sportminister an. Er wollte, dass ich bei Senegals erster WM-Teilnahme dabei bin. Er dachte da an Kameruns Erfolgsgeschichte mit Roger Milla, der im hohen Alter noch einmal zurückkam. Und er dachte, dass er mir damit ein Geschenk machen könnte.

Frage: Sie haben über 50 Länderspiele gemacht, aber nie bei einer WM teilgenommen. Warum ließen Sie sich diese Chance entgehen?

Sané: Ich fand die Idee nicht gut, einem jungen Spieler den Platz wegzunehmen. Außerdem wollte ich mit RW Leithe den Aufstieg feiern. Wir sind dafür nach Spanien gefahren. Und dann kam es zu dem Aufeinandertreffen meiner Heimatländer: Senegal und Frankreich (1:0). Ich sagte zu meinen deutschen Freunden: "Jungs, Senegal schafft eine Überraschung!" Die anderen winkten ab: "Samy, Quatsch! Frankreich ist Weltmeister!" Also wetteten wir.

Frage: Was war der Einsatz?

Sané: Ich sagte vor dem Spiel: "Wenn Frankreich gewinnt, zahle ich euch für den Rest des Urlaubs alle Getränke!" Und sie antworteten: "Okay, wenn Senegal gewinnt, tragen wir dich für den Rest des Urlaubs aus deinem Hotelzimmer direkt zum Strand." Es wurde ein sehr angenehmer Urlaub.

Das Interview führte Andreas Bock