Fußball und Politik Häppchengeier im Stadionrund
Der ehemalige DFB-Präsident Peco Bauwens wagte in seiner Festrede zum Gewinn des WM-Titels 1954 einen bizarren Ausflug ins Politische und dankte unter anderem dem "alten Germanengott" Wotan für den Beistand. Während sich bei späteren Weltmeisterschaften die Politprominenz auf der Tribüne drängelte, glänzte die Politik bei der WM 1954 durch Abwesenheit. Zum Endspiel erschien kein einziger Bundesminister. Kanzler Konrad Adenauer spielte lieber Boccia.
Genau 79 deutsche Spitzenpolitiker hatten entsprechend dem Protokollkonzept des Bundesinnenministeriums Anspruch auf freie Tickets für die Weltmeisterschaft 2006. Manch ein Politiker musste allerdings zuvor noch die Fakten büffeln, wünschte sich Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) doch ein Finale zwischen Deutschland und Österreich. Letzteres Team war allerdings gar nicht qualifiziert.
Gerne nutzen Politiker den Fußball, um krude Thesen in die Welt zu setzen. So ließ Georges Frêche, sozialistischer Präsident der französischen Region Languedoc-Roussillon, seinen Komplexen freien Lauf: "Normal wären drei oder vier schwarze Spieler, das würde die Gesellschaft widerspiegeln. Dass es so viele sind, liegt daran, dass die Weißen Nullen sind. Ich schäme mich für dieses Land. Bald wird Frankreichs Nationalteam aus elf Schwarzen bestehen." Sportminister Jean-François Lamour konterte treffend: "Die Selektionsregeln für das Nationalteam sind einfach: Nur die Besten vertreten Frankreich. Frêche würde gut daran tun, diese Regeln an sich selber anzuwenden und somit zurückzutreten."
Auf Landtagsbriefpapier versuchte der NPD-Funktionär Uwe Leichsenring sich beim Auswärtsspiel von Dynamo Dresden Zugang zum VIP-Raum des VfB Lübeck zu verschaffen. Die NPD-Fraktion im sächsischen Landtag missbilligte das Verhalten, es sei der "fatale Eindruck" entstanden, Leichsenring wolle "ungerechtfertigte Privilegien für Politiker" nutzen. Schön allerdings die Einschränkung: Nicht zu beanstanden sei, dass er sich "als Sportpolitiker fachlich weiterbilden" wollte. Bei Häppchen und Prosecco.
Kein deutscher Politiker war so oft in den WM-Stadien wie Angela Merkel. Die anfangs reservierte Kanzlerin gab alsbald die jubelnde Enthusiastin und drängelte sich beim letzten Spiel der deutschen Mannschaft sogar an Horst Köhler vorbei, als es um die Vergabe der Medaillen an die deutschen Spieler ging. Protokollarisch wäre der Bundespräsident an der Reihe gewesen. Eine Schnurre, die Innenminister Wolfgang Schäuble gerne in Hintergrund-Gesprächen erzählt.
Weise Worte sprach Theo Waigel, als man ihm anbot, Präsident des TSV 1860 zu werden: "Ich glaube nicht, dass es besonders sinnvoll ist, Politiker an die Spitze von Fußball-Vereinen zu setzen." AltKanzler Gerhard Schröder promenierte allzu gerne mit seinen fußballerischen Neigungen. Das er beim westfälischen Kleinverein TuS Talle wegen seiner rustikalen Spielweise "Acker" gerufen wurde, gehörte ebenso zum Standard-Repertoire wie das nahezu zwanghafte Repetieren der Weltmeisterelf von 1954.
Lesen Sie morgen im dritten und letzten Teil, wie sich einst Bundespräsident Heinrich Lübke auch im Fußball kräftig blamierte.